Quotenfrauen, Kampflesben, Emanzen und Männerhasserinnen: Allein die mediale Präsenz solcher Schlagworte unterstreicht die Tatsache, dass feministische Ideen und das Überdenken gängiger Geschlechterrollen noch immer auf Widerstand stossen. Es ist ein heikles Themenfeld, in dem sich Suna Gürler in ihrer neusten Produktion am Jungen Theater Basel bewegt. Umso eindrücklicher ist deshalb das, was die 29-jährige Regisseurin, die für das aktuelle Projekt ihr Engagement am Maxim Gorki-Theater in Berlin sistiert, aus diesem komplexen Stoff geschaffen hat: Ein Stück, das sowohl intelligent wie auch humorvoll ist, sowohl feinfühlig als auch energiegeladen.

«Flex» ist eines der besten Stücke, das das Junge Theater in letzter Zeit auf die Bühne gebracht hat. Das liegt zu einem grossen Teil an den sechs sehr verschiedenen jungen Darstellerinnen, die sich für ihre Rollen von eigenen Erlebnissen, aber auch von Texten feministischer Autorinnen wie Laurie Penny inspirieren liessen. Sie sind ungekünstelt, die sechs jungen Frauen auf der Bühne, sie sind echt, und immer wieder erzählen sie von schwierigen Situationen, die für Frauen zum Alltag gehören. Sei es der Pfefferspray, der immer in der Handtasche ist, sei es die alljährlich wiederkehrende Scham, sich im Bikini zu zeigen, oder sei es das ständige Hinterfragen des eigenen Aussehens: In irgendeiner Episode findet sich jede Frau im Publikum wieder.

Männer können etwas lernen

Das heisst aber nicht, dass «Flex» kein Stück für Männer ist. Im Gegenteil: Gerade für sie könnte es spannend sein, einen Einblick in die Gedankenwelt junger Frauen zu gewinnen. Es geht darum, sich von Rollenmustern zu emanzipieren, auch als Mann: «Stört euch das nicht, wenn ihr als immergeile Typen abgestempelt werdet?», fragt die strebsamste unter den Frauen die Männer im Publikum und spricht mit ihren Freundinnen über ihre Angst, nachts alleine nach Hause zu laufen.

Es sind unzählige kleine Anekdoten, von denen die jungen Frauen berichten. Mal lacht das Publikum herzhaft, mal ist es verlegen oder gar aufgewühlt, aber meistens ist es einfach nur still und bewundert diese jungen Leute auf der Bühne, deren Mut und Offenheit grandios sind.

Hinterfragen ohne moralisieren

Die grösste Leistung vonseiten der Regisseurin besteht darin, dass sie es schafft, ein schweres und mit Vorurteilen beladenes Thema auf unbekümmerte Art umzusetzen: In «Flex» hinterfragt sie Verhaltensmuster, ohne zu moralisieren. Dazu verknüpft sie körperlichen Einsatz mit ernsthaften Diskussionen: Die sechs Darstellerinnen rennen über die Bühne und springen sich in die Arme, nur um sich im nächsten Moment intime Zweifel zu gestehen. Warum schafft es nur eine von ihnen, sich eine Woche lang nicht zu rasieren? Welche Vorbilder sind für junge Frauen inspirierend und welche verunsichernd? Wie kann es sein, dass eine junge Frau magersüchtig wird?

Ein schlichtes Bühnenbild reicht

Die diversen Fragen verknüpft Suna Gürler in ihrer Inszenierung mit starken, aber nur selten gesetzten Dubstep-Klängen und einem schlichten Bühnenbild: Eine Spiegelfront und ein paar Stühle genügen.

Irgendwann, nach Gesprächen und Gelächter, verschwinden die Darstellerinnen hinter ihren weiblichen Fassaden: Sie ziehen sich hautfarbene Strümpfe über den Kopf, setzen sich Perücken auf, haben keine Persönlichkeit mehr, sondern sind noch Schaufensterpuppen. Was bleibt, sind zwei Schlussfolgerungen: Es gibt die typische Frau nicht. Und: Feminismus kann cool sein. Das Fazit: Anschauen!

Noch bis zum 5. Februar
Tickets: www.jungestheaterbasel.ch