Schiffbau
In zerrütteten Familien gibt es kein Recht auf Versöhnung – auf der Zürcher Theaterbühne sowieso nicht

«Einfach das Ende der Welt» wird im Zürcher Schiffbau zum Spiel um Verletzungen in der Familie und die Frage, welches das richtige Leben ist. Regie führt der gefeierte Jungstar Christopher Rüping.

Valeria Heintges
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Musiker umarmt verlorenen Sohn: Matze Pröllochs, Benjamin Lillie.

Musiker umarmt verlorenen Sohn: Matze Pröllochs, Benjamin Lillie.

Diana Pfammatter

In der riesigen Schiffbau-Halle steht die elterliche Wohnung, die Schauspieler Benjamin Lillie vor zwölf Jahren das letzte Mal sah. Wohn-, Ess- und Kinderzimmer, Küche, Bad. Videokassetten, Kinderzeichnungen. Blumen auf dem Tisch, Tomatensuppe auf dem Herd. Eine Glanzleistung von Bühnenbildner Jonathan Mertz für «Einfach das Ende der Welt», ein Vollbad in der Vergangenheit, mit entsprechender Livemusik von Matze Pröllochs.

Livemusiker Matze Pröllochs.

Livemusiker Matze Pröllochs.

Diana Pfammatter

Benjamin, der Videokünstler, will der Familie sagen, dass er todkrank ist. Wie wollen Sie sterben, fragt Benjamin Lillie das Publikum, wer will zur Familie zurück, wer alleine sterben? Dann geht er herum, mit seiner Kamera. 25 Minuten lang filmt er alles, jedes Detail. So hat es ausgesehen damals.

Aber zwölf Jahre später ist alles anders. Also wird aufgeräumt. Alles in Kisten verpackt, nach draussen verfrachtet, die Zimmerelemente ineinander- und an die Wand geschoben. Dann ist sie leer, die grosse Bühne der riesigen Schiffbau-Halle. Und da stehen sie. Die Mutter. Die Schwester. Der Bruder. Dessen Frau. Ein kleines Grüppchen auf der einen Seite. Und der Heimkehrer auf der anderen. Die Erinnerungen waren nur ein Traum, die Wahrheit sieht anders aus, leer, kalt.

Das Retroambiente ist ausgeräumt. Auf der kahlen Bühne begegnen sich die Familienmitglieder mit kühler Distanz.

Das Retroambiente ist ausgeräumt. Auf der kahlen Bühne begegnen sich die Familienmitglieder mit kühler Distanz.

Diana Pfammatter

Die Distanz des Coronatheaters kriecht als Unsicherheit, als Lähmung in jede Pore und macht es auch der Inszenierung schwer, nach dem kuschelig-soften Anfangsbild wieder in Fahrt zu kommen.

Sie hauen sich alte Erwartungen um die Ohren

Viel bleibt in Zürich nicht übrig von dem in Frankreich so häufig gespielten Drama von Jean-Luc Lagarce, das der mehrfach ausgezeichnete frankokanadische Autorenfilmer Xavier Dolan in einen Film mit Starbesetzung verwandelte. Nur die Figurenkonstellation, hier und da ein Satz, kaum mal eine Szene. Regisseur Christopher Rüping interessiert sich nicht für diese Familie, sondern für grundlegende Fragen: Was weiss man noch voneinander, wenn man sich zwölf Jahre nicht gesehen hat? Wie weit lassen sich Familienmitglieder Raum für Veränderungen? Inwieweit frieren sie die anderen ein in Erinnerungen, inwieweit nehmen sie Entwicklungen wahr?

Am Ende bleibt die Einsamkeit.

Am Ende bleibt die Einsamkeit.

Diana Pfammatter

In Zürich findet der Heimkehrer den Mut und den Moment, seiner Familie zu erzählen, dass er todkrank ist. Doch das Ansinnen stösst auf Ablehnung. «Es gibt kein Recht auf Versöhnung.» Das ist der Kulminationspunkt eines Abends, in dem sich die Schauspieler – erst höflich und abwartend, dann immer unerbittlicher und gnadenloser und darstellerisch durchweg grossartig – die alten und neuen Erwartungen und Enttäuschungen um die Ohren hauen. Ulrike Krumbiegels Mutter wird immer gleich grundsätzlich, Wiebke Mollenhauers Schwester braucht eine Weile, bis sie die Unachtsamkeiten des Bruders entlarvt: als Desinteresse an der Schwester, der der Bruder das Erwachsenwerden verweigert. Nils Kahnwald ist der abweisendste von allen. Er entlarvt die Arroganz, die der Vorlage zugrunde liegt: Wild und wütend wehrt er sich dagegen, dass das Leben in der Provinz automatisch in Spiessigkeit und Langeweile feststecken muss. Er verweigert dem Todkranken die verzeihende Umarmung. Da ist Lillie, mit all seiner Wut, seinem Drang und seiner Videokunst, endgültig an den Wänden der Familie zerschellt.

Am 17. Dezember wird das Werk live gestreamt: schauspielhaus.ch