Sogenannte Schriftstellerromantik war ihm bis zuletzt fremd. Entsprechend ungerührt antwortete er einmal auf die Frage, ob die Berufsbeschreibung «freier Publizist» auf ihn zutreffe: «Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle. Und das ist mein Geschäft: Writing is my business.»

Tatsächlich pflegte der deutsche, am 17. Juli 1987 – seinem 43. Geburtstag – auf der Autobahn A94 bei München unter nie abschliessend geklärten Umständen ums Leben gekommene Schriftsteller Jörg Fauser in der Öffentlichkeit ein betont nüchternes Verhältnis zu seinem Gewerbe. Pfauenhafte Gespreiztheiten waren nie seine Sache. Dafür wusste er viel zu gut, wie armselig sich einer vorkommt, der vor der in die Underwood gespannten leeren Seite sitzt und flucht, weil der erhoffte Einfall nicht kommt.

Doch wenn Fauser sich warm geschrieben hatte, verwandelte sich der auf Fotos wie ein Versicherungsvertreter Wirkende in einen Giganten, der im Laufe seines viel zu kurzen Lebens Romane, zwei Dutzend Erzählungen und Reportagen hervorstiess. Sie zählen nach wie vor zum Besten, was in den letzten fünfzig Jahren in deutscher Sprache auf der journalistischen Langstrecke geschrieben wurde.

Gegen die Hohepriester der Zeit

Mit seinem an Charles Bukowski, Raymond Chandler oder Dashiell Hammett geschulten Texten erschrieb sich der 1944 im hessischen Bad Schwalbach als Sohn des expressionistischen Malers Arthur Fauser geborene Autor den Ruf eines Mannes, der in seinen schnellen, filmisch inszenierten Texten das Kunststück vollbrachte, die nachtschwarze Melancholie eines Joseph Roth mit dem poetischen Fernweh eines Jack Kerouac zu etwas Neuem, Eigenständigen zu verschmelzen.

Jörg Fauser 1985 an der Buchmesse Frankfurt mit seinem Roman «Das Schlangenmaul». Imago stock&people

Jörg Fauser 1985 an der Buchmesse Frankfurt mit seinem Roman «Das Schlangenmaul». Imago stock&people

Dem Hochfeuilleton seiner Zeit machte sich Fauser damit suspekt – denn in seinen Arbeiten pfiff der aus dem literarischen Underground Aufgestiegene auf die von den seinerzeit tonangebenden Hohepriestern starrköpfig geforderte Trennung zwischen E und U. Das Resultat waren wie von selbst im Hirn abrollende Storys über furchtlose Zocker. In seinem 1984 von Peter F. Bringmann mit Marius Müller-Westernhagen kess verfilmten Roman «Der Schneemann», liess Fauser die Schwarzweissmaler des deutschen Literaturbetriebs der Achtzigerjahre mit einem Achselzucken hinter sich.

Nun legt der Zürcher Diogenes Verlag, der sich die Weltrechte an den Werken Fausers sichern konnte, eine gross angelegte Werkausgabe seiner Texte vor. Sie lädt dazu ein, diesen längst zum Mythos avancierten Schriftsteller neu – oder erstmals zu entdecken.

Den Auftakt bilden die Romane «Das Schlangenmaul» und «Rohstoff» sowie die Kompilation «Rohstoff Elements», in welcher sich Fausers experimentell angehauchte Texte finden. Und es ist auch 32 Jahre nach dem Tod dieses Unerschrockenen ein Genuss, sich durch seine an eigenen Ideen und damit verknüpften literarischen Ausseneinflüssen reichen Arbeiten treiben zu lassen. Denn Fauser lesen, heisst die Seele der alten Bundesrepublik erkunden – geleitet von einem, der stets wusste, dass unverstellte Beschreibungen unserer Gegenwart im besten Fall das Kommende mit aufscheinen lassen.

Fauser, der eine Zeitlang als Redakteur beim Berliner «TIP-Magazin» arbeitete, verfasste seine Texte mit dem Drive und Furor des in die Sprache vernarrten Desperados, der in seinen Texten mit Nachdruck dafür warb, Autoren wie Chandler, Orwell oder Bukowski als Lese-Musts auf die Agenda zu setzen.

Er selber galt lange als eine Art Writers-Writer, als Legende auch, weil er Autoren wie Maxim Biller oder Benjamin von Stuckrad-Barre und nachkommende Schriftsteller in seinen Bann zog. Seinen wirklichen Durchbruch aber erlebte der Mann mit der Liebe zu den ausgestossenen Romantikern nicht mehr – auch wenn sein «Schneemann»-Erfolg diesen seinerzeit bereits ankündigte.

Schnell und gefährlich

Fauser lebte, wie er schrieb: schnell und gefährlich. Dass er einer Berufsgruppe angehörte, die wahrscheinlich mehr Selbstmörder hervorgebracht hat als jede andere, war ihm bewusst. Denn dass die wirklich entscheidenden Sätze nicht umsonst zu haben sind, das wusste er ebenso. Trotzdem kochte er sein Ding in dem Bewusstsein, dass die Position des Aussenseiters, den keiner so richtig auf der Rechnung hat, gewisse Vorzüge besitzt. So liest sich seine Selbstauskunft, die er 1986 verfasst hatte, auf den ersten Blick wie die eines Mannes, der weiss, dass er auf verlorenem Posten kämpft, wenn er auf Hilfe von aussen setzt: «Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder aus der öffentlichen Hand, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique. Verheiratet, aber sonst unabhängig.»

Tatsächlich aber garantierte ihm genau dieser Umstand im Umkehrschluss bis zuletzt jene künstlerische Unabhängigkeit, die seine Texte bis heute mit jeder Silbe auf so verlockende Weise atmen: Den Geist eines im wahrsten Sinne des Wortes freien Schriftstellers, der daran glaubte, dass man nur lange durchhalten muss, um am Ende als Sieger dazustehen.