«Es gibt keinen aufregenderen Moment, als wenn Schauspieler auf einmal Deine Texte sprechen!» Olga Bach gestikuliert mit feiner Hand durch die heisse Mittagluft. Sie kneift die Augen zusammen. Die Sonne ist zu hell, für Menschen, die den Morgen im Dunkel der Bühne verbracht haben. Ihrer Aussprache ist kaum anzumerken, dass Bach eine mittlerweile seltene Spezies ist: eine waschechte Berlinerin. Dort geboren, dort geblieben, seit 27 Jahren.

Heute Abend wird die Auftragsarbeit «Kaspar Hauser und Söhne» am Theater Basel uraufgeführt. Das ist insofern erstaunlich, da es erst ihr drittes Stück ist. Die Aufmerksamkeit der deutschen Bühnen und der Presse bei der Premiere ist garantiert. Bereits die letzten beiden Arbeiten erzeugten heftiges Rauschen im Feuilleton-Wald.

Regie führte jeweils Ersan Mondtag. Der 30-jährige wird ebenso als Jungstar gehandelt wie die Autorin. Bach wurde für «Die Vernichtung» von der Fachzeitung «Theater Heute» zur Nachwuchsautorin des Jahres gekürt. Vom Erwartungsdruck lässt sie sich nichts anmerken. Sie bürstet die historische Figur des Kaspar Hauser schon mal gehörig gegen die Konventionen: «Ich hab diesen rätselhaften Findling aus der Natur in einen ganz anderen Kontext überführt. Bei mir gibt es ganz viele Kaspar Hausers, die sich über Jahrzehnte reproduzieren. Es ist ein etwas überbordender Abend geworden!»

Ersan Mondtag, der Komplize

Mondtag und Bach kennen sich schon lange. Sie haben gemeinsam die Jugendgruppe am Berliner Grips Theater besucht. Sie war damals 14, er 16. «Dann haben wir uns abgekoppelt und angefangen, selbst Stücke zu schreiben, sehr verspielt, auf dem Sofa sitzend.» Mondtag ging dann an die Falkenberg Regieklasse nach München.

Bach studierte Philosophie und deutsche Philologie in Berlin und in Istanbul. «Ich hab Türkisch gelernt, weil diese Community in Berlin so präsent ist», sagt sie. Kurz vor den Unruhen auf dem Taksim-Platz in Istanbul kam sie zurück. Mit Wut im Bauch. «Ersan und ich entwarfen in München eine neuntägige, aktionistische Dauerperformance. Wir wollten die Zwänge des Kapitalismus sichtbar machen. Da hab ich mich danach geschämt für.» Sie lacht.

Dass Bach beim Stückeschreiben geblieben ist, liegt auch an Mondtag. Er habe sie um fünf Uhr nachts davon überzeugt, mit ihm nach Bern ans Stadttheater zu kommen. «Ich hab die Zusage zuerst ziemlich bereut», sagt Bach. «Die Vernichtung» wurde prompt ans Berliner Theatertreffen eingeladen.

Danach entwarfen die beiden für die Münchner Kammerspiele das Stück «Das Erbe». Von der Kritik hoch gelobt. Doch Bach bleibt auf dem Boden. «Ich geh nicht davon aus, dass ich langfristig von meinen Stücken leben kann. Ich bin da pragmatisch und spring auf die Erfolgswelle gar nicht richtig auf.»

Dafür surft sie auf einer zweiten. Bach studiert Rechtswissenschaften. Sie tut es aus oben genannten Gründen, aber auch, weil sie mehr will, als Theater vielleicht kann. «Wenn Du richtig intervenieren willst in der Gesellschaft, musst Du deren Regeln anwenden können. Wenn Du wirklich Veränderung erreichen willst, musst Du Jura studieren.»

Sie sagt solche Sätze mit sanftem Blick, gerade raus. Und sie weiss, dass der Gerichtssaal sehr viel mit Theater zu tun hat. Und dass Rechtsprechung auf Philosophie fusst und bereits in den klassischen Dramen verankert ist.

Inka Bach, die Kritikerin

Dass sie trotz Erfolg ihr Studium fortsetzt, wenn auch mit Pausen, hat vielleicht auch mit ihrer Herkunft zu tun. Kinder aus Künstlerfamilien, wissen, wie schwierig dieser Weg sein kann. Ihr Vater ist Architekt, ihre Mutter, Inka Bach, ist Autorin. Ihr ganzer Bildungshorizont sei stark von der Mutter geprägt.

«Kommt hinzu, dass sie mich als Lektorin unterstützt. Sie ist meine beste Kritikerin», sagt die Tochter. «Bei der ‹Vernichtung› hat sie mich dazu gebracht, die ersten 15 Seiten zu streichen. Ich bin mir ganz sicher, dass das die richtige Entscheidung war.» Erstaunt stellt sie fest, dass viele ihrer Bekannten es kaum länger als zwei Tage bei den Eltern aushalten. «Für mich ist meine Mutter eine Freundin.»

Als seien Jurastudium und Theater nicht schon genug, kommen nun Anfragen von Verlagen, ob sie auch Romane schreibe. «Mich interessiert das sehr«, sagt sie. Bei einem Roman behalte der Autor die Kontrolle, während er sie im Theater oft abgeben müsse. Andersherum gefällt ihr gerade dieser Kontrollverlust – zum Glück für die Bühnen:

«Ich hatte immer schon dieses Schauern, wenn ich im Theater sass. Theater hat etwas wunderbar Verschwenderisches. So viel Arbeit für so etwas Kurzlebiges. In dieser Sinnlosigkeit herrscht eine unglaubliche Schönheit.»