Im Normalfall sind «Was ist»-Fragen unerspriesslich. (Nur Kinder dürfen sie weiterhin stellen.) Besonders dann, wenn sie darauf zielen, was denn «das Wesen», «das Eigentliche» einer Sache sei. Sie liegen zwar auf der Hand oder «im Wesen» der Neugierde, aber ihre Beantwortung läuft immer auf zwei Verfahren hinaus.

Das eine versucht, den Kern des zu befragenden Phänomens mit Worten einzukreisen. Das hat bereits Karl Popper als «essentialistisch» kritisiert, es laufe darauf hinaus, dass man eine «angemessene Definition» des Wortes suche.

Die Bedeutung von Wörtern, das weiss jeder, entsteht in ihrem Gebrauch. Die Frage: «Was meinen wir mit . . .?» führt uns an den Start zurück und das Verfahren ad absurdum. Das andere Verfahren versucht das «Was ist» auf ein «Wie funktioniert es» zurückzuführen. «Das Wesen» eines Phänomens ist dann mehr oder weniger die Art und Weise, wie wir mit ihm umgehen.

«Hans im Glück» – ein kleiner Exkurs. Die Geschichte ist bekannt. Hans erhält für treue Dienste einen Klumpen Gold als Lohn. Im Verlauf der Story tauscht er ihn zuerst in eine Serie von Nutztieren (Pferd, Kuh, Schwein, Gans), dann in einen Schleifstein – etwas irritierend, dass ihm der Scherenschleifer noch einen zusätzlichen Steinmocken mitgibt.

Schliesslich plagt ihn der Durst, beim Trinken fallen ihm beide Steine in den Brunnen und vom Herzen – und endlich ist er glücklich. Die profane Lehre ist natürlich, dass Besitz nicht glücklich macht. Aber das gewitzte Kind gibt sich damit nicht zufrieden. Die ersten Tauschprozesse kann es sich noch mit Nützlichkeitserwägungen einigermassen plausibel machen. Aber die grosse Frage bleibt: Warum hat der das Gold weggegeben? Es ist doch viel mehr wert als die Tiere, geschweige denn die Steine, die den «pädagogischen Geruch» eh nicht recht loswerden?

Dass es hier ums Glück geht, hat allerdings weder dem Kind damals noch dem Erwachsenen heute je eingeleuchtet. Aber bereits das Kind wurde durch die Brüder Grimm sensibilisiert für den Tausch. Allerdings schob sich auch die Feststellung, dass «man sich dafür auch nichts kaufen könne» ebenfalls noch ins unschuldige Bewusstsein. Mit Gold kann man sich nichts kaufen, das war immerhin eine Erkenntnis, die etwas wert war. Höchstens ein tauschen. Mit Geld hingegen kann man sich alles kaufen.

Zurück zur Realität. Eine falsche Antwort auf eine «Was ist»-Frage sei, so der Wirtschaftswissenschafter und Altphilologe Felix Martin, dafür verantwortlich, dass wir momentan ökonomisch weder ein noch aus wissen. Es geht um die Vorstellung, dass Geld «ein Gut» ist, ein Hilfsmittel, damit der Naturalientausch leichter geht.

«Was ist Geld?» fragt beinahe jedes Lehrbuch der Ökonomie. Und kommt dann mit der hirnrissigen Antwort, dass fast alles «Geld» sein könne. Von den berühmten Kauri-Muscheln irgendwelcher Südseeinsulaner bis zu den berühmten griechischen Bratspiessen (oboloi). Von diesen primitiven Geldformen wenden sich dann die Autoren aber schnell ab – zu den Metallmünzen. Denn das leuchtet den Eleven ein. Die Muscheln eher nicht. Gold- oder eher noch Silbermünzen – das ist Geld, wie es sein soll. Und dann erinnert man sich an die Geschichten von den antiken und mittelalterlichen Münzverschlechterern, die den Edelmetallgehalt minderten, bis der wirtschaftliche Niedergang nicht mehr aufzuhalten war. Stimmt doch.

Eine sehr plausible Geschichte. Aber immer schon grundfalsch, wie uns jetzt auch Felix Martin versichert. Er hat natürlich recht. Der Edelmetallgehalt war allenfalls ein Problem, wenn der Währungsstandard nicht mehr stimmte. Wenn das gemünzte Metall mehr wert war als der Nominalwert der Münze. (Ältere Schweizer kennen das Problem von den Zweifränklern von 1968 her.)

Ganz abgesehen davon, dass die Anthropologen noch keine Gesellschaft fanden, die «den Tausch» praktizierte, ist die Vorstellung, dass sich «auf dem Markt» Leute finden müssen, die Zoccoli (die sie zu viel haben) gegen – sagen wir – Emmentalerkäse (an dem ein anderer Überschuss hat) tauschen wollen, absurd. Auf dem Markt wird gekauft, nicht getauscht.

Also: Was ist Geld? Geld ist kein Gut, sondern eine «soziale Technologie», sagt Felix Martin. Das klingt reichlich abstrakt, aber er erklärt es über den Begriff des «universellen ökonomischen Werts». Geld ist ein Wertmassstab, mit dem alles Mögliche vergleichbar gemacht werden kann. Die Gesellschaft wird «monetarisiert», das heisst: Sie misst alles an einem einheitlichen Massstab, einem Standard. Alles hat dann seinen Preis.

«Objektiv» gibt es kein Mass, wie viel etwas «wert» ist, beruht auf einer mehr oder weniger stillschweigenden gesellschaftlichen Übereinkunft. Aber die Scheine, die Banknoten, die Münzen? Technisch gesprochen (oder funktionalistisch): Geld beruht auf dem Kredit, der Rest ist Zeichen. Das Geldsystem ist ein System von Konten, auf denen Schulden und Guthaben verrechnet werden. Der physische Körper des Geldes, sei er Papier oder Metall oder sonst was, spielt keine Rolle. Er kann es nicht, sonst würde das System nicht funktionieren.

Gegen Geld kann man alles bekommen, wenn es ein bestimmtes Gut wäre, müsste man dieses Gut geben, um es wieder zu bekommen. Ein Unsinn. Ein Zettel, auf dem «20» gedruckt ist, «ist» ein Zahlungsversprechen, das einmal einer abgegeben hat. Und wenn man diesem Kreditnehmer vertraut, dann wird der Schuldzettel «liquid», umlauffähig. Man kann damit bezahlen.

Felix Martin zeigt uns das aus historischer Warte. In der «Wahren Geschichte des Geldes» wird aber auch klar, wie das Geldsystem funktioniert hat – und warum wir jetzt ein so grosses Problem mit ihm haben. Die aktuelle Finanzkrise ist eine «Geld-Krise». Und wir tun uns deswegen so schwer mit ihr, weil wir – oder die Makro-Ökonomik und damit die Politik – das Geld aus ihren Gleichgewichten herausgerechnet hat. Und weil die andere Seite – die Finanzwissenschaft – die soziale Seite des Geldes völlig ausgeblendet hat.

Felix Martin: Geld, die wahre Geschichte. Über den blinden Fleck des Kapitalismus. DVA München 2014. 427 S., Fr. 34.90.