Literatur

Kein Mann, den man lieben kann: der Protagonist in Juli Zehs neuem Roman

Immer politisch: Juli Zeh Peter von Felbert

Immer politisch: Juli Zeh Peter von Felbert

Mehr These als Roman: Juli Zeh spielt in ihrem Roman «Neujahr» mit neuen und alten Märchen

Es ist ein oft gesehenes Bild: Männer, in der Mitte des Lebens, die sich aufs Rad schwingen und sich gegen alle Widerstände heroisch auf irgendeinen Pass hochkämpfen, um im Endorphinrausch ihren Problemen davonzustrampeln. So auch Henning, der Protagonist in Juli Zehs jüngstem Roman «Neujahr». Nur dass er kein Mann alter Schule ist.

Henning und seine Frau leben ein fortschrittliches Familienmodell, Haushalt und Kinder teilen sie sich. Fifty-fifty statt 24/7, wie ihre Mütter es vorgelebt haben – die eine als Alleinerziehende, die andere als Bild der perfekten Hausfrau. Allerdings scheint Hennings Frau weit besser mit diesem Arrangement zurande zu kommen: Ihr Arbeitgeber unterstützt sie, sie bringt den höheren Lohn nach Hause, was Henning in eine Bringschuld versetzt, sie ist trotzdem die erste Anlaufstelle für ihre zwei Kinder.

Henning derweil zerreibt sich zwischen den Anforderungen von Beruf, Haushalt und Nachwuchs, sodass er jegliches Gespür für die eigenen Bedürfnisse verloren hat. «Mach» mal etwas, sagt seine Frau, während Henning selbst damit ringt, wenigstens zu «funktionieren». Doch nicht mal das will ihm nunmehr gelingen, sein Herz spielt verrückt, Panikattacken setzen ihm immer öfter zu.

In der Rolle gefangen

Einer Eingebung folgend, hat er über Weihnachten und Neujahr Ferien auf Lanzarote für die ganze Familie gebucht – nein, nicht in einer der Luxusvillen, die er in- und auswendig aus Katalogen kennt. Silvester feiern sie in einem Time-Slot, bevor der Tisch ein zweites Mal bis Mitternacht vergeben wird.

Theresa, ganz Strahlefrau, scheint sich trotzdem bestens zu amüsieren. Sie flirtet heftig mit einem Franzosen, zum Schluss legen die beiden einen Tanz hin, bei dem sie förmlich miteinander zu verschmelzen scheinen. Nein, sie habe nicht mit dem Franzosen ins Bett gehen wollen, lediglich ums Tanzen sei es ihr gegangen, erklärt sie ihrem Mann später. Sie sagt: «Weil ich dir nichts verheimlichen will», und: «Sei ein Mann, den ich lieben kann.»

Das alles lässt Henning auf der irren Bergfahrt Revue passieren. Und es ist klar, welches Spiel die erfolgreichste deutsche Gegenwartsautorin hier treibt: Sie, die für ihr gesellschaftspolitisches Engagement gefeiert wird, hat ihren Protagonisten in die Rolle gesteckt, in der normalerweise moderne Frauen gefangen sind. Aber warum sitzt Henning fest, während Theresa ihm auf allen Bühnen davontanzt?

Für diese Frage wechselt die 44-jährige Autorin ins Genre des Psychothrillers. Das Trauma, das kleinen Mädchen seit je in homöopathischen Dosen verklickert wird, sodass sie selbst und das Umfeld das Gift nicht bemerken, malt sie bei ihrem Protagonisten in faustdicken Strichen. Auf dem Pass lässt sie Henning in eine Art Hexenhaus stolpern und erzählt eine Art Hänsel-und-Gretel-Geschichte, von der ihm durch frühkindliche Prägung ein Übermass an Fürsorge und Verantwortung geblieben ist.

Das ist alles wunderbar. Leider jedoch funktioniert der Roman trotzdem nicht. Er stellt keine Fragen, er beantwortet sie und steuert zu zielstrebig auf seine Aussage zu. Ja, auch auf eine mögliche Lösung. Und: Ihre Nebenfiguren vernachlässigt diese Autorin, die mit «Unterleuten» ein furioses Gesellschaftspanorama hingelegt hat. «Neujahr» ist mehr These als Roman. Schade! Lesenswert ist das Buch trotzdem.

Juli Zeh: «Neujahr», Luchterhand, 192 S.

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