«Ist der Ruf erst ruiniert, lebts sich gänzlich ungeniert»

Von Hip-Hop zu Reggae bis Disco: Jan Delay hat sich für sein zweites Tanzalbum «Wir Kinder vom Bahnhof Soul» mit den 70ern befasst und aktuelle Sounds dazugemischt.

STEFAN KÜNZLI

Sie künden Ihr neues Album «Wir Kinder vom Bahnhof Soul» grossspurig als «das geilste Album aller Zeiten» an. Ist das mehr als ein platter Werbespruch?
Jan Delay: Das bezieht sich natürlich nur auf mich und mein persönliches Schaffen.

Dann finden Sie, dass Ihr neues Album um einiges besser ist als der Vorgänger «Mercedes Dance». Was ist besser, was neu?
Delay: Mein Bart (zupft an seinen Gesichtshaaren). Dazu hab ich jetzt erreicht, was ich mit dem letzten Album wollte, damals aber noch nicht konnte. Ich wollte eine Tanzplatte machen und hatte keinen Bock mehr auf Reggae. Aber erst nach zweihundert Live-Konzerten hat es so geklungen wie die Musik meiner Vorbilder. Das war deshalb die Zielvorgabe für die neue Scheibe.

Was haben Sie anders gemacht?
Delay: Den ganzen Produktionsprozess. Ich komme ja vom Hip- Hop, wo man mit vorproduzierten Beats arbeitet. So war es auch bei «Mercedes Dance». Doch das Ergebnis hat mich nicht befriedigt. Um den Sound der 70er-Jahre, den Sound der Disco- und Post-Disco- Zeit, zu erreichen, wollte ich auch genauso vorgehen wie die Helden von damals. Diesmal habe ich die Basics zuerst mit Musikern im Proberaum erarbeitet. Erst danach haben wir in einem alten, grossen Studio mit altem Studioequipment aufgenommen. Wir haben sogar zuerst andere Studios getestet. Als wir den gewünschten Sound hatten, übertrugen wir ihn auf Computer, um daran erneut frickeln und basteln zu können.

Das muss ja unglaublich aufwändig und teuer gewesen sein. Stimmt es, dass Sie jetzt blank sind?
Delay: Auf jeden Fall ist der ganze Vorschuss der Plattenfirma für die Produktion draufgegangen. Eine Summe will ich nicht nennen, aber es ist eine gehörige Stange Geld.

Der Begriff «Disco» ist ja etwas irreführend, oder?
Delay: Wir spielen nicht Discomusik, meine Band heisst Disko mit dem deutschen k. Sie funktioniert wie ein 11-köpfiger DJ, der das Publikum zum Tanzen bringen soll. Auf der aktuellen Platte eifern wir einer Strömung von Ende der 70er-Jahre nach, die parallel zur bekannten, kommerziellen Disco-Schiene mit «Saturday Night Fever» 1977 ihren Sound perfektionierte und danach zur Blüte brachte. Also Earth, Wind & Fire, Johnny Guitar Watson, Chic, Rick James, Prince, Michael Jackson und Quincy Jones. Sie stehen eher für Post-Disco als für Disco.

Sie kommen vom Hip-Hop, haben zu Reggae, später Funk und Disco gewechselt. Wurden Sie von den Hip-Hop-Puristen nie als Verräter beschimpft?
Delay: Doch, doch. Das war 1999, als ich als Rapper die Frechheit besass zu singen. Seither leb ich unter dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebts sich gänzlich ungeniert. Und ich lebe damit nicht so schlecht. Und überhaupt: Die Typen, die heute immer noch denken, Hip-Hop muss Hip-Hop sein, sind so zurückgeblieben, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Die haben das Wesen des Hip-Hop nicht begriffen. Hip-Hop klaut ja überall und ist gegenüber allen Seiten offen.

Was bedeutet Ihnen Michael Jackson?
Delay: Jahrelang haben die Medien auf ihm rumgehackt, nach seinem Tod finden ihn alle wieder unglaublich toll. Das ist pervers. Für mich war er aber schon immer der Grösste. Ich kenne niemanden, der so viel gegeben hat wie er. Jacko macht 50 Prozent von Jan Delay und Disko Nr. 1. aus. Es ist sein Geist, seine Musik und die Art, Glamour auf eine natürliche Weise zu transportieren.

Natürliche Weise?
Delay: Ja, unbedingt. Ende der 70er-Jahre war Michael noch sehr bodenständig, noch nicht so abgehoben wie später. Damit meine ich vor allem das Album «Off the Wall» von 1979 sowie «Boogie» und «Triumph» mit den Jackson Five zu jener Zeit.

Ihr Album ist eine Schatzkiste. Neben den genannten Grössen habe ich direkte Reminiszenzen an Falco, Prince, Stefan Remmler, George Clinton und Thelonious Monk gefunden.
Delay: (. . . fällt ins Wort und schreit) Sie sind der Erste, der Monk gefunden hat. Ich hab jetzt siebzig Interviews gegeben und niemand hat Monk entdeckt. Herzliche Gratulation.

Und was ist original Jan Delay?
Delay: Der Song «Oh, Johnny» ist komplett Jan Delay und typisch. Er bedient sich bei etwas Altem und fügt aktuelle Clubsounds und Beats dazu. Mein Sound ist nicht nur Retro. Diese Art, zwei Sachen übereinander zu legen, ist Delay. Der Flow in den Strophen ist markant und kommt vom Rap. Das ist Delay. Der Text sowieso: Gesellschaftskritik, bei der die Unterhaltung nicht unterdrückt wird. Zu meiner Musik soll man tanzen und feiern können.

Und Ihre Stimme.
Delay: Ja, meine nasale Stimme ist das markanteste. Meine Artikulation, meine Phrasierung. Ich bin ja kein Souloder Funksänger, kann es auch nie sein. Man merkt in meinem Gesang, dass ich vom Rap komme.

Was bedeutet Ihnen Tradition?
Delay: Gustav Mahler hat sinngemäss mal gesagt: Tradition ist nicht die Anbetung von Asche, sondern das Weiterreichen von Feuer. Genau so bediene ich mich der Musiktradition.

Nach dem Tod von Michael Jackson und im Zusammenhang mit der Krise der Musikindustrie wurde Pop von verschiedenen Seiten für tot erklärt. Ist Pop tot?
Delay: Nein, überhaupt nicht. Alles ist Pop. Die Gegenthese ist Lady Gaga. Zumindest die hält Pop am Leben. Klar, das Internet hat die Popindustrie geschwächt, aber auch vieles ermöglicht. Internet ist Fluch und Segen zugleich. Aber Pop definiert sich nicht durch die Popindustrie. Pop bedeutet nichts anderes als populär. Internet ist auch Pop. Jeder illegale Download hält Pop am Leben. Alles, was irgendwo illegal heruntergeladen wird, ist Pop.

Was sind Ihre nächsten Pläne?
Delay: Nach meiner sechsjährigen Welttournee und nachdem meine Platte auch auf Englisch herausgekommen ist, werde ich mich mit Denyo und DJ Mad zusammensetzen. Für 2010 ist eine Beginner-Platte geplant, wir wollen überall spielen, auch im Zürcher Hallenstadion.

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