Zum ersten Mal knallten die Korken im Sommer 2011, als die Jury des Deutschen Buchpreises den Romanerstling «Hasenleben» des Zürchers Jens Steiner auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises setzte. Der Wink aus Frankfurt zeigte Wirkung. Steiner erhielt ein Stipendium der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung, gab seinen Job als Lektor bei Rotpunkt auf und widmete sich fortan nur noch dem Schreiben. Entstanden ist dabei sein soeben erschienener Roman «Carambole», der – und das wäre ein weiterer Grund zum Korkenknallen – gleich wieder auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 Aufnahme fand.

Ein Zufall ist dies nicht. Wieder schlägt der 38-Jährige seinen hoch artifiziellen Erzählton an, wieder durchbricht er hier und dort traditionelle Erzählmuster. Neu hingegen ist das Thema. Blickte er in «Hasenleben» noch nüchtern-kühl auf das Unglück einer Kleinfamilie, richtet er seinen Fokus in «Carambole» auf einzelne Figuren eines Dorfes. Steiner nähert sich dem Ort in «zwölf Runden» (Klappentext). Mit tragisch grundiertem Ton lädt er zu einem Reigen voll mit Lebensgeschichten, zeichnet er in ihrer Sehnsucht, ihrem Versagen und ihrer Schuld gefangene Menschen und lässt uns teilhaben an ihren Geheimnissen, ohne diese je ganz preiszugeben.

In diesem Karussell der grossen wie kleinen Katastrophen treffen wir auf: eine Gruppe Schüler vor den grossen Ferien und ihrer Angst vor der kommenden Langeweile. Fred, einer unter ihnen, bringt es auf den Punkt: «Was wird, ist schon längst da, und was nicht mehr wird, auch, und was schon war sowieso»; wir treffen auf den Geschichtenerzähler Schorsch mit seiner getürkten Biografie (das allerdings erfahren wir erst am Schluss); auf Heinz, den Knecht; wir begegnen einer männlicher Troika, die den drei Männern vielleicht nur noch als «seelische Prothese» nütze ist; einem Tagelöhner oder einem Jungen namens Manu, der «wissenschaftlicher Illustrator werden will» und im Keller Orchideenmantiden hält, eine Heuschreckenart. Wen wunderts, dass er bei seinen Kumpels als sonderbarer Kerl gilt.

Jede dieser zwölf Geschichten könnte auch für sich stehen. Doch Steiner vermischt sie, komponiert daraus ein Rondo; er wiederholt Motive und Figuren, tippt hier an, was dort eben erst das Thema war, lässt dort auftauchen, wer anderswo bereits in Erscheinung getreten ist. Aus diesem verzahnten Nach- und Ineinander webt er das Bild eines Dorflebens.

Licht ins Lebensdunkel

Steiner bringt Licht ins Lebensdunkel seiner Figuren. Er schaut hin und hält fest – wie sein Ich-Erzähler in der sechsten Runde. Dieser sitzt jeden Tag im Rollstuhl am Fenster, blickt durch ein Fernrohr und holt sich so die Welt in die Stube. «Meine Fernrohre», sagt er, «sind mein Mikroskop. Durch sie hindurch sehe ich Bewegungen in den Menschen auf der Strasse, die man sonst nicht erkennt», sieht «alles, was geschieht, wenn nichts geschieht.» Mit solchen mikroskopischen Blicken auf Wichtigkeiten wie Nichtigkeiten belebt Jens Steiner sein Dorf. Geheimnisvolle Stimmungen wechseln sich ab mit eindeutigen Szenen, ein Dorfleben eben mit all seinen Verstrickungen, individuellen Schicksalen und Unwägbarkeiten.

Jede Erzählung beginnt locker und undefiniert und nimmt dann plötzlich eine Wende. Und jede hat ihre eigene Tonalität. Jede Figur ist auf ihre Art in ihrer Welt und Biografie gefangen. Die berührendste Runde trägt den Titel «Patt». Eine Mutter verschwindet über Nacht mit dem gemeinsamen, siebenjährigen Sohn. Zurück bleibt der verzweifelte Vater. Er, der stets gedacht hatte, «die Familie hält dich über dem Abgrund, denn sie ist das letzte Sicherheitsnetz, das dich zwar nicht vor jedem Sturz schützt, aber ganz sicher vor dem letzten, tiefen Fall». Wie hat er sich getäuscht! Seine Rettung ist Freund Gustav. Die beiden treffen sich regelmässig und spielen Carambole. «Mit einem kleinen, runden Stein schubst man andere kleine, runde Steine in ein Loch in der Ecke des Spielfeldes. Manchmal schubst man den falschen Stein an. Manchmal ist der falsche Stein der richtige.»

Das Spiel als Lebensmetapher

«Carambole» als Erzählprinzip? Ja. Die Geschichten bewegen sich zueinander wie die Steine im Spiel. «Carambole» als Lebensmetapher? Auch, ja – mit einer Einschränkung: Steiners Menschen bewegen sich auf starren Lebensschienen. Jeder Versuch des Ausbruchs scheitert im Anfang.

Jens Steiner: Carambole. Dörlemann 2013. 221 S., Fr. 27.–.