Die Bühne ist leer, in hellviolettes Licht getaucht. Dann eine Stimme, bevor überhaupt jemand zu sehen ist. «Gott hat mich erwählt, um mich zu seinem Werkzeug zu machen», spricht eine Frau klar und bestimmt, obwohl im Rausch. Dazu die sanften Klänge eines Hangs, beruhigend, aber auch unheimlich dumpf. Dann tritt sie auf, die Gottesanbeterin. Zierlich, beinahe hager ist sie. Sie strahlt übers ganze Gesicht, spricht Lobpreisungen aus, glaubt an das Gute im Menschen.

Der Kultort: keine Kirche, sondern das Foyer des Neuen Theaters Dornach. In «Die Gottesanbeterin» zeigt die Zürcher Autorin Anna Papst, wie sich eine junge Frau durch ihre religiöse Abhängigkeit zunehmend von der Gesellschaft isoliert.

Das ist ein schweres Thema, ein heikles auch. Papst selbst hat bei einer Bekannten miterlebt, wie sie in einer strenggläubigen Gemeinschaft radikalisiert wurde und daraufhin psychisch erkrankt ist. Doch statt einer bedrückenden Abrechnung schrieb sie einen feinfühligen Text.
Dass es ihr dabei gelingt, mit Witz, aber ohne jeglichen Klamauk die Widersprüche im Leben der Protagonistin aufzuzeigen, ist ihr hoch anzurechnen.

Das Publikum als Kirchgemeinde

Als Teil der «Stückbox»-Veranstaltungsreihe zeichnet sich das Stück durch eine schlichte Inszenierung und eine starke Textvorlage aus. Das Konzept dahinter: In nur 15 Tagen Probezeit erarbeiten die Schauspieler mit der Regisseurin Ursina Greuel ein Stück, bei dem der Text im Zentrum stehen soll.

Und nicht nur dieser überzeugt an diesem Premierenabend in Dornach: Das fünfköpfige Ensemble tritt stark und präzise auf, als Profis scheint ihnen auch eine derart kurze Probezeit nichts anhaben zu können. Wobei festgehalten werden muss: Eine absolute Premiere war die Aufführung in Dornach nicht. Das Stück, eine Koproduktion, wurde im September bereits im Zürcher Sogar Theater aufgeführt.

Auch im hohen Foyer des Neuen Theaters ist Papsts Stück bestens aufgehoben. Immer wieder mischen sich die Schauspieler unter die Gäste, sprechen ihre Gebete in den Raum. Das Publikum wird zur Gemeinde, erlebt einen mitreissenden Gottesdienst, der in einer fast schon rhythmischen Huldigung des Allmächtigen gipfelt: «Lobe den Herrn, meine Seele und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen!»

Der Bräutigam wartet im Himmel

Getragen wird der kurzweilige Abend insbesondere von der Schweizer Schauspielgrösse Mona Petri als Rita. Zuerst noch eine wohlwollende Gläubige und beflissene Lehrerin, wird sie zunehmend zu einer abgebrühten Frau, die ihre Empfindungen nicht mehr einordnen kann. Sie verliert ihre Stelle, weil sie mit der Schulklasse betet, und bevormundet die Schwester, die abends gerne lange ausgeht und stets neue Männer nach Hause bringt.

Selbst als Rita heiratet, bleibt sie in Himmel hängen: «Ich habe einen Bräutigam auf Erden und einen im Himmel», sagt sie mit verträumtem Blick in den Augen. Für die einen heilbringende Freundin, für andere psychisch gestört und für ihren Mann ein rentables Projekt, sucht die Protagonistin nach ihrer Aufgabe in der Gesellschaft.

Bis zum Schluss bleibt Petri als Rita nicht fassbar, spielt facettenreich und authentisch. Ein scharfsinniger Theaterabend, der in seiner witzigen Leichtigkeit überrascht.

«Die Gottesanbeterin», Samstag, 20. Oktober, um 19.30 Uhr und Sonntag, 21. Oktober, um
18 Uhr im Neuen Theater Dornach. Reservationen unter www.neuestheater.ch.