Art Basel Parcours

Körpervisionen im Herzen der Basler Altstadt

Der Art Parcours hat dieses Jahr persönliche Anliegen zum Thema – und veröffentlicht mit dem Körper ein ebenso persönliches wie politisches Gut.

Das ist Verkehr: Wenn man fünfzig Meter vor der Ampel nicht etwa aufgehalten wird, weil sie auf Rot steht, sondern weil sich der Stau jenseits der Kreuzung nicht mehr fortbewegen kann. Am Feierabend und im Puls, den die Art Basel auf alle Hauptadern der Stadt überträgt, zieht dann vielleicht gegenüber vom Altbau des Kunstmuseums ein kleiner Wasserstrahl die Aufmerksamkeit auf sich. Er fällt aus ungewohnter Höhe aufs Trottoir und lässt die Fussgänger auch zu überhitzter Stunde einen kleinen Bogen machen.
War sie immer da?

Das ist die glückliche Version von Kunst im öffentlichen Raum: Noch bevor man sie durch ein Schild als Kunst erkennt, hat sie sich in der Stadt eingenistet und tut, als wäre sie schon immer da gewesen. Katinka Bock hat Wasser aus dem Ritterhof zu ihrem bronzenen Fisch abgezweigt und betröpfelt nun frech die Passanten. Wenige Gehminuten weiter, beim Sportplatz an der Rittergasse, hat die Brasilianerin Erika Verzutti ein Zeichen gesetzt: Als Tatzelwurm kriecht ihre Plastik die Mauer hoch.

Beim näheren Hinsehen entpuppt sich das unheimlich schöne Körperrelief als bronzener Abguss von Bananen, lässt an Schwarzhandel denken oder an einen langen, vulkanischen Schlund. Wieder nur ein paar Schritte von da, vor dem Zivilgericht, eine Standfigur aus schimmerndem Marmor: die Augen verbunden und um die Hände ein blaues Seil gelegt, ist der athletische Jüngling Richter und Gefangener zugleich.

Das Werk der gebürtigen Iranerin Reza Amaresh erinnert an dieser Stelle ein bisschen an die europäische Justitia und ein bisschen an Rodins berühmte «Bürger von Calais» im Hof des Kunstmuseums. Und so gehts weiter am Art Parcours. Zum achten Mal in Folge lädt die temporäre Schau in Basels öffentlichem und halb öffentlichem Raum dazu ein, mit der Kunst auch ein Stück Stadt neu zu entdecken.

Die Stadt veröffentlichen

Kostenlos und exklusiv, weil auf Zeit. Das ist weit mehr als ein Trost für die Neugierigen, die ohne Preview-Karten bis morgen Donnerstag auf den Zugang zur Hauptmesse warten müssen. Unkompliziert erschliesst es Höfe, Gärten und Innenräume, die sonst auch von den Heimbaslerinnen und -baslern kaum betreten werden. Ohne Rucksack-Kontrollen wird man begrüsst und bekommt im Vorbeigehen das Booklet mit Übersichtsplan und Hintergrundwissen.

So schlendert eine lockere Schar von Kunsttouristen gelassen über den Münsterhügel und verweilt bei den unterschiedlichsten Körpervisionen, die der Kurator Samuel Leuenberger hier versammelt hat. Persönliche Bekenntnisse haben ihn interessiert dieses Jahr und die Frage, wie es die Kunst von heute wagt, unsere Lebensgrundlage, den Körper, öffentlich zu machen.

Im Museum der Kulturen bekam Miriam Cahn einen ganzen Raum zugewiesen. Hier nehmen die Höhlungen von Baumstämmen menschliche Formen an und sind zum «Schlachtfeld» ausgelegt, während man auf Bildschirmen rundum die Künstlerin plastizieren sieht. Sie reicht sich die nachgeformte Hand, greift nach der Brust aus Plastilin und ertastet ein männliches Glied, als gehörte es zu ihr.

Das klingt nach, wenn eine das «Positive Energy Movement» in hypnotisierender Stimme den Treppenaufgang des Naturhistorischen Museums einnimmt oder Berlinde de Bruyckeres eiserner Hirsch ausgestreckt im Höflein auf einem Tisch liegt. Der Körper ist ein «Kampfschauplatz», gewaltbereit und verletzlich zugleich.

Es ist die alte, stolze Stadt, die für ein paar Tage der Art eine Kulisse bietet. Der Parcours ist leicht zu Fuss zu machen und wird ergänzt um ein variantenreiches Abend-Programm, das am Samstag in einer Performancenacht gipfelt.

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