Nachruf

Jürg Laederach (†72) kannte beim Schreiben keine Zurückhaltung

Jürg Laederach hat Literatur als tinguelysche Sprachmaschine verstanden.

Jürg Laederach hat Literatur als tinguelysche Sprachmaschine verstanden.

Am Montag ist der Basler Schriftsteller Jürg Laederach im Alter von 72 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf den Autor, der es seinen Lesern oft nicht einfach machte.

«Das ganze Leben», «69 Arten, den Blues zu spielen», «Emanuel», «Harmfuls Hölle»: Titel einer langen Reihe von Büchern, in denen ein explosives Sprachtemperament zum Ausdruck kommt. Wirkt der Begriff «singuläre Erscheinung» oft übertrieben, so trifft er auf Laederach zu. Seit seinem Debüt «Einfall der Dämmerung» 1974 hat er einen Stil gepflegt, der sich von der hierzulande geliebten Schule der Behutsamkeit abhob. Man könnte sagen: Begann dieser Autor zu schreiben, legte er alle Zurückhaltung ab, und der grosse Wirrwarr einer entgrenzten Wirklichkeit tobte im Wörtersturm durch sein Werk, durch seine Erzählräume und die Hirne seiner Helden.

«Hysterie-Zentrifuge» hat er selber diese Spiralbewegung genannt. Entsprechend schwer mag es seinen Lesern oft fallen, die Übersicht zu behalten. Dieser Effekt war beabsichtigt, wohlkalkuliert und durchaus auch politisch gemeint: «Konstruierte er eine Erzählung, merkte Emanuel bald, dass ihre Vorstadien, wo das Material ungeordnet herumlag, eine viel massivere, breitere Erzählweise ergaben als das Stadium, in dem alles auf Linie gebracht und für einen abschnurrenden Leseablauf zusammengestellt war. Ordnung schwächte die Potenz (…).»

Prononciert anti-gemütlich

Getreu dieser Devise war Laederachs Stil stets prononciert anti-gemütlich. Trotzdem hält er souverän die Balance zwischen Expressivität und Formbewusstsein.

Sprachtemperament: Packend war dieses auch im Radio zu erleben, wenn Laederach über seine Lieblinge sprach. Moderatorenfragen gingen da gerne mal unter in den Fluten der Redelust. Jürg Laederach verfügte über eine grosse Fähigkeit zum Monolog. Im Alltag hat seine Stimme Räume gefüllt und das Gegenüber, auch wenn dieses kaum zu Wort kam, in weitgespannte Diskurse eingewoben. Auf dem Papier aber entfaltete seine Rhetorik einen unaufhaltsamen Sog in Richtung grosse Form. Roman.

(Schweizer) Erzähler verbergen das Geheimnis ihrer Produktivität gern in der Schreibtischschublade. Wer sie tastend nach Worten suchen hört, mag sich wundern über die Beredtheit ihrer Bücher. Nicht so Laederach. Wer ihm begegnete, wurde Zeuge der Sprachwerdung von Welt. Aus seiner Rede erschloss sich unmittelbar die Kraftquelle seines Erzählens. Seine Rede war die Fortsetzung des Schreibens mit mündlichen Mitteln, und seine Literatur die Weiterführung eines täglichen rhetorischen Feldzugs durch die unverständliche Welt, durch Räume und Köpfe, über Landkarten und Buchseiten.

Er hat es selber «das Laederoide» genannt. Dieses Programm könnte man so beschreiben: Wenn schon das Leben lauter Unverdauliches an uns heranträgt, dann soll die Schrift der grosse Allesfresser sein. Laederachs Bücher waren Wale, Planktonschlürfer, die mit weit aufgesperrtem Maul durch kontaminierte Gewässer schwammen; nichts zu gering, sich darin zu verfangen. Auf diesen Streifzügen war die Sprache Laederachs Medium, das grösste und weitreichendste Instrument, auf dem dieser hochmusikalische Mensch spielen konnte. Wunderbarerweise war es unter seinen Fingern unerschöpflich und niemals fertiggebaut. Der Übersetzer aus dem Englischen und Französischen, der Laederach auch war, hat pausenlos an diesem Instrument weitergebaut, während er darauf spielte.

Sigmund trifft Thelonious

Ihren grenzenlosen Appetit haben Laederachs Bücher von ihm selbst: Die unbändige Neugier auf Musik, Film, bildende Kunst, der Hunger nach Theater, Philosophie, Mathematik, die nie erlahmende Anteilnahme an den Ränkespielen der Politik, dieses universale Interesse als Hingeneigtheit machte ihn aus und hat für grosse begriffliche Murgänge in seinen Büchern gesorgt. Kaum sind seine Figuren auch nur halb aufgestanden, stehen sie schon in einer Geröllhalde von Eindrücken, und nur die Fantasie eines Laederach ist imstande, sie daraus wieder hinauszuführen – in den nächsten Irrgarten.

Kein Wunder, bleibt ein dergestalt Besessener dem Alltag fremd. Das Instrument Sprache schien Laederachs Mittel zu sein, solcher Fremdheit zu entrinnen: Es allein konnte Brücken bauen, auf Zeit. Wenn aber, selten genug, seine Rede zu einem Ende kam, war sie wieder da, die Unvereinbarkeit des Laederoiden mit dem, was wir in schneller Übereinkunft unsere Wirklichkeit nennen. Aus dieser Fremdheit hat Laederach die Kunst entwickelt, Dinge und Figuren miteinander ins Gespräch zu bringen, die nur in seinem Kopf zueinander finden konnten. So geistern nicht nur die Laederachschen Helden – Hirse, Agnes, Flugelmeyer, Bob Hecht, Emanuel und Harmful – durch seine Bücher, sondern auch Sigmund Freud, Newton und ein gewisser Thelonious (Monk).

Literatur hat Laederach als tinguelysche Sprachmaschine verstanden, mit der das Individuum sich zu behaupten versucht – in einer Realburleske, deren Vielschichtigkeit auslöschende Energien entfaltet. In seinem Erzählen tritt der Einzelne redend und fantasierend gegen den Ansturm an: Gegen den Irrgarten der Welt setzt die Sprache ihre eigenen Labyrinthe. – Irr und Garten: Das Wuchernde und das Gezähmte, Ordnung und Chaos waren die grossen Gegenspieler in diesem Werk. So intensiv haben sie in seinem Innern miteinander gekämpft, dass sie sich wohl auch jetzt, nachdem ihr Schöpfer gegangen ist, weiter umkreisen.

*Der Autor Michel Mettler war eng mit Jürg Laederach befreundet. Als Herausgeber hat er in «Depeschen nach Mailland» (2009) Mailnachrichten seines Kollegen publiziert.

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