Es beginnt mit zwei Hasen. 1996, in Kathrin Schärers CD-Spieler singt Endo Anaconda «Mis Haseli het grännet, es het es Ohr verlore / drum hani müesse Fieber mässe, ’s het grännet wine Mohre». Schärer steht daneben und sagt zu sich: Jetzt machst du das. Das Lied gefällt ihr und sie hat eine kleine Nichte, der es auch gefallen wird – besonders wenn die Tante ihr als Ostergeschenk das CD-Cover dazu zeichnet.

Mehr als zwanzig Jahre später hat es der Hase aufs Buchcover geschafft. Endo auch, ja, aber wir meinen nicht den stillen Has. Sondern Schärers derzeitiger Hase – ein kleines, neugieriges Hasenkind, das auf den Namen Stummel hört und so herzzerreisend knuffig ist, dass man ihn ständig seinem Kind erzählen will, auch wenn das Kind lieber Globi will, oder Prinzessin Lillifee.

Prinzessin Lillifee! Kathrin Schärer schaudert und lacht. Sie sitzt im Geschäft ihres Freundes an der Rheingasse, wo auch viele ihrer Zeichnungen hängen. Und alle Bücher stehen. Für die wurde Schärer ausgezeichnet, im Dezember hat sie zum zweiten Mal den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis gewonnen. Für Publikationen, die so weit weg von Prinzessin Lillifee sind, wie man es sich nur vorstellen kann.

Keine einfache Story

Nehmen wir das aktuelle Buch, die Geschichte vom Hasenkind Stummel. Es ist keine einfache Kinderstory, da sind viel Text und viele Abenteuer, auch schwierige, Tod und Trauer finden genauso Eingang wie Freundschaft und Familie. Genau das gefällt Schärer an der Geschichte. «Es geht nicht nur um herzige Häsis, den Kindern wird etwas zugetraut».

Sie wusste sofort, dass sie es illustrieren wollte. Wer Schärers Arbeit kennt, den erstaunt das nicht: Ihr Name steht unter anspruchsvollen Kinderbüchern, solchen, bei denen Text und Bild zusammengehören, wie der vorlesende Mund und das staunende Auge. Sie zeichnet meistens Tiere, mit Fotos als Vorlage, manchmal drückt sie dafür eigens im Zolli auf den Auslöser.

Einmal gesehen, vergisst man diese Bilder nicht: Stummels Fell, so liebevoll gezeichnet, dass man immer wieder mit dem Finger drüberfahren muss. Und sein Gesichtsausdruck wenn er zum ersten Mal Schnee kostet. Zunge raus, Schneeflocke drauf, Pfötchen hoch, Augen auf! Das Kind machts gleich nach. Genau so muss eine Illustration sein, denkt man, so mühelos vollkommen.

Vom Hasen zum Pauli

Ganz so mühelos war es dann aber doch nicht immer. Vor allem nicht vor zwanzig Jahren, als die ausgebildete Zeichenlehrerin beschloss, es mit dem Illustrieren zu versuchen.
Nach Endos ohrlosem Hasen stellte sie selbst eine Mappe zusammen und reiste an die Frankfurter Buchmesse. Hier klapperte sie Stand für Stand ab, «eine schwierige Angelegenheit mit vielen Absagen.»

Schliesslich ergab sich dann doch was – ein Kontakt zum Sauerländer Verlag, bei dem sie 2001 ihr erstes Bilderbuch «Bella bellt und Karlchen kocht» veröffentlichte.
Von da an gings rasant weiter. Im selben Jahr erschien ihr erstes Buch mit dem Berner Autor Lorenz Pauli, das erste von vielen, sie ist mittlerweile eng mit ihm befreundet. Später kamen Franz Hohler und der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami dazu.

Jetzt zeichnet sie für den Schweizer Autor Max Bolliger, der 2013 verstorben ist. Sein Buch über Hasenkind Stummel wird mit Schärers Illustrationen neu aufgelegt. Keine einfache Sache, Schärer arbeitet gerne eng mit den Autoren zusammen. An einer Stelle des Buches kommt zum Beispiel ein Hund vor, den Schärer sofort als deutsche Dogge zeichnete. Erst später merkte sie, dass Bolliger in der Geschichte von einem kleinen Hund redet, mit Hängeohren. «Da konnte ich nicht einfach anrufen und sagen, er solle das ändern».

Sie lacht. Schärer lacht viel, unaufgeregt, aber viel. Und sie hört gut zu. Am Ende hat man selbst fast mehr geredet als sie. Aber vielleicht muss das ja so sein, der Journalistin das Wort, der Illustratorin die Zeichnung. Wer mit einem Stift so viel Seele in ein Hasenkind stecken kann, der braucht das Wort ohnehin nur als Kumpan.

«Stummel. Ein Hasenkind wird gross«, Text Max Bolliger, Illustrationen Kathrin Schärer. Atlantis Verlag, 144 Seiten.