Milo Rau

Immer im Extremen

Szene aus «Empire»: Ramo Ali hat auf IS-Fotos von Palmyra die Zelle, in der er gefangen war, wiedererkannt.

Szene aus «Empire»: Ramo Ali hat auf IS-Fotos von Palmyra die Zelle, in der er gefangen war, wiedererkannt.

Er dreht im Nordirak, lässt Kinder einen Kinderschänder spielen und bald Behinderte die Opfer in «Salo». Regisseur Milo Rau lotet Grenzen aus.

Massenmörder und Völkermorde sind so seine Themen. Und wenn er sagt, was er gerade als Nächstes vorhat, stockt einem der Atem. Als Nächstes wird Milo Rau mit geistig behinderten Schauspielern der Zürcher Theatergruppe Hora «Die 120 Tage von Sodom» inszenieren – einst von Marquis de Sade verfasst, von Pasolini verfilmt. Eine Gruppe machtgeiler Faschisten quält und tötet eine Gruppe Jugendlicher. Einer der perversesten, gewalttätigsten Stoffe des 20. Jahrhunderts also. Bei Rau werden die behinderten Schauspieler die Missbrauchsopfer darstellen. Es stockt einem der Atem. Aber gut fünf Jahre Erfahrung mit Milo-Rau-Stücken haben gezeigt: Was vorher grenzwertig, ja wie zum Scheitern verurteilt klingt, das wird nachher kohärent, klar, eindrücklich.

Wahrscheinlich stockte auch den Leuten vom Theater Campo der Atem, als Milo Rau ihre Anfrage, ein Kinderstück zu inszenieren, mit der Idee beantwortete, er wolle Kinder die Taten des Kindermörders Marc Dutroux nachspielen lassen. Inzwischen ist «Five Easy Pieces» auf Tournee (im Dezember wird es in der Kaserne Basel zu sehen sein), und die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung. Rau lässt die Kinder den Täter, die Opfer und deren Angehörige spielen. Zugleich wird das Stück als Theaterprobe inszeniert: als Machtspiel zwischen Schauspieler und Regisseur, als Reflexion über Theatermittel, Erwartungen und Voyeurismus.

Von Folter, Flucht und Trauer

Es gibt immer mindestens eine Metaebene bei Milo Rau. Wer ihn zum Gespräch trifft, bekommt vorher von seinem PR-Agenten 5 Megabyte an Dokumenten gemailt. Und noch ein Buch dazu gibts am Abendtisch des aktuell am Theaterspektakel laufenden Stücks «Empire». Man erfährt etwa, dass nun, bei diesem dritten Teil der Europa-Trilogie, das antike Drama «Medea» Pate stand. Man kann das ganze Material lesen und viel erfahren. Man kann es sich aber auch schenken und wird das Stück kein bisschen weniger verstehen.

Denn wie die letzten zwei Teile ist auch «Empire» ein Kammerspiel, in dem Menschen ihre Geschichten erzählen. Wie immer konzis verdichtet, interessant, berührend. Und wie zuvor steht ein Leben exemplarisch für viele Leben, für die Welt, die Weltgeschichte. Dasjenige der Menschen, die Milo Rau castet, noch ein bisschen mehr als andere. So erzählen diesmal neben einer Rumänin und einem Griechen zwei Syrer von Folter, Flucht und Entwurzelung. Ramo Ali war im Gefängnis von Palmyra. Rami Khalaf sucht seinen verschwundenen Bruder. 12 000 Fotografien von in den Folterkammern Assads getöteten Menschen hat er durchgesehen, auf einem glaubte er den Bruder zu erkennen. Dessen Frau sagt: Nein, ich bin mir sicher. Khalaf ist es bis heute nicht. Er sagt: «Ich denke, ich muss einfach irgendwas von ihm wissen. Auch wenn er tot ist.» In diesem bedrückendsten Moment des Abends läutet das Handy der Nachbarin.

Eine echte Erlösung hat Milo Rau für später vorgesehen. Er sieht «den Hass und das Grauen als Vorbedingung von Katharsis, Schönheit, Leichtigkeit». Die Zuschauer müssen mit den Schauspielern etwas durchmachen, mit ihnen Leid aufarbeiten, um am Ende erlöst zu werden. Wobei «Empire» immer wieder Humor bietet, vor allem dank
Akillas Karazissis’ Anekdoten .

Bis zur Lebensgefahr

Eine Filmeinspielung in «Empire», die fürs Stück nicht nötig gewesen wäre, zeigt Ramo Ali am Grab des Vaters in Syrien. Er weint nicht, er muss sich übergeben. Der Dreh ist gefährlich, wir hören, wie er ermahnt wird, aus dem Blickfeld eines möglichen Scharfschützen zu gehen. Der Respekt habe geboten, dass er den Schauspieler dahin begleite, wird Milo Rau in einem Artikel zitiert. Dieser Tage dreht er in Nordirak einen Film. Ob das nicht schwierig sei? Er winkt ab. Quasi: Nach den Theater- und Filmarbeiten für sein Tribunal im Ostkongo ist so ein bisschen Nordirak ein Kinderspiel.

Milo Rau will die Welt vor Ort erfahren, «wissen, worüber man redet». Eine Front von Nahem zu sehen, sei etwas komplett anderes als sich eine Front am Fernsehen anzuschauen. So geht er immer wieder an die Grenzen des Machbaren: Bei der Wahl der Stoffe, beim Recherchieren, beim Umsetzen. Stets lotet er seinen Spielraum bis ins Letzte aus und wundert sich, dass andere den ihren so wenig nutzen.

Er schaut sich auf der Landiwiese um, all die Menschen, jeder mit einem Handy, zum Laufen gebracht mit Rohstoffen aus Gebieten, in denen Menschen ausgebeutet werden. All die Schweizer, im weltweiten Vergleich als Millionäre zur Welt gekommen. Automatisch in Schuld verstrickt. Und nicht dergleichen tuend. Da wird es Milo Rau unheimlich.

Von der «Verkleinbürgerlichung des Bösen» soll sein «Salo» handeln. Im Übrigen plane er eine Sexszene zwischen Vater und Tochter Blocher, gespielt von Darstellern mit Trisomie 21. Es stockt einem der Atem.

«Empire» läuft heute und morgen Abend am Theaterspektakel. Es ist ausverkauft. Restkarten gibt es an der Abendkasse.

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Autor

Susanna Petrin

Susanna Petrin

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