In der Badewanne, ob allein oder zu zwein, sitzen sie prinzipiell ohne Wasser. Sie verlieren Körperteile, sie sehen in allen Menschen Hasen oder sie stapeln Eilsendungen auf einer hübschen Waldlichtung. So verlieren sie die Stelle, die Identität, den Verstand – oder ein Flusspferd. Trockenschwimmer, Verlierer, Träumer. Oft glücklich dabei, trotz allem.

Jens Nielsens Figuren haben es nicht leicht; aber das tun sie mit viel Leichtigkeit. Und in aller Kürze. Zumindest im neuen Buch «Flusspferd im Frauenbad», das letzten Mittwoch in Zürich getauft und morgen Donnerstag in Basel gefeiert wird. Darin versammelt der Schriftsteller fast lauter einminütige Geschichten, die auf zwei Seiten Platz haben – sie entstanden als Radio-Kolumnen für die SRF-2-Morgenrubrik «Früh-Stück».

Ob er auch längere Texte schreibe, fragt nach der Lesung eine Frau aus dem Publikum. Er schreibe auch Hörspiele fürs Radio und Theaterstücke für die Bühne, antwortet Nielsen freundlich, die seien, er pausiert, «länger».

Ohne Punkt und Komma

Auch in seinen längeren Stücken interessierten Nielsen der Zerfall und das Nichtgelingen. Weil das Scheitern im Leben ohnehin gratis mitgegeben ist, nimmt sich eine Figur vor, einen Tag lang alles falsch zu machen. Das gelingt. Wohingegen Nielsen gerade das geradlinige Leben als das schlimmste aller Schicksale darstellen kann. Etwa, indem er trocken alle Stationen aufzählt: vom geboren werden übers Wohnung suchen bis zum «Urlaub machen; Fotos zeigen; Schau da waren wir; War günstig; Alles inbegriffen; Nächstes Jahr noch einmal; Oder auch woanders; Alles schön und ordentlich; Bald wird es noch viel besser.»

Wobei das hier der Einfachheit hinzugefügte Semikolon im Originaltext ebenso wenig vorkommt wie irgendein anderes Satzzeichen. Jens Nielsen schreibt ohne Punkt und Komma. Auch ohne Fragezeichen – das muss man sich als Leserin schon selber dazu denken. Abgehackt sind seine Sätze, abgehackt seine Sprechweise, wenn er Texte performed. Manchmal muss ein «Ja» für eine ganze tragische Wendung hinhalten. Auch die muss man, kann man sich selber in allen Details hinzudenken.

Performed Texte auswendig

«Gratis-W-Lan während der Lesung», heisst es auf der Ankündigung dieses Abends. Einer dieser hübschen Nielsen-Scherze. Dabei ist Jens Nielsen ein hervorragender Vorleser. Genauer gesagt: ein hervorragender Vortragender. Er performed seine Texte auswendig – ob an Poetry Slams oder an Lesungen. Er ist ausgebildeter Schauspieler.

Als «Spätzünder» habe er auf dem dritten Bildungsweg mit 27 eine private Schauspielschule besucht, erzählt er vor dem Auftritt. «Das war eine Epiphanie.» Schon als Kind habe er gern gespielt, und die Lust daran sei «eruptiv wieder gekommen». Eruptive Erleuchtung – bei Jens Nielsen, einem Mann, der im grauen Pullover einen Tee trinkt, klingt es zurückhaltend.

Der erste Bildungsweg war das KV im Aargau. «Ich war ein Schulversager. Mein Vater hat mich, kurz vor seinem Tod, noch bei der BBC (der heutigen ABB) untergebracht.» Nielsen konnte die Lehre bald unterbrechen, eine High School im nordkalifornischen Mendocino besuchen. Er reiste, kam zurück, machte die Matura auf dem zweiten Bildungsweg. Als er mit 30 aus der Schauspielschule herauskam, «waren alle Freunde schon Abteilungsleiter».

Aglaja Veteranyis Lebenspartner

Eine Zeit lang erlitt Jens Nielsen ein Schicksal, das sonst eher Frauen vorbehalten ist: Er wurde ständig als «der Partner von» bezeichnet, der Partner von Aglaja Veteranyi. Die Schauspielerin und Autorin ist vor allem für ihren Roman «Warum das Kind in der Polenta kocht» berühmt geworden. Sie war zuvor seine Schauspiel-Lehrerin, er verliebte sich – erst künstlerisch, dann privat. Zusammen bildete das Paar die Theatergruppe «Die Engelmaschine». Sieben Jahre. Sie brauchten Texte für ihre Performances. Und so wurde Jens Nielsen schliesslich automatisch zum Autor; auf dem vierten Bildungsweg, sozusagen.

«Sie ist der einzige Mensch, der mich künstlerisch an die Grenze gebracht hat», sagt Nielsen über Aglaja Veteranyi. Sie nahm sich 2002 im Zürichsee das Leben. In Nielsens Schublade stapeln sich Versuche, aus diesem schweren Stoff Literatur zu machen. Er schaffe es nicht, noch nicht. So etwas brauche Distanz.

Trotzdem glaubt er fest daran, dass das Traurige nicht nur gute Literatur hervorbringt, sondern auch komische. «Ich lache bei Kafka immer.» Komik sei da, wo es einem im Hals steckenbleibe. «Komik ist eigentlich traurig.»

Eine Kritikerin hat Nielsens Texte als harmlos bezeichnet. Das ist eine Verharmlosung. Mit gutmütiger Ironie kritisiert Nielsen Vorgespurtes, Festbetoniertes; stört die normalen Abläufe, hinterfragt unsere Logik des ständigen Vorankommenwollens. Manche seiner realistischen Passagen sind die erschreckendsten. Und da, wo er ins Absurde abhebt, fragt man sich: Ja, muss es denn so sein, wie es in Realität ist?

Wird der Freund dem Freund helfen, der nur noch eine Saftpresse in seine vollgestopfte Wohnung pressen kann? Fängt aus dem Mann, der in der grasbewachsenen Schalterhalle seiner Bank nur noch Gras abheben kann, selbst das Gras zu wachsen an? «Etwas juckte mich am Hals.» Nach dem letzten Satz bleibt mindestens ein Rätsel ungelöst.

Basler Lesung aus «Flusspferd im Frauenbad», 10. März, 20 Uhr, Buchhandlung Kosmos, Kleinbasel. Weitere Lese-Daten und Informationen: www.jens-nielsen.ch