Schriftsteller

«Kinder lesen, weil sie nicht verstehen» – Peter Bichsel über die Sucht nach Buchstaben

«Wenn ich auf der Strasse zwei Menschen sehe, die sich umarmen, denke ich immer: Die haben dasselbe Buch gelesen», sagt Schriftsteller Peter Bichsel (83).

«Wenn ich auf der Strasse zwei Menschen sehe, die sich umarmen, denke ich immer: Die haben dasselbe Buch gelesen», sagt Schriftsteller Peter Bichsel (83).

Nach fast vierzig Jahren hat sich Peter Bichsel 2014 mit einer Kolumne in der «Schweizer Familie» vom Schreiben verabschiedet. Dieses Jahr hat sich die Kulturjournalistin Sieglinde Geisel mehrmals mit Peter Bichsel getroffen und ihre Gespräche in ein Buch gepackt. Ein Auszug.

«Das Schriftstellerdasein ist ein Luxus. Es ist ein lebenslanges dilettantisches Geschäft.» Schmal ist er geworden, er lässt sich Zeit, aber mit dem Kopf ist er voll da. Lebensklug, wach und warmherzig sind die Sätze, die der 83-jährige Peter Bichsel jüngst am Lesefestival «Zürich liest» aus dem Stegreif auf den Punkt formulierte.

Die Kulturjournalistin Sieglinde Geisel hat Peter Bichsel dieses Jahr mehrmals getroffen, zumeist in seinem Arbeitszimmer in Solothurn. Thematisch gebündelt, hat sie ihre Gespräche in ein Buch gefasst — und musste fast nichts weglassen. Ein Auszug.

Peter Bichsel, Sie haben sich 2014 mit einer letzten Kolumne in der «Schweizer Familie» von Ihren Lesern verabschiedet, nach fast vierzig Jahren als Kolumnist. Schreiben Sie wirklich nicht mehr?

Peter Bichsel: Nur noch, was mir abverlangt wird. Vorworte, Nachworte.

Fehlt Ihnen das Schreiben?

Ich war nie ein leidenschaftlicher Schreiber, obwohl es mir Spass machte, wenn mir etwas gelang. Ich habe gespürt, dass ich Gefahr laufe, in so ein Altersgeleiere zu kommen, und das wollte ich vermeiden. Ich bin nicht mehr oft hier in meinem Arbeitszimmer in Solothurn. Ein teurer Luxus, aber ich brauche den Arbeitsweg von Bellach hierher. Es ist mein Heimatmuseum. Sie sitzen gerade unter der Pfeife von Max Frisch. Der würde sich ärgern, wenn er seine Pfeife an meiner Wand sähe!

Wie haben Sie mit dem Schreiben begonnen?

Im Lesebuch in der Schule gab es eine Geschichte von Johann Peter Hebel. Ich habe das Buch von mir weggehalten, die Augen ein wenig zugekniffen und mir gesagt: Da könnte ja auch «Peter Bichsel» drunterstehen. Ich habe angefangen, Geschichten zu schreiben, noch bevor ich alle Buchstaben kannte. Ich habe es eben mit denen versucht, die ich kannte. Lesen zu lernen war für mich das grösste Abenteuer meines Lebens. Ich war total begeistert. Wir hatten damals noch diese Setzkästen in der Schule, in denen man die Buchstaben auf Linien stecken konnte. Damit ein Wort zu bilden, das hat mich fasziniert.

Worin bestand die Faszination?

H A U S, und das ist ein Haus. Es geht um die Begrifflichkeit, das Wort «Haus» beschreibt ja viel mehr als nur ein Haus. Ein zweijähriges Kind kennt das Wort Baum. Es lebt in Solothurn und fährt mit seinen Eltern nach Italien. Dort sieht es eine Palme und sagt «Baum». In einem Café sieht es einen Tisch mit nur einem Bein und sagt «Tisch». Zu Hause haben die Tische vier Beine, aber es weiss: Auch dieser Gegenstand mit nur einem Bein ist ein Tisch. Es hat diese Oberbegriffe verstanden, und jetzt eröffnet sich eine riesige Welt. Im Übrigen bin ich das, was man einen Legastheniker nennt.

Das hätte ich nicht erwartet!

Ich hatte das grosse Glück, dass diese Krankheit noch nicht erfunden war, als ich zur Schule ging, sonst wäre ich wohl kein Schriftsteller geworden. Ich hätte samstagnachmittags in die Legastheniker-Schule gehen müssen, und diese Legasthenie-Frauen hätten mir das ausgetrieben. Laut Fachleuten sollen mehr als die Hälfte der Menschen Legastheniker sein. Da frage ich mich, warum dann nicht alle Legasthenie-Unterricht bekommen. Man impft ja auch alle, obwohl sich nicht alle anstecken werden. Übrigens habe ich kaum Schriftsteller-Kolleginnen und -Kollegen getroffen, die nicht Legastheniker waren. Legasthenie kommt vom schnellen Lesen. Sieht man einen Buchstaben, weiss man schon, wie das Wort heisst, man muss es gar nicht mehr anschauen. Das Schreiben, die Buchstaben, das ist eine menschliche Erfindung, etwas Künstliches.

Warum war die Legasthenie eine Hilfe fürs Schreiben?

Ich las drei Bücher pro Woche, doch die Lehrer sagten: Er sollte mehr lesen! Und so durfte ich lesen und musste nicht im Garten helfen.

Und hat es genützt?

Ja, aber nicht gegen die Rechtschreibfehler. Ich bin nun einmal in einem der wenigen Länder der Welt aufgewachsen, in dem die Rechtschreibung eine ungeheure Bedeutung hat. Ein englischer Gymnasiallehrer streicht keine Fehler an, der nimmt den Rotstift nicht zur Hand. Das habe ich auch in Amerika so erlebt. Da schreibt der Lehrer vielleicht unter den Aufsatz: «You have to improve your spelling.» Wenn bei uns bekannt wird, dass ein Arzt in einem Brief Bahnhof ohne h geschrieben hat, kann er seine Praxis schliessen.

Was haben Sie in Ihrer Kindheit gelesen?

Alles, was mir in die Hände fiel. Die Artemis-Ausgabe von Goethe – das sind die grünen Bände da oben auf dem Regal – habe ich mir damals in der Bibliothek ausgeliehen. Mit zwölf hatte ich sie alle gelesen, zwei Bände pro Woche. Ich habe Buchstaben in mich hineingefressen in dieser mir völlig unverständlichen Welt.

Sie lasen als Kind, ohne zu verstehen?

Leseförderung geht davon aus, dass Kinder lesen, wenn sie den Text verstehen. Ich bin überzeugt, dass das ein Irrtum ist: Kinder lesen, weil sie nicht verstehen. Alle wirklichen Leser sind buchstabensüchtige Menschen. Natürlich schadet es nicht, wenn der Inhalt spannend ist, aber darum geht es nicht. Jean Paul gibt mir immer noch einen Hauch dieses Erlebnisses des Nicht-Verstehens. Man muss ihm zuhören, darf ihn nicht unterbrechen, nicht hinten in den Anmerkungen nachschauen. Nur zuhören. Einen guten Erzähler unterbricht man ja auch nicht.

Wir hatten zu Hause nur vier oder fünf Bücher, daher habe ich die ganze Nachbarschaft nach Zeitungen und Illustrierten abgeklappert. Ich bettelte um die alten Heftchen, um die Geschichten «Unter dem Strich» lesen zu können. Das waren Fortsetzungsromane oder Geschichten, meistens schlecht geschrieben, aber es müssen auch gute darunter gewesen sein. Mich haben wohl die schlechten genauso geprägt wie die guten, für mich gab es diesen Unterschied gar nicht. Ich glaube, aus dieser Zeit stammt auch meine Leidenschaft für Kolumnen. Es war eigentlich der Versuch, Feuilletons zu schreiben, eine Literaturform zu retten, die es schon nicht mehr gab, als ich anfing, Kolumnen zu schreiben. Das ist das eine, was mich geprägt hat. Und das andere waren die vier, fünf Bücher, die ich mehrmals gelesen habe.

Welche Bücher waren das?

Vor allem Lexika, und dann natürlich die Bibel. Die Traubibel meiner Eltern besitze ich heute noch. Ich habe sie zwei-, dreimal gelesen, daher kam dann auch die Vorstellung der Heiligkeit dieser Buchstaben.

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