Der Tyrann liebte die Dichtkunst. Ein Werk mochte er besonders, «Der Ritter im Tigerfell» von Schota Rustaweli, entstanden um 1200. «Einst war König in Arabien Rostewan, ein hochgeweihter, / huldvoll edler Fürst, beflügelt von der Heermacht seiner Streiter.» Klar, der Tyrann aus dem 20. Jahrhundert sah sich selbst in der Figur des Fürsten. «Mild, gerecht, voll Grossmut war er, seinem Staat ein kluger Leiter.» Er liebte die Dichtkunst, doch die Dichter liebte er weniger: Er liess sie einsperren, foltern, verbannen, viele starben auf seinen Befehl.

Wir reisen im Flieger zu einer literarischen Spurensuche nach Georgien; links liegt der Kaukasus, unter uns der Geburtsort des Tyrannen, wir aber lesen im Ritter-Epos. Denn Rustaweli ist ein Nationalheiliger in diesem Land – Strassen sind nach ihm benannt, eine Universität, ein Asteroid, ein Gipfel. Anflug auf Tiflis. Plötzlich glauben wir, einen Beatles-Song zu hören: eine Maschine vor der Landung, ein Riff, dann Paul McCartneys Stimme. «I’m back in the U.S.S.R.» und «Georgia’s always on my, my, my mind». Willkommen im Niemandsland zwischen Orient und Okzident, auf dieser windigen Kreuzung. Alle waren sie hier – Perser, Araber, Byzantiner, und immer wieder kommen die Russen. Traurige Landschaft, von Kriegen zerrissen, die Grenzen rutschen. Willkommen in der Hauptstadt, «Tbilisi loves you», sagt das WLAN-Netz.

Für Russlands Dichter ist Georgien ein Sehnsuchtsort. Tolstoi entdeckte hier im Süden das «Land der grossen Schicksale», Puschkin die «wilde Freiheit». Pasternak sah eine Chimäre – der Kopf westlich, der Rumpf östlich. Paustowski aber fand in Georgien das sozialistische Paradies. «Ich vermisse dich, Tiflis, / und das Funkeln deiner Lichter, / die Balkone, fein wie Spitze, / über dem Fluss.» Das schrieb Jewgeni Jewtuschenko (1932–2017), der Popstar und Provokateur, der Poet des Tauwetters nach Stalins Tod. «Ich vermisse die Frau, die ihre Waren anpreist, / und die Schönheit des Einfachen / in den Blicken eines wachen Mädchens. / Ich vermisse es wie mein Zuhause, / mein Tiflis vergangener Tage.»

Georgien macht jeden zum Narren

Die «Vasil Barnov», eine Strasse unweit der Altstadt. Das «O, Moda, Moda» ist nicht nur ein Laden, es ist auch Café. Wir klopfen an ein Fenster unter dem Laden, eine Tür quietscht, dann gehen wir in die Wohnung der Erzählerin Anna Kordsaia. Halbdunkel. Wenig Möbel, an der Wand Grafiken, dazu Bilder aus dem Kaukasus. Von dort stammt die Familie. Anna – Jahrgang 1968, schmale Augen, dunkles Haar – ist Slawistin, Journalistin, Übersetzerin, Professorin. Und eine starke literarische Stimme. Die Autorin schreibt offen über die Gefühle von Frauen in einer Welt der Männer, für manche Herren ist das zu viel. Anna äfft sie nach: «Warum muss eine Frau Schriftstellerin werden? Ist sie hässlich oder was?» Sie sitzt in der Küche vor ihrem roten Kühlschrank, sie raucht und sagt: «Georgien macht jeden zum Narren, der eine Voraussage wagt.»

Wir sind unterwegs, 500 Kilometer. Erst weit nach Westen, fast bis ans Schwarze Meer, an die Grenze der abtrünnigen Republik Abchasien. Später gehts nach Norden, hinein in den Kaukasus. Doch wohin wir auch kommen – überall treffen wir auf literarische Spuren. Eine Fahrt durch Georgien ist eine Reise durch eine surreale Landschaft. Schnellstrassen sind hell erleuchtet; alle hundert Meter eine Laterne, ein Symbol: Nach düsteren Jahren hat die Zukunft begonnen. Und noch ein Symbol: Die Polizei residiert in Palästen aus Glas. Aber Kühe stehen auf den Fernstrassen, immer wieder, sie rücken keinen Zentimeter. Gibt es Unfälle mit den Rindviechern? «Viele», sagt der Fahrer.

Gori, 85 Kilometer nordwestlich von Tiflis; die Grenze zu Südossetien ist nahe, noch ein Konflikt. Das Städtchen hätte nichts, wenn es IHN nicht hätte. Sein Denkmal ist kürzlich gestürzt, doch es gibt eine Allee und den Park mit seinem Namen. Hier steht die Hütte, in der er 1879 zur Welt kam. Wir schauen auf die Betten der Eltern, ihren Samowar, ihre Truhe. Nichtigkeiten. Doch an diesem Fleck hat er die ersten Jahre seines Lebens verbracht: Josef Wissarionowitsch Dshugaschwili alias Stalin. Hier hat er Rustawelis Verse gelernt, begeistert von diesem «Ritter im Tigerfell»: «Mild, gerecht, voll Grossmut war er ...»

«Ein starker Mann ohne Schwächen»

Die Hütte, der Park, die ganze Stadt – alles steht im Schatten eines Palazzo im venezianischen Stil. Das Stalin-Museum. 35 000 Besucher im Jahr; manche verbeugen sich vor seiner Totenmaske. Olga Topschaschwili führt uns durch den Palast, die Leiterin der Abteilung Wissenschaft. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Stalin? Sie lacht. «Keine. In der Schule haben wir nichts über Stalin gelernt.» Was erzählen Sie Gästen über seine Stärken und Schwächen? «Er war ein starker Mann ohne Schwächen. Und wenn er Fehler machte, dann waren diese Fehler seiner Zeit geschuldet.» Dem Stalinschen Terror fielen zwölf, vielleicht zwanzig Millionen Menschen zum Opfer. Doch der Palazzo präsentiert Stalin als Schwärmer mit glühenden Augen, als Rebellen in James-Dean-Pose – und als Poeten.

«Ich knöpfe meine Weste auf / Und werfe meine Brust dem Mond entgegen», schrieb der junge Josef. 1895, da war er erst sechzehn und Zögling im Priesterseminar, druckte ein Magazin seine Verse, die sanften und die heroischen. «Unser Ninika ist alt geworden, / die Schultern des Helden tragen nichts mehr. / Dieses trostlose graue Haar: / Einst konnte es eisenharten Widerstand brechen.» Später, als Bankräuber und Terrorist, soll er lustvoll eigene Verse rezitiert haben. Und auf dem Höhepunkt seiner Macht, zur Zeit des Grossen Terrors, dachte Stalin zurück an Rustawelis edlen Recken. Er liess einen georgischen Autor aus dem Kerker holen, auf dass er das Epos ins Russische übertrage; dann redigierte er.

Der Diktator starb 1953. Noch bis 1970 wurden seine Gedichte gedruckt – als Werk eines anonymen Romantikers. Wie schrieb Jewgeni Jewtuschenko? Man solle die Wachen am Grab des Stählernen verdoppeln, «damit Stalin nicht aufsteht, und die Vergangenheit mit ihm».

Baghdati, 220 Kilometer östlich von Tiflis. Ein Holzhaus am Wald, Dielen knarren. In einem Zimmer ein Schreibtisch, Bücher, Holzproben, der Mieter war Förster. In einem anderen Zimmer ein Bett, eine Nähmaschine der Marke «Singer». Und daneben die Wiege, in der er im Juli 1893 geboren wurde: der wildeste Lyriker der Revolution von 1917. Wladimir Majakowski. «Auf! Steine, Messer, Bomben geschnappt, / ihr Flaneure und rasch herüber!» Der Mann war eine Naturgewalt – unzähmbar, berauschend, gefährlich. «Hat einer von euch beide Arme ab, / benutze er als Rammbock die Rübe!»

Ein Mann mit schütterer grauer Mähne geht durch Majakowskis Heim, auch er ein Poet, Saal Ebanoidse, er hat lange hier gearbeitet. Und wenn man Glück hat, reisst er plötzlich die Arme hoch und beginnt, des Meisters Poeme zu deklamieren. «Wir lassen / heute / mit einem Schlagring / den Schädel der Welt zerbersten!»

Ebanoidse lädt ein in seine Datscha. Ein Steinhaus am Fluss, ohne Wasser, ohne Strom, aber mit dem Echo vergangener Gelage. Ein grosser Raum, ein Tisch. Darauf Bücher, Manuskripte, Gläser. Und Teller mit Brot, Käse, Tomaten, Paprika, die Früchte fett von der Sonne. Ebanoidse schenkt Wein in die Wassergläser, dann sagt er: «Majakowski steht vor mir wie eine Wand.» Und: «Wer sich in die Literatur begibt, verschwindet in ihr wie ein Verschollener im Krieg.» Wladimir Majakowski blieb auch nach der Revolution von 1917 überzeugt von der neuen linken Lehre. Als er zu zweifeln begann, hat er sich erschossen.

Die Ruinen des Sozialismus

Die Tour wird zur Geisterfahrt – entlang den Ruinen des Sozialismus. Marode Neubauten. Und Strassen voller Trichter. In der Steppe stehen tote Fabriken, alle zwanzig Kilometer ein Komplex mit Hammer und Sichel. «Ruhm der Arbeit!» Wir sehen Wandbilder unterm Staub von dreissig Jahren: Arbeiter, Frauen, Blumen, alles sehr heiter. Die Bilder feiern den Aufbruch ins Morgen; ihr Optimismus ist erstarrt zu einer grässlichen Pose.

Irgendwann, tief im Kaukasus, sind es nur noch 44 Kilometer bis ins höchste Dorf Europas. Sie kosten vier Stunden. Buckel, Löcher, Rinnen, Bäche, manchmal liegt ein Felsen im Weg. Am Nachmittag sind wir am Ziel, in Uschguli. Auf Georgisch, in dieser Weinrankenschrift, sieht der Name noch schöner aus. Uschguli – 2100 Meter über null – ist ein schmutziger Garten Eden. Der Fluss Enguri in seiner Schlucht. Bauern hinterm Holzpflug. Dreissig Wehrtürme, zum Teil über tausend Jahre alt; der Ort ist Weltkulturerbe. Weiter: Kühe und Kot, Schweine und Schlamm auf allen Wegen. Geduckte Häuser, Ruinen. Aber dahinter leuchtet der Schnee am höchsten Berg Georgiens, dem Schchara, 5200 Meter hoch.

Quartier im Haus der Familie Ratiani, bei Dato und seiner Mutter Ciala, sie ist über siebzig. Man verwöhnt uns. Schosta Rustaweli kommt uns in den Sinn, ein Aphorismus: «Was man verschenkt, hat man gewonnen. Was man versteckt, hat man verloren.» Es gibt gut zu essen: Auberginen und grüne Tomaten mit Walnusspaste. Chinkali und Chatschapuri, Teigtaschen und dünnes Weissbrot, mit Käse gefüllt. Dann trinken wir Traubenschnaps, Tschatscha, derweil im Herd das Feuer brennt, und Dato bringt Trinkspruch auf Trinkspruch: «Auf die, die nicht mehr unter uns weilen. Auf die Werte, an die jeder von uns glaubt!»

«Er ist ein guter Sohn», meint Mutter Ciala plötzlich. «Er hat geholfen, viele Frauen zu entführen.» Bücher sind selten in Uschguli, so tief im Gebirge, und Dichter verirren sich kaum hierher. Literatur gibt es dennoch: in mündlicher Form. Und einmal, sagt Ciala Ratiani, einmal ... «Einmal war Jewtuschenko hier.» Jewgeni Jewtuschenko, der Poet, der Stadien füllte? «Das war im Juli 1976. Er hat auch hier geschlafen.» Und er schrieb, sagt Ciala, ein Gedicht auf den hausgemachten Mazoni, den kräftigen Joghurt der Region: «Mazoni, den ich in Uschguli probierte. Mazoni, Mazoni ...» Wir werden das Gedicht suchen, wir werden es nicht finden; es bleibt Fragment aus der Erinnerung. «Ein schöner Mann war er, dieser Jewtuschenko», sagt Ciala Ratiani. «Er kam damals mit einem englischen Freund. Am nächsten Tag stellte sich heraus: Der Freund war eine junge Frau.»

Rückfahrt über rumpelnde Pisten, 500 Kilometer bis Tiflis. Nur nicht so schnell! Hören wir uns noch etwas um, schauen wir hin, reden wir mit den Leuten. In Georgien liegen die Geschichten am Wegrand. Man muss sie nur aufheben.