Er ist Dichter bis ins einzelne Wort hinein. Er erfindet Wortbildungen, die sich zwar an die Alltagssprache anlehnen, denen er aber gleichsam im Handumdrehen einen tieferen Sinn verleiht. So wird bei ihm der Ausländer zum «Rausländer», Gott wird konsequent «Godt» geschrieben, um anzutönen, dass man nur über den Tod zu ihm gelangt, Heimat wird zu «Heimhat», andeutend, dass der Dichter nirgendwo wirklich verwurzeln kann.

In Alex Sadkowskys Gedichten ist das Meer «entwellt», die Stadt «übermenschelt», Hotels sind «fachmännisch paradiesiert». Wörter werden beim Wort genommen, etwa die Schuhe «abgefusst», der Hut «abgekopft», der Rucksack «abgerückt». Im Gedicht «Das Siebengestirn» heisst es: «Der liebe Jakob / der sture Neinkob / der launische «Vielleichtkob». Solches amüsante Zu-wörtlich-Nehmen erinnert zuweilen an die bitter-fröhliche Lamentatio des grossen Dadaisten Jean Arp – wie Sadkowsky eine Doppelbegabung.

Verdichtete Form

Der 1934 in Zürich geborene, seit Jahren in Schneisingen wohnhafte Alex Sadkowsky zählt zu den wichtigsten Malern und Objektkünstlern des Landes. Weniger bekannt ist, dass er auch bedeutende literarische Werke hervorbringt. In der Edition Howeg ist nun ein Buch erschienen, in dem 126 Gedichte aus den letzten vier Jahren und ein Prosastück vereint sind, das Sadkowsky als Novelle bezeichnet.

Er hat einige lange Gedichte geschrieben. «Die schönste Bettlerin im Gesicht» beispielsweise umfasst über acht Buchseiten. Solche lange Gedichte sind schwer zu verstehen. Er hat auch sehr kurze Gedichte gemacht, Drei- und Vierzeiler, die von fern an das japanische Haiku erinnern. Das Gedicht «Erster Frühlingstag» lautet: «Die Tauben flattern auf. / Du hast in die Hände geklatscht. / Der Applaus aber galt der Sonne.» Was diese paar Zeilen in verdichteter Form aufleuchten und mitschwingen lassen, darüber könnte man seitenlange Interpretationen schreiben.

Fatale Wahl

Das Gedicht «Einziger Lockruf», das der Sammlung den Titel verliehen hat, endet folgendermassen: «Geh, sei gegangen. / Oder bleib, sei geblieben.» Diese Alternative gewährt «meine Mutter». Das lyrische Ich kann wählen, ob es bei der Mutter bleiben oder ob es sie verlassen, das heisst ein eigenständiges Wesen werden will. Wenn man am Spieltisch aufs Ganze geht, verliert man alles, macht das Gedicht «Casino» deutlich. Nimmt man beide Gedichte, «einziger Lockruf» und «Casino», zusammen, schält sich die Lebenserfahrung – auch Sadkowskys Losung – heraus: Wir haben die Wahl zwischen einer «kleinen» Freiheit und einem grossartigen Scheitern.

Die Verwandlung der Zahlenwelt

Sadkowskys Novelle «Die Umwandlung» erscheint im Wesentlichen als ein grosser Dialog zwischen dem «Mann» und dem «Kind», wobei dieses im Lauf des Gesprächs, das sich über die Jahre hinzieht, zur jungen Frau heranwächst. Beide Hauptfiguren sind mit grotesk-poetischen Eigenheiten ausgestattet: So pflegt das Mädchen mit seiner Zahnspange das Haar zusammenzuhalten, während der Mann bei jeder Gelegenheit eine Träne im linken Auge mit der Krawatte auswischt; immer trägt er einen Rucksack mit sich herum, in dem er sein Saxofon verstaut hat.

Der Mann hat sich als Lebensziel gesetzt, die Zahlen in die Namen von Musikinstrumenten umzuwandeln – daher der Novellentitel «Die Umwandlung». So soll die 4 künftig Zugtrompete, die 179 Schifferklavier, die 23 Bassgitarre heissen. Eine Million wird durch Kammerorchester, eine Milliarde durch Symphonieorchester ersetzt. Bei diesen Umwandlungsoperationen spielt das Mädchen die Rolle der lebensbejahenden Muse. Ursprünglich verwandelte der Mann die Zahlen in unangenehme, ja bedrohliche Bilder und Situationen; erst dank dem Mädchen hellen sich die Assoziationen zwischen Zahl und Musikinstrument auf.

Das Scheitern bei der Null

Sind die Menschen überhaupt bereit, diese Umwandlungen anzunehmen? Der Mann überwindet seine Zweifel, als es ihm gelingt, die Gäste im Restaurant im ersten Stock des Hauptbahnhofs Zürich durch sein Saxofonspiel zu bezaubern: «In glücklicher Qual fielen sich alle um den Hals, als wären sie ineinander verliebt.»

Nur für die Zahl Null fand der Mann keine Umwandlungsmöglichkeit. In diese Offenheit mündet die ganze Novelle. Gegen ihren Schluss taucht die Verlobte des Mannes auf. Sie verlässt ihn aber wieder, wie auch das zur Frau gereifte Mädchen. «Die Träne im linken Auge des Mannes war für immer getrocknet», lautet der letzte Satz der Novelle. Anders gesagt: Der nun auf sich selbst gestellte Mann bleibt ernüchtert zurück. Er ist zwar endlich frei, jedoch winkt ihm ähnlich wie in Alex Sadkowskys Lyrik nicht die grosse Freiheit, nur die kleine Freiheit scheint verfügbar.