Kunsthaus Zürich

Kino in Echtzeit: Christian Marclay’s «The Clock» im Kunsthaus Zürich

Eiin Film, der 24 Stunden lang dauert? Christian Marclay macht es möglich. Sein 24-Stunden-Film «The Clock» ist ein Collage-Wunderwerk. Dabei läuft das Werk stets synchron mit der Echtzeit. Ab Freitag ist er im Kunsthaus Zürich zu sehen.

Es ist Zeit. 11.38 Uhr starten wir den Kinobesuch im Kunsthaus Zürich. Fünfzehn weisse Sofas stehen im dunklen Saal, wo normalerweise die bedrängenden Gemälde von Edvard Munch und die Bergbilder von Giovanni Segantini hängen. Auf der Leinwand schaut eine Frau gebannt auf ihre Uhr – wir auf unsere. 11.38 Uhr – hier wie dort! Dann switcht der Film in einen Salon, ein Büro, wieder auf die Strasse, in den Wilden Westen. Immer sind da Uhren, die Zeiger schieben sich langsam vorwärts auf 11.39, auf 11.40, auf 11.41 Uhr. Und wir begreifen: Dieser Film heisst nicht nur «The Clock», dieser Film ist auch eine Uhr. In Echt- und Jetzt-Zeit.

Und wie die Zeit sich als Abfolge von Tausenden von Sekunden abspult, ist Christian Marclay’s Opus Magnum aus Hunderten, ja Tausenden von Filmsequenzen zusammengesetzt. «Ich weiss nicht, wie viele es genau sind, wohl über 3000», erklärte der Künstler beim Gespräch vor dem Filmbesuch gestern im Kunsthaus. Hauptlieferantin war Hollywood. Warum? «Dort gibt es am meisten Filme», sagt Marclay trocken.

Christian Marclays «The Clock» wird im Kunsthaus Zürich gezeigt

Christian Marclays «The Clock» wird im Kunsthaus Zürich gezeigt

Synchrone Uhren in Film und Kino

In den ersten Minuten mag man es kaum glauben, dass die Zeit im Film mit der Uhrzeit im Kino synchron läuft. Geht die Zeit so langsam? Kann in einer Minute so viel passieren? Langsam, aber sicher ist das Zeitsystem verinnerlicht.

11.43 Uhr: Es wird dramatisch. Am Big Ben (oder ist es die Uhr der Gare d’Orsay in Paris?) schlägt einer die Scheibe der riesigen Uhr ein, klettert raus und an ihr hoch. Filmschnitt: dasselbe in Schwarz-Weiss. Filmschnitt: wieder zurück. Filmschnitt: Jetzt baumeln zwei an der Uhr. Filmschnitt: Das staunende Publikum.

Im Minuten- oder Sekunden-Takt wechseln die Szenen: schwarz-weiss und farbig, alt und neu, Hollywood und Europa. Der Kopf rattert. Wie heisst dieser Film, dieser Schauspieler? Das ist doch … Bis einem der Titel, der Name einfällt, ist man schon in der nächsten Szene, in einem anderen Genre, einer anderen Epoche, einer anderen Jahreszeit – aber immer in der richtigen Uhrzeit.

Mit «The Clock» hat Christian Marclay einen grossen Wurf gelandet. Im letzten Jahr bekam er dafür den «Goldenen Löwen» an der Biennale Venedig, und vor den Museen in Paris, London, New York und Moskau stand das Publikum Schlange, um einige Minuten oder Stunden von «The Clock» zu sehen. International bekannt war der 1955 in Kalifornien geborene und in Genf aufgewachsene Musiker, Video-Künstler und Performer schon vorher. Auch in Zürich. Hier hat er 1997 den Preis für junge Kunst erhalten und das Publikum mit seiner Ausstellung bezirzt.

Typisch für Marclay ist die Verbindung von Klang und bewegtem Bild. Für «Recycled Records» hat er um 1980 Vinylplatten zerbrochen, wieder zusammengeklebt und den rhythmisch rumpelnden Sound abgespielt. In «Guitar Drag» (2000) hat er eine Elektro-Gitarre an einen Pick-up angehängt. Jaulend und kreischend scheint das Instrument dagegen zu protestieren, dass es brutal über Feldwege und durch den Wald geschleppt wird.

Jahrelange Arbeit für ein Team

Ein Team habe unzählige Filme visioniert und Szenen mit Uhren vorgeschlagen, erklärt Marclay. «Doch wichtiger als die Auswahl der Filme war die richtige, die stimmige Montage, der rhythmisch richtige Ablauf. Aus den vielen Einzelsequenzen soll wieder eine Erzählung werden.»

11.55 Uhr. Wir begreifen, was Marclay meint. Denn so kurz vor zwölf wird es bedrängend und hektisch. Hier droht die Bombe um zwölf, dort der Ausbruch, da rennt einer zum Zug, dort verheisst ein böser Blick auf die Uhr nichts Gutes. Das mulmige Gefühl steigert sich von Szene zu Szene, von Sekunde zu Sekunde. Dann ist es 12 Uhr! Quasimodo beginnt sein wahnsinniges Geläute der Glocken von Notre-Dame. Der Ton zieht sich weiter, die Szene wechselt ... Easy Rider, James Bond, Charles Bronson, Amélie, John Travolta, Woody Allen ... bunt gemixt. Doch fast nie entsteht der Eindruck von Häppchen oder Schnipseln, denn Ton und Befindlichkeit, Rhythmus und Thema spannen erstaunlich dichte Bögen.

«Gabs auch schwierige Tageszeiten?», wird der Künstler gefragt. Der Künstler lächelt und meint: «Kein Problem, einzig von Morgens fünf Uhr bis halb sechs war es nicht so einfach.» Wer will, kann übrigens auch um diese Unzeit ins Zürcher Kunsthaus. Zweimal läuft der Film nämlich 24 Stunden nonstop – heute und am Freitag, 31. August.

12.45 Uhr. Nach etwas mehr als einer Stunde verlassen wir das Kino. Nicht nur gut unterhalten, sondern auch verwirrt. Schaffen wir das Tram, den Zug? Irgendwie scheinen die reale Zeit und unser Zeitgefühl nicht mehr synchron. Die Uhr läuft plötzlich schneller.

Christian Marclay The Clock. Kunsthaus Zürich, bis 2. September.

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