Sie sitzen da, das Notizbuch griffbereit, den Kugelschreiber in Position, um allfällige Inspiration und Eingebung auf Papier zu bannen, bevor der nächste Satz des Referenten die Geistesblitze wieder verdrängt.

Es ist der Querdenkertag im Volkshaus Zürich, ein Treffen für kreative Menschen. Professoren, Marketingleute, Ideengeber sprechen über Vermarktung, Auffallen, Anderssein – eben darüber, wie man quer denkt. Es ist der Tag, an dem Julia Engelmann ihren ersten Auftritt in der Schweiz haben wird.

Jetzt sitzt die Bremerin noch selbst irgendwo im Publikum, lässt sich inspirieren. Wir warten draussen, bis wir sie treffen können, lassen ihr Video Revue passieren, mit welchem sie fast über Nacht zum Youtube-Star wurde: Schüchtern betritt sie darin die Bühne zum jährlichen Bielefelder Hörsaal-Slam. Sie stellt sich vor, singt den Refrain eines Liedes, auf den sich ihr Text bezieht. «One day baby, we’ll be old, oh baby, we’ll be old.»

Es ist dieser Song von Asaf Avidan und The Mojos, der in der Schweiz bis auf Platz eins kletterte. «And think of all the stories that we could have told» hört sie auf zu singen und beginnt ihren Text.

«Ich bin der Meister der Streiche, wenns um Selbstbetrug geht, ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh» und sie spricht von der Zeit, die meist ungenutzt vergeht, von Selbstbetrug, menschlichen Schwächen, vom Erwachsenwerden.

Julia Engelmann - das Erfolgsvideo auf Youtube

Das Erfolgsvideo von Julia Engelmann auf Youtube

Sieben Millionen Klicks

Die Türen öffnen sich, plötzlich steht Julia Engelmann aus dem Video in persona vor uns. Wir nehmen Platz, sie isst noch schnell einen Apfel. Etwas müde sieht sie aus, ob das an ihren vielen Engagements liege?

Sie wehrt ab, stellt die Gegenfrage, wieso sie müde aussehe. Aber ja, sie sei viel unterwegs. «Vor der Schweiz war ich in Frankfurt, davor in Berlin, davor einen Tag zu Hause, davor …», ja, das hat sie schon wieder vergessen.

Über sieben Millionen mal wurde ihr Video angeklickt. Wieso eigentlich? Das werde sie super oft gefragt, sagt sie. «Ich denke, am Anfang erhielt das Video viele Klicks, weil es den Menschen gefiel.

Ab einem gewissen Punkt jedoch hat es viele Klicks erhalten, weil es viele Klicks erhielt» und sie spricht den Multiplikator an, der bekannte Dinge noch bekannter macht.

Die vielen Klicks haben sie nicht nur zu einer Youtube-Berühmtheit im deutschsprachigen Raum gemacht, auch ihr Terminkalender hat sich drastisch verändert.

Denn eigentlich studiert die 22-Jährige Psychologie, hat das Studium aber für ein Semester unterbrochen. «Im April geht das Studium wieder los. Bis dahin lasse ich mich treiben.»

Treiben, von einer Veranstaltung zur nächsten. Ob sie das geniesse? «Ja, warum soll ich das nicht geniessen?» und sie stellt damit wieder eine ihrer typischen Gegenfragen.

«Gleichzeitig ist mir aber bewusst, dass ich mich in einer künstlichen und absurden Situation befinde, ich weiss, dass dies nicht der reale Alltag ist.»

Keine Schokoladenseite

Wir sprechen sie auf ihre Texte an. Wieso schreibt sie diese überhaupt auf, trägt ihre persönlichen Ansichten einem Millionenpublikum vor? «Weil es mich beruhigt, ein Stück freier macht. Ich mag es, wenn andere Menschen laut aussprechen, was sie denken, über ihre Ängste sprechen.»

Über ihre Ängste spricht sie viel. Auch über Einsamkeit. «Und so bin ich nicht allein, aber einsam», beginnt einer ihrer Texte.

Ob sie einsam sei? Üblicherweise kommen ihre Antworten genauso schnell wie der Applaus nach ihrem Auftritt, doch jetzt zögert sie. «Manchmal», sagt sie schliesslich fast fragend, stellt aber schnell richtig: «Meistens aber nicht».

In einem anderen Text schreibt sie, dass sie keine Schokoladenseite habe. Kann es sein, dass diese charmante Studentin, die auf der Strasse nach Autogrammen gefragt wird, wirklich ohne Schokoladenseite auf die Welt kam? «Was heisst denn schon Schokoladenseite?». Wieder eine Gegenfrage.

Sie scheint nicht gerne über sich zu sprechen. Durch ihre Bekanntheit kam ein renommierter Verlag auf sie zu und bot an, ein Buch mit ihren Texten zu veröffentlichen. Auf knappen 90 Seiten schreibt die Slam-Poetin ihre Gedanken auf.

Wie es für sie sei, dass wildfremde Menschen durch dieses Buch in ihren Kopf sehen können? Die Menschen würden eher in ihren eigenen Kopf sehen, sagt Engelmann, «weil sie es durch ihre Brille, ihre Weltsicht und ihre Wünsche interpretieren».

Das scheint der Baustein ihres Erfolges zu sein, jeder Mensch findet sich irgendwo in ihren Texten wieder, es sind die Gedanken und Ängste, die jeder Mensch durchlebt. «Jemandem den inneren Spiegel vorhalten» schreibt Kai Thrun, der mit seinem Blog die Engelmann-Welle ins Rollen brachte.

Trotzdem macht sie sich mit diesem Buch auch verletzbar, sie schreibt, wovor sie Angst hat, was sie – zumindest zum Zeitpunkt als der Text entstand – beschäftigte.

«Wovor sollte ich Angst haben, was soll passieren», wendet sie ein. «Klar mache ich mich verletzbar, aber in einem von mir gewählten Rahmen. Nicht alles, was ich denke, schreibe ich auf, nicht alles, was ich schreibe, veröffentliche ich.»

Und ausserdem seien wir alle verletzbar. «So zu tun, als ob es nicht so wäre, finde ich völlig absurd und anstrengend. Ich finde es wichtig, dass Menschen von sich sprechen und sich öffnen.»

Klischee einer Generation

Mit diesen Gedanken erhob sie sich selbst zur Sprecherin der Generation Y – so schrieben es jedenfalls diverse deutsche Zeitungen. Diese Generation, die immer auf der Suche nach dem nächsten Kick ist. Doch so schnell wie ihr Erfolg kam, so schnell sprangen auch Kritiker auf den Zug auf.

«Trauriges Klischee einer Generation von Nichtsnutzen» schreibt «Die Zeit». Noch härter mit Engelmann geht Laura Nunziante ins Gericht. «Mittelmässig», schreibt sie in ihrem Essay, das von Zeitungen wie dem «Stern» und der «Süddeutschen» zitiert wurde.

«Weder geistreich noch kreativ» und sie stellt die rhetorische Frage: «Was ist das überhaupt für eine Generation, die erst durch einen mittelmässigen Text aus Bielefeld eingesehen hat, dass das Leben viel zu kurz ist?»

Interessiert sich Engelmann nur für sich selbst, möchte sie keine kontroversen, gesellschaftlichen Themen aufgreifen? «Ich denke, ich kann einfach am besten von mir alleine sprechen und von dem, was ich beobachte. Das schliesst aber gesellschaftliche Themen nicht aus. Mir ist es wichtig, bei mir anzufangen, mich zu verstehen, dann kann ich besser andere Dinge verstehen und vielleicht auch gesellschaftliche Themen zu mir selbst in Kontext setzen.»

Wir werden unterbrochen von Fans, die gerne ein Autogramm haben möchten. Julia Engelmann polarisiert und bleibt irgendwie unfassbar, unnahbar. Man fragt sich, existiert sie wirklich? Oder sind wir alle ein bisschen Julia Engelmann?

Julia Engelmann «Eines Tages Baby», Goldmann-Verlag, 96 S., Fr. 11.90.