Theater Tuchlaube
Kann man eine journalistische Reportage auf der Bühne erzählen?

Eine Reportage über die Leukämie-Erkrankung der 14-jährigen Sarah wird auf der Bühne des Theaters Tuchlaube als Strudel von Ohnmacht, Verzweiflung und Kampfgeist aufgeführt.

Flavia Bonanomi
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Sabina Reich und Anna Blumer (rechts) inmitten des verheissungsvollen Nichts.

Sabina Reich und Anna Blumer (rechts) inmitten des verheissungsvollen Nichts.

Mario Heller

Schockierend ist nicht, dass sie geht, schockierend ist jede Sekunde, die sie noch bleibt. Sarah wird krank, wird geheilt, wird krank, und stirbt dann doch; dabei schaut sie 236 Folgen «Friends», erlebt ihr erstes Mal mit ihrem Freund, spielt mit der Schwester und träumt mit der Mutter davon, den Krebs, den sie sich als kreisrunde Wesen mit bösen Gesichtern vorstellen, über die Klippe zu stossen. Durchlebt Gefühle himmelhochjauchzender Glückseligkeit, hilfloser Trauer und tiefsten, tiefsten Hasses. Immer wieder stehen dieselben Fragen im Raum und auf der Bühne: Was darf man, wenn man krank ist? Was muss man, wenn man gesund ist?

Vor dem Hintergrund einer Reportage von Erwin Koch hat die Gruppe «Picnique Interdit» den Theaterabend «Sarah» kreiert, welcher im Theater Tuchlaube am Mittwoch uraufgeführt wurde. Mit der Absicht, jungen Talenten eine Plattform zu bieten, präsentiert First Steps/AG ein Stück mit Anna Blumer und Sabina Reich in den Hauptrollen. Die Schauspielerinnen erzählen die Geschichte der an Leukämie erkrankten Sarah, indem sie zur narrativen Ebene jene des alltäglichen Kampfes hinzufügen.

Das ganze Spektrum der Gefühle

Anna Blumer und Sabina Reich vollbringen einen Kraftakt, indem sie nicht nur eine Reportage, sondern eine Geschichte auf das reduzieren, was einem Publikum in so kurzer Zeit zuzumuten ist: Herzhafte Lacher, für die man sich im nächsten Moment schämt, die Ohnmacht, der die Protagonistinnen mit Klebeband und Schere zu entrinnen versuchen. Dabei sind sie umgeben von weissen A4-Blättern, die sowohl Nacktheit und Verhüllung darstellen: die Blässe, das Fehlen der Aussage. Und gleichzeitig das Verbergen eines Hintergrunds. Das Papier steht für alles: Spielzeug und Waffe, Zerstörung und Wiederaufbau. Erst in den Händen der Schauspielerinnen wird das Blatt zum Sprechrohr, zur Maske, zur Botschaft.

Die Schauspielerinnen spielen mit den Zuschauern wie mit einem zerkauten Hundespielzeug: Sie reissen sie mit in den verrückten, atemlosen Strudel der Patientin, die einmal nicht ohne Pizza, einmal nicht ohne Fernsehen, aber niemals ohne Medikamente leben kann. Sarahs befehlerisches Verhalten, Sarahs Stimmungsschwankungen, Sarahs Nicht-Akzeptieren ihrer Situation. Ohne Rücksicht wetteifert sie mit der Schwester um die Anerkennung mal als Gesunde, mal als Kranke.

Mehrere Rollen, ein Schicksal

Anna Blumer und Sabina Reich sind Sarah und Jasmine, die Schwestern, Herr M, der Blitzableiter und Sündenbock, und Frau M, die Retterin, die zerrissen wird von der Aufgabe, die beiden Töchter gleich zu lieben. Sie weiss von Anfang an, dass Sarah sterben wird. Und sie sind die Ärzte, die immer wieder sagen, dass alles gut wird. Bis sie zuletzt die Ersten sind, die aufgeben. Die Schauspielerinnen schiessen auf der Bühne hin und her, bald liegen sie sich in den Armen, bald schreien sie sich an, und ertasten so die Grenzen dessen, was nicht geht. Unzählige Worte sind auswendig gelernt, jede Handlung präzise vollbracht. Am Ende bleibt vor allem ein mulmiges Gefühl zurück: über das Liebäugeln mit dem Tod, auf der Bühne umgesetzt in seiner ganzen Abstraktheit; und Menschlichkeit: «Mami, kannst du mich loslassen?»

«Sarah» von Alexa Gruber. Fr. 22. 1.,
14 Uhr und 20.15 Uhr und Sa. 23. 1.,
20.15 Uhr, Tuchlaube Aarau.

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