Theater Basel

Kaspar, der Untote, ist wieder da

Vertreter der Familie Hauser.

Vertreter der Familie Hauser.

Ersan Mondtag und Olga Bach zeigen am Theater Basel ihre Variante der Kaspar-Hauser-Saga. Ein irrwitziger Bilderrausch.

Am 26. Mai 1828 steht ein 16-jähriger Knabe auf einem Platz in Nürnberg. Der Brief in der Hand des sprachlos Verwilderten weist ihn als Findelkind aus. Er selbst malt kurz darauf die Worte «Kaspar Hauser» auf ein Blatt Papier.

Der Findling erregt Aufsehen. Bald wird er in der Presse zum «Kind Europas». Die Gerüchte über seine adlige Herkunft spalten die Öffentlichkeit. 1833 wird er erstochen, der Mord nie aufgeklärt, seine Legende jedoch befeuert. Er wird zum Prototyp des unschuldigen Naturkinds à la Rousseau, eine Naturgewalt, die just in dem Moment auftaucht, als sich die Zivilisation daran macht, Urwüchsigkeit durch Gesetze zu bändigen. Seither geistert der «arme Kaspar» durch die Kulturgeschichte und taucht nun am Theater Basel wieder auf.

Regisseur und Bühnenbildner Ersan Montag baut ihm ein Puppenhaus. Dessen Bewohner scheinen aus einem bösartigen Comic entsprungen: nackte, aus der Form geratene Körper, mit überquellenden Bäuchen, hängenden Brüsten und schrumpligen Genitalien.

Die Familie als Weltmodell

Für diese schrille Familie der Untoten hat Olga Bach eine deutsche Familiensaga geschrieben (bz vom Donnerstag). «Kaspar Hauser & Söhne» heisst das mittelständische Unternehmen, Urzelle der Nation und Hort des Fleisses. Kaspars Geist irrt von Generation zu Generation und manifestiert sich in der patriarchalen Erbfolge immer neu. Kaspar Hauser als Untoter der deutschen Geschichte. Ein intelligenter Kniff, um das Potenzial der Figur auszuschöpfen.
Je nach Jahrzehnt manifestiert sich Hausers nicht kontrollierbare Andersartigkeit in neuer Form, immer als Reaktion auf den Zeitgeist.

Die Puppenstube steht stellvertretend für die Zivilisation, die den gesetzlichen Rahmen vorgibt. Dass die Familie ein Rahmengeschäft betreibt, ist ein sehr schönes Motiv dieser an klugen Ideen reichen Inszenierung: Die bruchstückhafte Sprache, die sich an Kaspar Hausers Schreibversuchen orientiert, die Ästhetik, die den Zwanzigerjahre-Expressionismus in die Gegenwart überführt, die Songs von Kaspar, die seine Trauer erfahrbar machen. Die holzschnittartige Szenenabfolge. Die Filme, die an den realen Kaspar Hauser erinnern.

Das Monströse auf Zeitreise

Olga Bach beleuchtet Kaspars Reise durch die Jahrzehnte an vier Zeitpunkten. 1940 wird das Andersartige in dunklen Kellern gequält oder als Wertloses der Euthanasie überführt. Kaspar ist ein Stotterer, der nur im Gesang zu sich findet. Die Familie ist da noch selbst in der Werkstatt tätig, der Sex dauert höchstens 20 Sekunden.

1960, Wirtschaftswunderzeit. Während sich die Familie darüber streitet, welche Rechtsform das Unternehmen annehmen soll, zerbricht Kaspar an seiner nicht ausgelebten Homosexualität. Die Vergangenheit ruft nach Aufarbeitung, auch im Wirtschaftswunderhaus wurde während des Krieges gemordet.

1990 steigt das Fest zum 100-jährigen Bestehen der Firma. Da wird die Wiedervereinigungs-Polognese getanzt und gekokst, dass sich die Tische biegen. Diese Generation fährt das Unternehmen an die Wand. Für sie sind die Gründerväter nur noch Gespenster auf dem Estrich der Geschichte. Dafür ist der jüngste Kaspar nun transsexuell.

2018, eine verschneite Traumlandschaft. Man zehrt vom Erbe und ist Mäzen. Kaspars Natur ist zur Kunst sublimiert. Die Enkel wollen die Firma wieder aktivieren. Die harmoniesüchtigen Posthippies und Yogapraktikanten möchten den Namen Kaspar Hauser für ein neues Produkt einsetzen. Ethnisch korrekte Holzpuppen sollen die Zukunft sichern. Der jüngste Kaspar ist nun ein Mädchen. Die patriarchale Linie scheint durchbrochen, der Fluch des Kaspars gebannt.

Doch nein, auch als der Vorhang nach vier Stunden fällt, rezitiert der wunderbare Michael Gempart unentwegt dieses geheimnisvolle Rilke-Gedicht: «Ich möchte einer werden so wie die, die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren ...»

«Kaspar Hauser & Söhne». Theater Basel. Nächste Aufführungen: 14. und 27. April.

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