Erwin Wurm

In diesen Zeichnungen ist der Wurm drin

Erwin Wurm ist ein Liebling der internationalen Kunstszene. Jetzt sind seine skurrilen Zeichnungen im Kunstmuseum Luzern zu sehen.

Irgendwo ist immer der Wurm drin. Da eine skurrile Text-Bild-Schere – ein aquarelliertes Männerporträt nennt sich «Durchfall» – dort eine Körperproportion abseits der Norm. Und ehe man sich versieht, verschwindet die Anmut einer Sängerin im schwarzen Loch ihres weit aufgerissenen Rachens.

Willkommen in der Welt von Erwin Wurm, welche das Paradox unserer Existenz in einprägsamen Bildern hochleben lässt! Im Kunstmuseum Luzern kann man derzeit 600 dicht gehängte Wurm-Zeichnungen in der von Eveline Suter kuratierten Ausstellung «peace&plenty» bewundern. Im Herbst wird dieser Mikrokosmos dann nach Wien in die Albertina auswandern, mit der das Kunstmuseum Luzern eine gemeinsame Publikation erarbeitet hat, die für Wurm-Fans so manches Kleinod bereithält.

Porträt als Darmgesicht

«Die Realität ist unser Problem», hat der österreichische Künstler einmal gesagt. Die Realität zieht er, ohne sich selbst zu schonen, immer wieder gerne durch den Kakao. Das geht so weit, dass er sich auch mal mit Darmwindungen im Gesicht porträtiert – schliesslich kommt dieser Ideenreichtum bei ihm nicht selten aus dem Bauch heraus. 2011 stellte er an der Biennale in Venedig das Familienhaus seiner Eltern vor einen venezianischen Palazzo – zuvor hatte er die Proportionen des Hauses derart verfälscht, dass die Fassade wie ein lächerlicher schmaler Streifen wirkte. Ein Seitenhieb auf die Engstirnigkeit des bürgerlichen Milieus, aus dem er stammt. 2017 stellte er, ebenfalls an der Biennale, vor den österreichischen Pavillon einen umgekippten Truck und machte mit einem Wohnwagen im Pavilloninneren publikumswirksam und plakativ auf Migration und Flucht aufmerksam – von dieser Aktion gibt’s in Luzern einige Skizzen.

Der Kunstmarkt, den Wurm einst als «Hyäne» bezeichnet hat, liebt ihn dafür und verzeiht ihm auch so manche Wiederholung – obwohl seine partizipativen «One Minute Sculptures» und sein Spiel mit dem Körpervolumen an manches erinnert, was andere schon Jahrzehnte vor ihm probiert haben – man denke nur an den deutschen Konzeptkünstler Franz Erhard Walther.
Genau diese «One Minute Sculptures», die Kunsthausbesucher nach skurrilen Handlungsanweisungen mit Alltagsgegenständen posieren lassen, haben Wurm aber zur Marke gemacht. Die Rockband Red Hot Chilli Peppers möblierte daraufhin sein Musikvideo zum Song «Can’t Stop». Die Zahl von Wurms Ausstellungen reisst seither nicht ab. Auch in Luzern sind Skizzen der «One Minute Sculptures» zu sehen. Doch damit erschöpft sich das in Luzern Präsentierte nicht. Viele Zeichnungen stehen auch für sich. Rauchende Asthmatiker gibt’s da zu sehen und posierende Revolverhelden.

Als viel umherreisender Künstler ist für Wurm das Zeichnen die unmittelbarste Ausdrucksform. Seit Jahrzehnten skizziert er Freunde und Kuratoren beiläufig und im festen Glauben an den schnellen Wurf während des Ausstellungsaufbaus. Aber auch grosse Figuren der Geistesgeschichte in manch kleinlicher Posse hat er gezeichnet, ein Zeugnis seines tiefschwarzen österreichischen Humors. Auf den Zeichnungen entdeckt man immer wieder auch den Karikaturisten, der die Stirn seines Objekts der Wissbegierde präzis in Falten legt und allerhand Scherze mit seinem Körperumfang treibt. Dabei verwendet Wurm das Werkzeug, das er gerade vorfindet: Bleistift, Aquarell, Kugelschreiber oder Farbstift – manchmal darf’s auch der Papierblock des Hotels sein, in dem er gerade residiert. Er ist da nicht eitel.

Persönlichste Ausdrucksweise

Längst stemmen Assistenten seine schweren Skulpturen in Schieflage. Wurms Zeichnungen sind deshalb das Persönlichste, was wir von ihm kennen. Da verwundert es nicht, dass man all die Kniffe seiner skulpturalen Arbeiten wiederentdeckt. Und dann lacht man entweder laut auf. Oder rümpft die Nase. Oder tut beides.

Erwin Wurm «peace&plenty». Bis 23.9. im Kunstmuseum Luzern.

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