Urs Bugmann

Erst kamen die Franzosen, dann die Österreicher, dann wieder die Franzosen, und zuletzt die Russen unter Generalissimus Suworow. 1799 kam der Krieg ins Urner Urserental, die Armeen plünderten und brandschatzten, vergewaltigten Mädchen und Frauen. «Wie haben die Urschner das überlebt?», fragte sich Heinz Stalder, der das Stück «Suworow», das am Freitag Premiere feierte, für die Laiendarsteller schrieb.

Das Stück beginnt mit einer Klage: Was macht der Krieg mit den Menschen, und was haben die Andermatter mit den Händeln der Welt zu schaffen? Das Wenige, das der Talboden hergab, wurde ihnen geraubt, eins der Mädchen ist von einem Österreicher schwanger. Was nützt die Bittprozession, die durchs zerstörte Dorf zieht, wenn droben im Himmel keiner hinsieht und zuhört?

Schon packt neue Angst die Menschen: Die Russen kommen über den Gotthard, um die Franzosen zurückzuschlagen. Sind die Truppen des Generalissimus Suworow die Erlöser vom Krieg, den die Franzosen brachten? Haben die Franzosen nicht Bildung und Demokratie ins Land gebracht, das alte Aristokratenregime gestürzt?

Heinz Stalder zeichnet in seinem Stück ein vielfarbiges und differenziertes Bild. Ursula, die Verlobte eines franzosenfreundlichen Urschners, wehrt sich auf dem Weg von Göschenen zurück nach Andermatt gegen einen zudringlichen französischen Soldaten und ersticht ihn mit seinem eigenen Säbel. Erschrocken über ihre Tat, trifft sie mit ihrer Angst auf die Angst der andern. Nur eine der Frauen im Dorf behauptet, keine Angst zu haben. Das macht sie als Hexe verdächtig, der Pater soll ihr den Teufel austreiben. Die Nachricht vom Einmarsch der Russen rettet sie vor dem Gelynchtwerden. Ein verzagter Haufen tritt Suworow gegenüber und hört verängstigt, wie er die Ställe den Truppen, die Häuser den Offizieren zuweist.

Ein Knall zerreisst die Stille, alles stiebt auseinander. Die Andermatter verschwinden wie vom Erdboden verschluckt – sich zu verstecken, ist ihre Überlebensstrategie. Weil es so überstürzt geschieht, geraten Familien durcheinander, kommen Menschen zusammen, die sich nicht vertragen.

Wechselweise zeigt das Stück Szenen mit den lagernden Soldaten auf dem Platz und den Urschnern in ihren Verstecken. Der Autor Heinz Stalder hat plastische Figuren erfunden, und die Laiendarsteller geben ihnen kraftvolles Leben. Es ist keine fremde Geschichte, die sie hier spielen, sondern die eigene: Sie
behaupten sich gegen das, was von aussen kommt, was ihnen aufgezwungen wird. Einer träumt davon, ein Loch durch den Berg zu graben, damit die Armeen untendurch ziehen – und oben auf dem Berg herrscht Frieden. Ein anderer träumt von einer breiten Strasse und einer hochrädrigen Kutsche. Das gibt Gelegenheit, unter Applaus die Gotthardpost, von fünf Schimmeln gezogen, auffahren zu lassen. Eine Russin steigt mit Begleiterin und Kind aus und preist in ihrer Sprache die schöne Gegend.

Zur Mundart wird im Stück viel Russisch gesprochen. Das trägt bei zum farbigen Bild in der offenen Arena und kommt den Spielern erstaunlich unverkrampft über die Lippen. Heinz Stalders Stück bietet eine gute Mischung von thematischer Auseinandersetzung und Gelegenheit zu währschaft unterhaltsamem Spiel. Vor allem den Frauen misst der Autor kräftige Rollen zu. Mit träfer Tat und scharfem Spott sind sie die wahren Helden der Geschichte – es sind ja schliesslich die Männer, die nichts Gescheiteres zustande bringen als den Krieg.

Reto Ambauens Regie sorgt für ein natürliches Spiel mit schönen Einzelszenen sowie eindrücklichen Massenbewegungen. Die wunderbaren Kostüme sind eine wahre Augenweide und die von Carlo Gamma und Christian Hartmann live gespielte Musik trägt das Ihre zum atmosphärischen Spiel bei.

Vorstellungen bis 21. August,
jeweils Mi, Fr, Sa, 19.15 Uhr. Dazu So, 18.7. und 15.8., 15 Uhr.
Spielort: Alte Kaserne, Andermatt. Vorverkauf: Ticket Center Uri.
Infos: www.theater-suworow.ch