«Es ist nur eine Annäherung», antwortet Walter Küng auf die Frage, ob «Auf der Suche nach dem Paradies» ein Entwurf des ewigen Glücks sei. Er glaube auf jeden Fall an das Paradies als etwas sich Wandelndes, Bewegendes, nie Endendes.

So passt denn auch das Konzept, das der Leiter der Abteilung Theater und Tanz des Aargauer Kuratoriums gemeinsam mit Argovia-Philharmonic-Intendant Christian Weidmann entworfen hat, sowohl zu der Idee von Perfektion wie auch zu jener des Zerfalls: In einem Rundgang, der gespickt ist von Überraschungen, kleinen Wundern und grossen Gefühlen, erweist das Publikum einem historischen Gebäude die letzte Ehre. Gelockt von der Musik, die immer wieder von woanders herklingt, durchstreift das Publikum einen Abend lang das leerstehende Hotel; vom Eingang zu den Zimmern und bis in die Badeanlage hinunter.

Der Verenahof, in seiner Blütezeit nach 1845 Magnet für Badegäste aus aller Welt, ist seit 2002 geschlossen. Das baufällige Gebäude, in dem Hermann Hesse fast dreissig Jahre lang regelmässig verkehrte, in dem auch Werke wie «Der Kurgast» und «Das Glasperlenspiel» entstanden, wird wenige Tage nach der letzten Aufführung am 4. Juni teilweise abgerissen. Was unter Schutz steht und noch einigermassen renovierbar ist, bleibt – doch der grösste Teil wird zumindest umfunktioniert.

Lang ersehnter Traum

«Ich wollte schon lange etwas im Bäderquartier machen», erzählt Walter Küng, der nicht aufhören kann, geheimnisvoll zu schmunzeln, während er von seinem Projekt erzählt. «Als wir uns dieses alte Hotel einmal genauer ansahen, war bald klar: Hier soll es sein.» Und weil für Walter Küng das Adjektiv «paradiesisch» fast gleichzusetzen ist mit «musikalisch», erstellte er ein Konzept, welches das geheimnisvolle, beeindruckende Gebäude mit Musik füllen soll – «Nur mit Musik!», betont er, denn die «Gäste» werden angehalten, striktes Schweigen zu bewahren. Fräulein Brunner, verkörpert von der Basler Schauspielerin Verena Buss, die durch den Abend leitet, wird die Kurgäste denn auch immer wieder darauf hinweisen.

Die anderen Rollen (der Rezeptionist, der Koch, ein älteres, ewig suchendes Ehepaar und die Bardame, zum Beispiel) werden von Statisten besetzt. Auch sie sollen für Ruhe sorgen – vor allem aber sind sie wie ein lebendes Relikt, eine Erinnerung an längst Vergangenes, eine Hommage an etwas, was nie wieder so sein wird wie früher.

Fortsetzung und Neuanfang

Es ist nicht das erste Mal, dass Walter Küng sein Publikum in die Vergangenheit lockt. Mit «Hotel offen» belebte er bereits 2008 das Bäderquartier. Die Produktion war ein grosser Erfolg. Was fasziniert den Schauspieler und Erzähler so an diesem Gebäude? «Das Nebeneinander von Verfall und Schönheit, und auch die Metapher des Todes, die dem Begriff «Paradies» innewohnt», sagt er. Von Anfang an hätten ihm der modrige Geruch und der überall auf eine andere Weise sichtbare Verfall imponiert. Gegen den Geruch lässt sich nichts machen: Auch das Publikum wird da durchmüssen, in den oberen Stockwerken riecht es nach Feuchtigkeit und Schimmel, in den Katakomben sticht einem ein teilweise fast unerträglich starker Schwefelgeruch in die Nase. Auch sonst bleibt der Verenahof naturbelassen: die Löcher in der Decke bleiben genauso wie die Spinnweben in den Ecken.

Auch eine musikalische Reise

All das verweist auf die Verspieltheit und den Schalk, die man Küng anmerkt. Im ganzen Rundgang durch den Verenahof wird man auf kleine Überraschungen stossen, immer wieder soll man sich fragen: Was ist das wohl?

Bei aller Bewunderung für das Gebäude und das Schauspiel, das Hauptaugenmerk liegt auf der Musik. Paradiesisch-fein, durchaus kitschig und dann und wann humoristisch werde sie klingen. So spielt das Argovia Philharmonic, dessen Intendant Christian Weidmann auch entscheidend zum Konzept beitrug, unter anderem Mozart und Debussy, auch ein Morgenstern-Gedicht wird gesungen.

Vom ganzen, schlussendlich auch logistischen Aufwand erhofft sich Walter Küng ein Erlebnis der Extraklasse – von Bürgern für Bürger. Der Rundgang durch das einst grosse Hotel soll ein Aus-der-Zeit-Fallen, ein Stillwerden sein – und einen zum Zuhören, zum Hinschauen bringen. Indem er im Zerfall die Schönheit sucht, will Küng die Neugierde und die Lust im Besucher wecken, sich vorzustellen, was das Paradies sein könnte – und kann.

Auf der Suche nach dem Paradies von Walter Küng und Christian Weidmann.

Premiere: 20. Mai, 20 Uhr, vor dem Verenahof, Baden.

Weitere Aufführungen: Sa 21.5., Di 24.5. bis Samstag 28.5. und Di 31.5. bis Sa 4.6., jeweils 20 Uhr, Verenahof Baden.

Weitere Informationen

https://kulturagenda.baden.ch/de.html/844/event/1856/eventdate/91652

http://www.argoviaphil.ch/de/saison_15-16/konzertuebersicht/spezialkonzerte_2