Ballett

Jüdischer Schicksalsroman wird vertanzt im Handlungsballett «Tewje»

In den Szenen mit Golde (Ayako Nakano) und Tewje (Frank Fannar Pedersen) glückt eine Verinnerlichung, die man sichöfter gewünscht hätte.

In den Szenen mit Golde (Ayako Nakano) und Tewje (Frank Fannar Pedersen) glückt eine Verinnerlichung, die man sichöfter gewünscht hätte.

Am Theater Basel wurde Richard Wherlocks Choreografie «Tewje» uraufgeführt – mit packender Musik.

«Wenn ich einmal reich wär», singt der Milchmann Tewje im Musical «Anatevka», das auf Scholem Alejchems jiddischem Schicksalsroman basiert. Arm an Geld, träumt besagter Mann von einem Leben ohne Entbehrungen und Demütigungen. Doch das Schicksal meint es mit ihm, seiner Frau Golde und seinen drei Töchtern Zeitel, Hodel und Chave nicht gut. Am Ende müssen sie innert 24 Stunden ihr Schtetl verlassen. Von nun an sind sie Vertriebene, die auf der Flucht sind – mit unbestimmtem Ausgang.

Kommt einem das bekannt vor? Sicher. Wir werden täglich mit dem Thema Flüchtlinge konfrontiert. Also können wir jetzt, im Theater Basel, gar nicht anders, als automatisch an die Gegenwart zu denken. Das ebenso brisante wie bewegende Thema begleitet als Subtext Richard Wherlocks neues Handlungsballett «Tewje».

Die Erinnerungen an «Anatevka» streift man gleich zu Beginn ab, denn aus dem Orchestergraben dringen andere, nämlich klagende, bis in höchste Lagen getriebene (Klarinetten-)Weisen, die sowohl klanglich wie rhythmisch immer wieder aufgebrochen werden. Der stete Wechsel zwischen einer ebenso das Gefühl wie den Verstand ansprechenden Musik packt – und geht unter die Haut, weil nicht einmal die Grenze zum Gefühligen überschritten wird.

Ein Hauch von Vergangenheit

Dem Schweizer Klezmer-Quintett Kolsimcha mit seinem Komponisten Olivier Truan steht das Sinfonieorchester Basel unter Alexander Mayer zur Seite – und dieses musikalische Miteinander ist das Ereignis des Abends. Aus Truans auf den Stilelementen des Klezmer fussenden Musik lässt sich nämlich genau das heraushören, was Wherlocks Ballett nicht vollständig einlöst: die von tragikomischen Ereignissen geprägte Lebensschilderung eines Mannes, der mit dem Auseinanderbrechen seiner Familie auch das Ende einer ganzen Kultur erfährt.

Wie es sich mit dieser in etwa verhalten könnte, muss sich das Publikum mithilfe schwarz-weisser Videos (Andreas Guzman/Bruce French) selbst zusammenreimen: Diese zeigen das leicht verfremdete Umfeld von Tewje, aber auch riesige Familien- und Einzelporträts. Ein Hauch von Vergangenheit weht uns da entgegen; ja, es scheint, als ob Richard Wherlock ein vergilbtes Familienalbum entdeckt hätte und nun darin blätterte. Der Verweis auf die intakte, traditionsreiche Schtetl-Welt ist reizvoll, hilft aber zum Verständnis der Handlung und der Situationen nicht weiter. Denn diese Porträts verselbstständigen sich; gewinnen sogar eine solche optische Dominanz, dass der Tanz mitunter beinahe untergeht.

Blicken sich Zeitel und ihr Verlobter Mottel auf den Videos lange und tief in die Augen, ist beider Botschaft klar: «Wir brauchen keine Worte für unsere Liebe.» Aber unten, auf der Bühne, findet eben Sprache statt. Tanzsprache: Ausgedrückt etwa durch fragile, im Kontext zu den übrigen, rasanten Szenen verlangsamte Pas de deux, deren Kennzeichen angedeutete, berührende Gesten sind. Das ist schön – und gleichwohl fällt der Blick zu oft auf die Videos.

Das Tempo ist atemberaubend

Diese drücken einer Choreografie und Inszenierung ihren Stempel auf, für die Bruce French ein angedeutetes hügeliges Gelände geschaffen hat. Eines, das Richard Wherlock grosse Freiheit im Hinblick auf eine Szenenfolge mit wirbelnden Ensembleszenen bietet. Das Tempo ist atemberaubend, was auch auf die Präzision der Schritte und der Hebefiguren zutrifft. Wieder einmal zeigt sich, über welche Kraftreserven das Ballett Basel verfügt und wie sehr es diese geradezu unverschämt genussvoll zur Schau stellt.

Natürlich gibt es in dieser jüngsten Wherlock-Kreation auch sie: die aufblitzenden Charakterzeichnungen – etwa von Jente, der Heiratsvermittlerin, und Lejser-Wolf, dem lüsternen Junggesellen. Über weite Strecken dominiert nur die unbeschwerte, ja überschäumende Leichtigkeit des Seins; selbst dann, wenn Tewje spürt, dass mit den drei Freunden seiner Töchter – Mottel, Perchik und Fedja (ein Christ) – ein neues Zeitalter und neues Unheil nahen wird.

Dann schlägt die Stunde von Frank Fannar Pedersen, einem vergleichsweise jungen, schlaksigen Tewje, der mit raumgreifenden Schritten und Armen, die jäh emporgeschleudert werden, oder einer gekrümmten Haltung seine Seelenpein verrät. In diesen, aber auch in den Momenten behutsamer Zwiegespräche mit Golde (Ayako Nakano) glückt dem Choreografen eine Verinnerlichung, die man sich öfter gewünscht hätte. So aber bleibt vor allem dies in Erinnerung: ein temporeicher Bilderbogen, dessen Wucht einen zwar packt, jedoch kaum zur Besinnung kommen lässt.

«Tewje» Aufführungen bis Februar 2016 am Theater Basel.

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