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Ramita Navai hat ein Buch über den Alltag im Iran geschrieben. Eine Schilderung zwischen Resignation und Wandel.
Ramita Navai: Was die politische Situation betriff, sind die Iraner heute viel resignierter als 2003, als ich nach Teheran kam. Sie wollen keinen dramatischen Wechsel und sie wollen sicher keine Intervention des Westens. Sie sahen Afghanistan, den Irak, dann Syrien. Sie haben Angst vor einem Blutbad.
Sie begannen damit, dass die Wiederwahl von Mahmoud Ahmadinejad infrage gestellt wurde. Die Proteste wurden brutal zerschlagen. Man kann diese Proteste als Auslöser des Arabischen Frühlings sehen. Aber in Iran glauben heute selbst Leute, die gegen das Regime sind, ein Wechsel müsse langsam und aus dem Inneren heraus geschehen.
Auf den Strassen hat sich nichts verändert. Rouhani kommt aus Khomeinis Lager, er war ein Berater in nuklearen Fragen in einem Rat, der dem Obersten Führer nahe stand. Er stammt aus dem konservativen Lager. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine grosse Verschiebung nach rechts gab. Unter Ahmadinejad fiel das Land zurück. Rohani scheint moderat im Vergleich zu seinem Vorgänger. Aber wie viel Macht hat er wirklich? Die Führer der Reformbewegung, Mussawi und Karroubi, stehen unter Hausarrest seit 2009.
Ahmadinejad ist im Iran eine lächerliche Figur, er ist Irans Trump. Niemand rechnete damit, der Oberste Führer würde ihn wieder antreten lassen.
Die Macht ist unter den Konservativen aufgeteilt, letztlich liegt sie beim Obersten Führer. Und sie spielen ein cleveres Spiel. Es ist wie bei einem Dampfkessel. Immer mal wieder heben sie den Deckel, lassen Dampf ab und legen den Deckel wieder drauf. Sie geben den Leuten genug soziale Freiheiten, damit sie zufrieden sind. Auf der anderen Seite kontrollieren sie ihre sozialen Freiheiten so weit, dass die Leute ihre Zeit damit verbringen, wie sie die Restriktionen umgehen können. Sie werden keine Revolution ausbrüten, wenn ihr Kopf damit beschäftigt ist, wie sie ihre Freundin sehen können, wie sie mit ihr schlafen können und wo sie das tun können.
Ehemänner, die statt nach Mekka nach Thailand pilgern, Mullah-Hotlines zu Fragen rund um Sex oder Revolutionsrichter, die um Vergebung suchen: Im Buch «Stadt der Lügen» (Kein & Aber, 288 S.) zeichnet Ramita Navai Porträts, die vom sozialen Wandel im Gottesstaat erzählen. Die 43-jährige Journalistin mit iranischen Wurzeln war jüngst in der Schweiz.
Wen auch immer der Oberste Führer unterstützt, der wird gewinnen. Die iranischen Wahlen sind eine Art Scharade. Sie sollen eine Form islamischer Demokratie sein. Das ist Betrug. Alle Kandidaten, die nicht genehm sind, werden von vornherein ausgeschlossen. Die Aussenpolitik wurde auch immer durch den Obersten Führer bestimmt. Deswegen kommt es nicht darauf an, wer Präsident ist. Aber natürlich beschäftigt mich, wie Iran zum Rest der Welt steht. Iran ist überaus wichtig mit Blick auf Syrien und den Irak. Iran ist Teil des Problems und Iran wäre die Lösung für so viele dieser verfahrenen Situationen im Mittleren Osten.
Innerhalb des Landes gibt es darüber eine Debatte. Das ist bemerkenswert. Ich traf in Iran religiöse Leute, die für die Trennung von Religion und Staat waren. Einer der Architekten der Revolution, der Geistliche Hussein-Ali Montazeri, der sich später mit dem Obersten Führer überwarf, trat gegen Ende seines Lebens für eine Trennung von Religion und Staat ein. Man muss nicht weltlich sein, um in Iran davon überzeugt zu sein.
Es war eine links-intellektuelle Bewegung, die von den Islamisten gekapert wurde. Aber es gab eine Umverteilung des Reichtums, die Macht wurde den Leuten zurückgegeben. Es gab auch viel Gutes.
Nach 1979 hatten Frauen aus religiösen oder armen Familien erstmals die Möglichkeit, an die Universität zu gehen, weil es ein islamisches System war. Vorher wurden die Universitäten als westliche Höhlen des Imperialismus und als unmoralisch angesehen. Es gab auch Konzepte für Sozialwohnungen. Viele Iraner fühlten zum ersten Mal, Iran ist wieder ihr Land – jene, die zuvor diskriminiert wurden, wenn sie einen Tschador trugen. Das Problem in Iran ist die Trennung in säkulare und religiöse Gruppen. Bis diese Trennung überwunden ist, wird immer eine Seite unglücklich sein.
Es ist nicht falsch. Aber das Nuklearabkommen stand im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die eigentliche Atmosphäre im Land wurde übersehen. Journalisten bleiben tendenziell im Norden von Teheran, in ihrer Blase. Der Süden ist eine andere Welt. Es ist schwierig, Zugang zu bekommen. Aber dort pulsiert das Herz der Stadt.
Sie können tun und lassen, was sie wollen, das ist überall so. Wobei eines der interessantesten Phänomene der letzten 15 Jahre die wachsende Mittelschicht ist. Dort findet ein grosser gesellschaftlicher Wandel statt. Die Leute haben angefangen, vor der Heirat zusammenzuleben, in einer sogenannt «Weissen Heirat».
Das ist purer Pragmatismus, damit man Sex haben kann. Prostituierte nutzten die «Ehe auf Zeit», oder Männer, die Geliebte hatten. Aber heute nutzen junge Leute diese Möglichkeit, um zu reisen. Sie heiraten für einen Monat oder so, weil Unverheiratete nicht in einem Hotelzimmer übernachten können. Es ist eine Möglichkeit, die sozialen und sexuellen Restriktionen zu umgehen.
Ich würde es ein sexuelles Erwachen nennen. Die «Weisse Heirat» ist eine bemerkenswerte Veränderung. Heute umgehen selbst Leute aus religiösen Familien das Gebot der Jungfräulichkeit. Das hängt damit zusammen, dass mehr junge Leute an die Uni gehen, wo sie Iraner unterschiedlicher religiöser oder politischer Färbung kennen lernen.
Sie kann nicht viel dagegen tun. Ich sprach mit Protestierenden nach den Wahlen von 2009. Sie erzählten mir, sie hätten während der Proteste viel Sex gehabt. Für sie war das eine Form des Protestes. Was sie mit ihren Körpern machten, war der Bereich, den die Regierung nicht kontrollieren kann. In jedem Land, in dem etwas unterdrückt wird, werden die Leute besessen davon, was sie nicht tun dürfen. In Iran sind die Leute besessen von Sex, in allen Teilen der Gesellschaft, auch in der Regierung.
Man kann dafür umgebracht werden. Aber wenn man sich ruhig verhält, forschen sie nicht unbedingt nach. Die Bestrafung ist vergleichsweise tief, wenn man schaut, wie aktiv die Gay Community ist.
Als ich offiziell als Journalistin dort arbeitete, wurde ich wie die meisten Journalisten vom Sicherheitsdienst überwacht. Das ist normal. Sie versuchen, einen einzuschüchtern. Sie stellen sicher, man weiss, dass man vielleicht beschattet wird oder dass sie das Telefon abhören.
Es ist eine beängstigende Erfahrung. Ich wurde ein paar Mal verhaftet. Viele meiner Kollegen kamen ins Gefängnis – Doppelbürger und Iraner. Am Schluss hatte ich genug davon, so genau überwacht zu werden. Ich hatte auch genug von meiner Selbstzensur.
Meine Motivation ist immer die Geschichte. Mich interessieren Geschichten, die einen anderen Blickwinkel zeigen, als das, was gerade im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.
Als Frau wird man nicht so ernst genommen. Das erleichtert oft den Zugang. Einige Male fühlte ich mich deswegen nicht sicher. Als ich über die Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz in Ägypten recherchiert habe, hatte ich einen Bodyguard. Abgesehen von solchen Situationen ist es ein Vorteil, eine Frau zu sein. Zudem haben wir Zugang zur Hälfte der Bevölkerung, denn die Frauen in solchen Ländern reden nicht mit Männern.
Habe ich mit dem Buch eine Grenze überschritten oder nicht? Das weiss man nie. Das Buch ist nicht politisch. Aber wenn sie jemanden packen wollen, werden sie einen Grund finden. Ich denke, im Moment ist es für mich nicht klug, nach Iran zu gehen.