Toprak Yerguz

Am Samstag kann die Bevölkerung in die Gerichtssäle an der Bäumleingasse treten, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. An diesem Tag wird nämlich niemand angeklagt, sondern gefeiert: Am vergangenen 15. September jährte sich der Bau des Justizpalastes an der Bäumleingasse 3 zum 150. Mal.

Das Gerichtsgebäude des Basler Architekten Johann Jakob Stehlin der Jüngere wurde 1859 nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt. Dieses runde Jubiläum nehmen die dort beheimateten Gerichte und die Denkmalpflege zum Anlass, die Türen für Interessierte zu öffnen.

Drei Gerichtsgebäude

«Jubilar» ist zwar nur der Stehlin-Bau an der Bäumleingasse 3. Seine Geschichte ist jedoch eng mit den Nachbarbauten verwoben. An der Bäumleingasse 1 steht ein Erweiterungsbau von 1896, der nötig wurde, als es im Hauptgebäude zu eng wurde. An der Bäumleingasse 5 befindet sich des weiteren das Zivilgericht, das ebenfalls geöffnet sein wird.

«Aufgrund ihres Bauvolumens und ihres repräsentativen Charakters dominieren die Grossbauten das Gassenbild», sagt Anne Nagel zur Bedeutung der Gebäude. Die Kunsthistorikerin der Denkmalpflege wird zusammen mit anderen Fachleuten am Tag der Offenen Tür die Besucher durch die Hallen führen (siehe Infobox).

«Der Stehlin-Bau weist eine palazzoähnliche Renaissancefassade aus Hausteinen auf», erklärt Nagel die Besonderheiten der Häuser, «während der jüngere Bau von Reese in der Fassadengestaltung Bezug auf den Altbau nimmt. Die Gliederung passt sich diesem an, ordnet sich unter.» Die architektonischen Unterschiede seien auch im Inneren der Gebäude deutlich sichtbar.

Besondere Aufmerksamkeit wird Nagel den Besuchern für das Treppenhaus im Stehlin-Bau empfehlen: «Die grossartige Anlage, die in raffinierter Weise mit Architekturmalerei überzogen ist, verstärkt die Wand- und Deckengliederung.»

Die Gerichtsgebäude sind Häuser, die von namhaften Architekten entworfen wurden: Reese, immerhin verantwortlich für zahlreiche Schulhäuser in der Stadt, wird dabei von Stehlin in den Schatten gestellt. Dieser entwarf Kaserne, Bernoullianum, Kunsthalle und die Hauptpost an der Freien Strasse. «Stehlin ist einer, wenn nicht der bedeutendste Architekt des 19. Jahrhunderts in Basel», meint Nagel.

Zeugen der Stadtentwicklung

Die Gerichtsgebäude der Architekten stehen als Zeugen für die damalige geschichtliche Entwicklung Basels, fährt sie fort: «Der Justizpalast von Stehlin steht für die Erneuerung des Staatswesens nach der Kantonstrennung. Der Erweiterungsbau von Reese manifestiert das Wachstum der städtischen Bevölkerung und der Gerichtsbehörden.»

Basel wusste 1968 die Bedeutung der Gebäude zu schätzen: Das Stimmvolk verwarf an der Urne einen Neubau, der die bestehenden Häuser ersetzen sollte. Nagel hofft, dieses Bewusstsein aufrechterhalten zu können: «Die Leute sollten wissen, wie stolz sich Basel nennen kann, weiterhin diese Gebäude zu besitzen.» Der Tag der Offenen Tür wird eine gute Gelegenheit bieten.