Basel

Kinder in fremden Händen

«Verdingkinder reden. Fremdplatzierung damals und heute». (Archiv)

Verding

«Verdingkinder reden. Fremdplatzierung damals und heute». (Archiv)

«Eines Tages hat die Vormundschaftsbehörde gesagt, es geht nicht mehr weiter so – man hat mich einfach der Familie weggenommen.» So beschreibt der Basler Ernst Fluri, wie ihn die Behörden Anfang des 20. Jahrhunderts fremdplatzierten. Als Kind kam er auf einen bernischen Bauernhof und musste gleich viel arbeiten wie der italienische Knecht.

Gesellschaftliches Tabuthema

Der Vergangenheit eine Stimme geben, so ist das Konzept der Ausstellung. «Auf diese Weise können wir dieses Tabu-Thema aus der Anonymität holen und eine öffentliche Debatte wird ermöglicht», zeigt sich Burkard von Roda, Direktor des Historischen Museums Basel, überzeugt. «Es geht um ein gesellschaftliches Tabuthema, das unvermutet viele Betroffene kennt», sagt von Roda. Man geht von 100 000 Kindern aus, die im 19. und 20. Jahrhundert in der Schweiz fremdplatziert wurden.

In der Ausstellung kommen vor allem Betroffene selbst zu Wort, inzwischen alte Menschen. «Uns war es sehr wichtig, dass die Ausstellung von Betroffenen begleitet wird und dass diese nicht erneut zu Opfern werden, sondern als Menschen mit eigener Erfahrung auftreten», sagt Jacqueline Häusler vom Verein «Geraubte Kindheit», der die Wanderausstellung entwickelt hat. So stehen Hördokumente im Zentrum, in denen auf eindrückliche Weise Erfahrungen aus erster Hand wiedergegeben werden. Es sind Ausschnitte aus rund 300 Interviews, die im Rahmen zweier Forschungsprojekte geführt wurden.

Grosser Erfolg

Bislang haben schon zehn Schweizer Museen die zweisprachige Wanderausstellung ins Programm aufgenommen. An den ersten zwei Stationen, in Bern und Lausanne, hatte die Ausstellung grossen Erfolg und wurde von 27 000 Menschen besucht. Darunter neben noch überlebenden Betroffenen auch viele Kinder und Enkelkinder.

An jedem Ort, wo die Ausstellung gastiert, gibt es ein regionales Fenster, das Bezug nimmt zu den Gepflogenheiten am jeweiligen Ort. «Im Bereich Pflegekinderwesen nimmt Basel eine Pionierrolle ein», sagt Mirjam Häsler, die den regionalen Teil erarbeitete. Als erster Kanton führte Basel-Stadt eine Bewilligungs- und Aufsichtspflicht für Pflegefamilien ein.

Rahmenprogramm

Ein reichhaltiges Rahmenprogramm setzt sich mit der heutigen Situation auseinander. «Die Idee der Ausstellung ist, dass wir aus den Erfahrungen von gestern für heute und morgen lernen», sagt Jacqueline Häusler.

Den Abschluss der Ausstellung machen Videoaufzeichnungen von ehemaligen Verdingkindern. Sie äussern darin ihre Wünsche, wie man heute mit Kindern umgehen soll, die platziert werden müssen. Denn, so Jacqueline Häusler: «Es wird immer Kinder geben, die platziert werden müssen - wichtig ist dabei, dass die Öffentlichkeit kritisch hinschaut.»

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