Katharina-Arni-Howald

Vor dem Restaurant Roter Turm, wo am Samstagmorgen immer wieder Organisationen für ihre Anliegen werben, geht es am Karsamstag besonders bunt zu und her. Die Marktgängerinnen und Marktgänger stecken dicht gedrängt ihre Köpfe in hübsch geflochtene Weidenkörbchen, in denen frisch bemalte Eier liegen.

Hans Vogt hat Zeit, sich mit den staunenden Menschen zu unterhalten - temperamentvoll, wortreich und mit kräftiger Stimme. Nach der Fasnacht hat er mit dem Bemalen seiner 30 Eier begonnen. Die einmaligen Kunstwerke haben alle dasselbe Sujet: Eisenbahnen. Der gelernte Zimmermann und Eisenbahnfreak zieht die Betrachter in seinen Bann. Mit dem Finger zeigt er auf die Achsen eines Miniaturbähnchens und auf ein Viadukt der Rhätischen Bahn. Ihn fasziniert, dass die Landschaft Albula-Bernina in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen wurde. Weiter wandert sein Finger zum Rathaustürmchen von Poschiavo. Sechs Stunden hat er für jedes Ei aufgewendet.

Anstelle eines «Schoggihasen»

«Mein Mann arbeitete drei Jahre lang als Speisewagenkoch im Glacierexpress», sagt eine ältere Dame und wägt ab, ob er an einem solchen Ostergeschenk Freude haben könnte. Eisenbahnfreaks sind auch Mann und Sohn einer jüngeren Frau. «Anstelle eines Schoggihasen», sagt sie und will herauszufinden, welches der Mini-Meisterwerke für ihre beiden Männer das richtige sein könnte. Währenddessen erzählt Hans Vogt wie er als Zimmermann dazu gekommen ist, Ostereier zu bemalen. «Ausschlaggebend war die Ostereierausstellung im Turm von Halten», sagt er. «Kann ich das auch oder sogar noch besser?», habe er sich gefragt und gleich festgestellt, dass man nicht «Hüseli machen», sondern «den Meridianen entlang malen muss.»

Auch Mogeln gehört dazu

Während Hans Vogt dem Verkauf seiner Eier frönt, sind Mario Cavoli und Fritz Breiter ins Malen vertieft. Nur hie und da fällt irgend ein Spruch, der die beiden zum Lachen bringt. «Wir haben jedes Jahr wieder Spass daran zu widerlegen, dass nicht nur Hühner Eier legen», kichern die beiden.

Dass es nicht einfach ist, ein Ei zu bemalen, ist klar. Vor allem wenn man «um die Ecke komme» sei es oft unumgänglich «kleinere Korrekturen» anzubringen. Ein bisschen «bschiisse» gehöre einfach dazu, schmunzeln sie, froh darüber, dass die Zeit des Eiermalens limitiert ist und es sich um ein «reines Saisonprodukt» handelt. Die beiden prahlen damit, dass sie für jedes Ei zwei Jahre Garantie geben, allerdings nur, wenn man dieses nicht fallen lasse.

Erheitert blickt Helga Jurt von Amnestie International (AI) auf die beiden und sagt: «Ich bin seit zwanzig Jahren dabei und freue mich immer auf diesen Tag. Wenn es kalt ist wärme ich den Künstlern die Hände, aber heuer ist dies nicht nötig.» Es sei einfach schön bei einer so erfolgreichen Aktion mitzuarbeiten, meint auch ihre Kollegin Monika Biedermann. Ein paar tausend Franken liegen für AI an diesem Tag drin.