Literaturclub
Knatsch im Lesezirkel: Warum das SRF Moderator Zweifel absetzt

Das Schweizer Fernsehen enthebt Stefan Zweifel seines Amtes als Moderationsleiter des Literaturclubs. Dieser wehrt sich mit einem Brief an die Medien. Ob Zweifel weiterhin im «Literaturclub» des SRF mitdiskutiert, ist unsicher.

Anna Kardos
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Zurückhaltender, differenzierter Diskutant: Stefan Zweifel. Siggi Bucher/SRF

Zurückhaltender, differenzierter Diskutant: Stefan Zweifel. Siggi Bucher/SRF

Siggi Bucher

Der Moderator ist aus seiner Rolle gefallen. Und das gleich doppelt. Erstens soll Stefan Zweifel auf Wunsch des SRF seine Moderatorenrolle im «Literaturclub» abgeben. Zweitens hat er, der doch im «Literaturclub» die Statements seiner Gesprächspartner umsichtig sammelt und eloquent bis hin zu überkorrekt miteinander verknüpft, vorgestern jede Moderatoren-Umsicht fahren lassen.

Anlass war ein Gespräch zwischen Zweifel und seiner Vorgesetzten Esther Schneider, erklärt Nadine Gliesche, Mediensprecherin des SRF, gegenüber der «Nordwestschweiz». Darin ging es um Stefan Zweifels Rolle als Moderator. Eine Rolle, in welcher der Literaturkritiker sich laut Gliesche «selbst nicht ganz wohl gefühlt hat». Es ist auch eine Rolle, in der er Schneider, die für das Literaturprogramm auf SRF zuständig ist, nicht überzeugte.

Inbrünstiger Literaturkritiker

Doch warum die Umbesetzung seitens des SRF? Die angestrebten Veränderungen seien nicht der Quote geschuldet, «die ist stabil», meint Gliesche. Es handle sich vielmehr um einen redaktionsinternen und journalistischen Wunsch.

Natürlich stimmt es: Wer sich an Stefan Zweifel als ehemaligen Mitkritiker des «Clubs» erinnert, hat das Bild eines inbrünstigen Literaturkritikers vor sich: eine Mischung aus ewigem Knaben und Nerd, aus jemandem, der sich leidenschaftlich dem literarischen Eros verschrieben hatte, und jemandem, den es nicht allzu sehr kümmerte, wer ihm wie weit in sein literarisches Universum folgen konnte.

Doch seit der Zürcher Kritiker vor zwei Jahren die Moderation des «Literaturclubs» übernommen hatte, ist er nicht mehr der jugendliche Heisssporn, sondern ein zurückhaltender, differenzierter Diskutant. Von dieser «Rolle» will ihn die Redaktion von SRF nun «entlasten». Nadine Gliesche, Mediensprecherin des SRF, formuliert es positiv: «Wir schätzen seine Stärke als pointierter und kluger Kritiker noch höher.»

Verständlich, dass dieses «Entlastungsangebot» (das faktisch eine Zurückstufung ist) bei Zweifel nicht gut ankam. Zumal jener Teil des Angebots, das er nicht mehr moderieren soll, laut SRF «entschieden» ist. Im Gespräch mit Esther Schneider kochten also die Emotionen hoch und kulminierten in einem von Stefan Zweifel verfassten E-Mail an SRF und «Tages-Anzeiger». Darin fordert der Moderator, Esther Schneider solle ihrerseits die Gesamtleitung des «Literaturclubs» abgeben.

Verhandlungen laufen

Ursprünglich sollte die Umbesetzung so behutsam wie respektvoll, zudem in aller Diskretion vor sich gehen. Die Verhandlungen laufen immer noch. Auch ob Zweifel weiterhin als Kritiker Mitglied des «Clubs» sein will, steht bis dato offen: «Wir sind im Gespräch, es ist noch nichts entschieden», meint Gliesche. Eine Entscheidung wird frühestens heute Donnerstag erwartet.

Ob Stefan Zweifel indes die Karriereleiter von der Moderatorenstufe zu einem der drei Mitdiskutierenden nach zwei Jahren wieder hinunterklettern mag, ist fraglich. Erst recht nach seinem halb offenen E-Mail an das SRF, das für das gegenseitige Einvernehmen der Parteien wohl nicht gerade förderlich war.

Der umsichtige Moderator ist also aus seiner Rolle gefallen. Und da hat SRF ihn wieder – den früheren Stefan Zweifel. Den leidenschaftlichen Mitstreiter, der sich auch mal in den Facetten seiner eigenen Argumentation verrennt oder von Leidenschaft gepackt übers Ziel hinaus schiesst. Falls er den «Literaturclub» tatsächlich verlassen sollte, ist unklar, wer die kommende Sendung vom 23. Juni moderieren wird. So weit war man nämlich in den Verhandlungen noch nicht vorgestossen.

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