Lebensweg

Ivo Andric: neue Biografie über den Spitzendiplomaten und Literaturnobelpreisträger

Nobelpreisträger Ivo Andric: Auf dem diplomatischen Parkett vermied er die Konfrontation, in seinem literarischen Werk war er deutlicher.

Nobelpreisträger Ivo Andric: Auf dem diplomatischen Parkett vermied er die Konfrontation, in seinem literarischen Werk war er deutlicher.

Dem Literaturnobelpreisträger Ivo Andric (1892-1975) begegneten als Diplomat Stalin, Hitler und Mao. Eine Biografie rollt sein Leben auf.

Ivo Andric war ein stiller, diskreter Mann in finsteren Zeiten. Er diente als Gesandter im Dienste des Königreichs Serbien und Jugoslawiens in verschiedenen europäischen Ländern und ist ein Schriftsteller von Weltrang. Sein Werk, vorab sein berühmtester Roman «Die Brücke über die Drina», wurde 1961 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Doch Andric’s spannendem Lebensweg zwischen politischer Diplomatie und Literatur, zwischen Schweigen und Schreiben, in einem Europa vom Ersten Weltkrieges bis 1975, in dem Ideologien entstanden und verschwanden, hat der Balkankenner Michael Martens in seiner Biografie «Der Brand der Welten» als seine Aufgabe angesehen und sie hervorragend gelöst.

Dem Konflikt aus dem Weg gegangen

Ivo Andric wurde als Sohn katholischer Kroaten 1892 in Travnik/Bosnien geboren, war zuerst osmanischer Staatsbürger, 1908 annektiert die Habsburgermonarchie das Gebiet und Andric wird formal vom «Türken» zum «Österreicher» und sieht sich später im Dienst Serbiens. Er wächst in Visegrad auf, besucht das Gymnasium in Sarajevo und verkehrt dort im Kreis der Attentäter um Gavrilo Princip, nimmt aber selber nicht am Attentat von 1914 teil. So wie er sich ein Leben lang aus allen Auseinandersetzungen raushalten wird, auch als Gesandter in Rom, Bukarest, Triest, Madrid, Genf, von wo er sich jeweils nach kurzer Zeit meist aus gesundheitlichen Gründen abberufen liess. Ab 1939 hat er in Berlin im Dienst des Königreichs Jugoslawiens Hitler die Hand gegeben, Stalin und Mao getroffen. Mit dem Land der von ihm bewunderten Goethe und Thomas Mann wollte er jedoch ab 1940 nichts mehr zu tun haben.

Zuerst in Kriegsgefangenschaft, dann zurück ins von den Deutschen besetzte Belgrad, hat er sich bis zum Ende des Krieges zurückgezogen, um seine drei Romane «Die Brücke über die Drina», «Wesire und Konsuln» sowie «Das Fräulein» zu schreiben. Bis zum Tod 1975 hat er in Belgrad gelebt, durch das man in Mertens Biografie flanieren kann.

Andric war kein Dissident. «Er tat und unterliess, was immer nötig war, um in Ruhe schreiben zu können. So schwieg er auch zu Ungerechtigkeiten seiner Zeit, um sie in seinen Büchern beschreiben zu können», stellt Michael Martens in seinen ausführlichen Recherchen fest.

In seinen Werken zeichnet Andric ein chirurgisch genauer, skeptischer und illusionsloser Blick aus. Wer «Die Brücke über die Drina» liest, muss zunächst eine sehr brutale Szene überstehen, um dann aber auch zu erfahren, dass der bosnische Mikrokosmos unterschiedlicher Religionen und Zivilisationen eine identitätsstiftende Erfahrung der Jugoslawen ist.

Brückenbauer zwischen Ost und West

Denn als Jugoslawe hat sich Andric gefühlt, in seinem Werk den Zusammenprall westlicher Zivilisation mit einer stark orientalisch geprägten Welt thematisiert und eine Verbindung zwischen den Völkern, Religionen, den kulturellen und ideologischen Gegensätzen – ohne idyllische Verklärung – aufgezeigt. «Ich wäre sehr glücklich, könnte ich durch meine Arbeit ein Brückenbauer zwischen Ost und West sein», wünschte sich Andric.

Dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Er steht auch heute noch im Sperrfeuer der Nationalisten. Andric wird in Erinnerung bleiben als ein literarischer Chronist, der seine Zeit sehr gut verstanden hat.

Autor

Julia Stephan

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