Ein populärer Anstandsphilosoph wäre eine perfekte Vorlage für eine Zeitgeistsatire. Klar, das macht neugierig. Gerne lernt man einen solchen Anstandsonkel in seiner Ambivalenz kennen. Einen, der in Talkshows den Publikumsapplaus geniesst, als Gutmensch verspottet wird und diese Rolle satt hat.

Der Roman folgt Walsers Novelle «Ein fliehendes Pferd»

Der 1974 geborene, norddeutsche Autor Jan Christophersen liefert in seinem dritten Roman aber keine knallige Satire, sondern bettet das Anstandsthema in einen Eheroman, wie man ihn von Martin Walser kennt. Die Geschichte erinnert an dessen Novelle «Ein fliehendes Pferd». Zwei lose befreundete Ehepaare verhaken sich in einer kurzen, schicksalhaften Begegnung an einem grossen Gewässer, die Fassaden zerbröseln, und die Paare gehen danach erschüttert und illusionslos ihrer Wege. Die Frauen sind pragmatisch und frivol. Der eine Gatte ein intellektueller Selbstzweifler, der andere ein angeberischer Tatmensch.

Es knistert erotisch über Kreuz

Genauso ist es bei Jan Christophersen, der das Geschehen auf eine dänische Insel und nach Hamburg verlegt. Hier der Ich-Erzähler, der Anstandsphilosoph Steen mit seiner Partnerin Frauke, dort Steens Buchvertreterin Ute mit ihrem neuen Freund Gero. Es knistert erotisch über Kreuz, und zwischen den Männern eskaliert bald die Rivalität, die mal auftrumpfend, mal mimosenhaft zwischen Neid und Verachtung hin- und herpendelt. In diesen Passagen fängt Christophersen die Dynamik der nicht mehr jungen Paare anschaulich ein.

Dann plagt den Philosophen doch nur banale Eifersucht

Lange steigert er die Spannung mit geschickten Andeutungen auf die Wende hin – unterstützt durch die Zweiteilung des Romans in ein Davor und ein Danach. Das funktioniert bis zur Hälfte des Buches gut, auch wenn man sich über die steifen Dialoge mit permanenter Frotzelei nerven kann, die aber mit dem Überspielen der Unsicherheit erklärbar sind.

Förderpreis für den ersten Roman

Christophersen hatte nach dem Studium am Literaturinstitut Leipzig für seinen Erstling «Schneetage» 2009 den Débutpreis des Buddenbrookhauses erhalten, den auch Robert Seethaler und Simon Strauss bekommen haben. Christophersen verband einen Schneesturm virtuos mit mehreren Zeitebenen zum Zeitporträt. Sein zweiter Roman «Echo» aus dem Jahr 2014 fand weniger Beachtung.

Achtung Novelle

Der Falke auf dem Buchcover von «Ein anständiger Mensch» und auf einem verhängnisvollen Spaziergang signalisiert: Achtung, Novelle. Seit Giovanni Boccaccios «Decamerone» ist der Raubvogel dessen Symbol. So steuert die Geschichte auf ein unerhörtes Ereignis, das alles verändert. Dieses ist dann aber nicht besonders originell: ein angekündigter Ehebruch. Man habe sich diese Seitensprungfreiheit doch zu Beginn der unterdessen langen Ehe gegenseitig versprochen, verkündet die Philosophengattin. Prompt stösst der Anstandsphilosoph seinen Nebenbuhler eifersüchtig von der Klippe – allerdings nur im Tagtraum. Der Anstand wird in diesem Roman also nicht von einem politischen Sturm geschüttelt, sondern von einem Eifersuchtswindchen ins Flattern gebracht. Dass Steen doch noch einen Schuldkomplex einfängt, hat dann nur mit seiner Unachtsamkeit mit Pilzen zu tun, welche den vier fast den Tod bringt.

Versierter Erzähler, geschickte Symbolik

Die Aggressionsblockade passt zum Inselintellektuellen Steen, der karikierende Züge trägt: In den Nachrichten hört er nur die Katastrophen, ist angstbesetzt und hat unerklärliche Fluchtreflexe. Zum Schreiben sitzt er an seinen selbst getischlerten Schreibtisch in seinem Ferienhaus, ohne Telefon, damit er ungestört über die Welt moralisieren kann. An Leitmotiven fährt Christophersen einiges auf, was alles sehr hübsch mit der Handlung verwoben ist: der weiche Untergrund des Bodens, der Wald mit seinen an Shakespeares «Sommernachtstraum» erinnernden Verwandlungen und Paarumbildungen, schliesslich das Wasser als Leitmotiv. Tatmensch Gero beherrscht als Segler das Meer, der Intellektuelle Steen hat Angst vor diesem.

Die Versöhnung trägt kitschige Züge

Erst am Schluss des Romans wagt er sich aufs Meer – ein Zeichen der Selbstheilung. Im zweiten Teil verliert das Buch leider an Kraft und wird phasenweise kitschig, weil da noch die Tochter als Versöhnungsengel auftritt. Man kann es verzeihen. Schade allerdings, dass Christophersen das zeitgeistige Gutmenschenthema auf Kosten des letztlich austauschbaren Eheromans aus der Hand gibt.