Uraufführung am Theater Basel
Kardinalfrage: Falten oder Knüllen?

Das Basler Schauspiel präsentiert auf der Grossen Bühne «Das Ende der Welt, wie wir es kennen».

Dominique Spirgi
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«Das Ende der Welt, wie wir es kennen» auf der Grossen Bühne des Theater Basel.

«Das Ende der Welt, wie wir es kennen» auf der Grossen Bühne des Theater Basel.

M. Korbel

Es ist eine ulkige Gruppe, die sich hier am Ende der Welt zur postapokalyptischen Wohngemeinschaft zusammengeschlossen hat. Da ist der professorale Prepper, ein intellektueller Posthippie mit Dreadlocks, Sturmgewehr und Tarnanzug, der in einem doktrinären Demokratieverständnis dafür sorgt, dass der totale Survivalmodus trotz aller Hoffnungslosigkeit aufrechtbleibt.

Er ist der einzige Mensch, der noch übrig geblieben ist, wenn man von Zven absieht, der zum Zombie mutiert ist, dem der «instabile» Fleischvorrat Sorgen bereitet. Dazu kommt ein Androide mit dem Namen der griechischen Erdengöttin Gaia, die sich scheut, das frisch heruntergeladene Programm für «Schuld, Gewissen, Verantwortung» zu aktivieren. Und schliesslich runden die niemals tot zu kriegenden Wesen Kakerlake, Bärtierchen und Pilz diese Überlebensgesellschaft ab.

Wenn das WC-Papier auszugehen droht

Sie haben sich in dieser Welt nach ihrem Ende eingenistet, haben beschlossen, untereinander nicht zu Fressfeinden zu werden, Wehrübungen durchzuführen und mit den Vorräten sorgsam umzugehen. «Es reicht für alle! Es reicht nicht für immer, aber es reicht für alle», sagt der Professor immer wieder. Und wenn das WC-Papier auszugehen droht, muss zu einem verantwortungsvollen Umgang damit aufgerufen werden: «Falten oder Knüllen» wird zur Kardinalfrage.

Noch etwas zum Titel des Schauspiels: Da hat sich nicht ein versehentliches «es» statt einem «sie» (für die Welt) eingeschlichen. Theaterbesucher haben dieses Weltende am Donnerstag zuvor bereits kennen gelernt: in der postapokalyptischen Bühnenlandschaft, den Márton Ágh für die Mammutoper «Saint François d’Assise» geschaffen hat. In diese hyperrealistische Installation stellt nun das Schauspielensemble der durch und durch düsteren Oper in guter Tradition der Antike ein verrückt absurdes Satyrspiel entgegen.

Hin und wieder blitzen hintersinnige Momente auf

Für dieses Satyrspiel hat der Berliner Autor David Lindemann einen Text geschaffen, der gegenwärtig höchstaktuelle Untergangs- und Überlebensthesen zusammenballt und so ad absurdum führt. Das Ensemble, das sich gemäss dem Anspruch der neuen Schauspielleitung, die hierarchischen Strukturen im Theater aufzubrechen, kollektiv für die Inszenierung verantwortlich zeigt, offenbart dabei keine Scheu vor Albernheiten. Es lässt hin und wieder aber auch hintersinnige Momente aufblitzen.

Der rund anderthalbstündige Abend überrascht und vergnügt vor allem zu Beginn mit hinreissend komischen Momenten. Das ist nicht zuletzt der Verdienst der Kostümverantwortlichen Helen Stein und Lena Schön, die grotesk-komische Wesen erschaffen haben. Auf der Bühne überzeugen mit ihrem an der Grenze zur Posse gratwandernden Spiel vor allem die Darsteller des in seinem Prepper-Taumel gefangenen Professors (Jürg Pohl), des Androiden, der sich Empfindsamkeiten herunterlädt (Gala Othero Winter) und des Zombies, der mit Magnesiumtabletten überlebens-gesellschaftstauglich gehalten werden muss (Jan Bluthardt).

Kakerlake und Co. eher konservativ

Kakerlake, Bärchentier und Pilz (Nikèn Dewers, Flurina Schlegel und Marc Scheufen) bleiben da rein von ihren Rollen her eher dekorativ, aber auch mit rührend komischen Momenten im Hintergrund.

Mit fortlaufender Dauer verliert das sich wiederholende Spiel um Überlebensstrategien in einer Welt, in der es eigentlich nichts mehr Überlebenswertes gibt, aber zunehmend an Spannung. Vielleicht hätte dem Ganzen ab und zu ein etwas hierarchischerer inszenatorischer Eingriff gutgetan. Nichtsdestotrotz ist das Stück ein hintersinniger Theaterspass.

«Das Ende der Welt, wie wir es kennen» bis 7. November auf der Grossen Bühne des
Theater Basel.