Brigitte Meier

Im Dachgeschoss des Kornhauses ist reger Betrieb. Ruth Weber aus Herzogenbuchsee zeigt, wie sie ihre Bilder hängen möchte. Die Kunstmalerin ist Mitglied bei der Vereinigung «rail-art.ch» (siehe Kasten) und eine von rund 30 Künstlern, die diese Ausstellung mitgestalten. «Mein Mann hat bei der Generaldirektion SBB gearbeitet. Als wir vor 32 Jahren von Bern nach Herzogenbuchsee umzogen, mussten wir erst der SBB ein Gesuch stellen. Der Antrag wurde schliesslich bewilligt, weil in Herzogenbuchsee der Schnellzug Halt machte», erinnert sich Ruth Weber und schmunzelt. Nicht zuletzt ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass die Ausstellung an ihrem Wohnort stattfinden kann: «Ich freue mich schon deshalb darauf, weil ich für einmal keinen langen Anfahrtsweg habe. Ausserdem eignen sich die Räume im Kornhaus optimal.»

Kunst in die Wiege gelegt

Ruth Weber ist 1936 geboren und in Zürich aufgewachsen. Dort hat sie auch die Kunstgewerbeschule besucht. Sie lernte Floristin und später Glasschleiferin in Sarnen. «Mein Vater war Kunstmaler und erkannte mein Talent. So durfte ich auch verschiedene Kurse im Zeichnen belegen», sagt die Künstlerin. Als sie eine eigene Familie hatte, konnte sie das Malen nur nebenbei ausüben. Weiterbildungskurse absolvierte sie in den Schulferien, während ihr Mann die beiden Töchter betreute. «Er hat mich immer unterstützt und seinerzeit auf ‹rail-art.ch› aufmerksam gemacht. Heute begleitet er mich auch an die Ausstellungen ins Ausland», betont Ruth Weber. Die mehrfache Grossmutter und Urgrossmutter ist voller Tatendrang und hat soeben ein Semester an der Schule für Gestaltung in Bern belegt. «Das ist das Schöne an meinem Beruf. Man kann stets Neues dazu lernen und kommt in Kontakt mit Menschen jeden Alters», sagt die 73-Jährige.

Keine Ölmalerei

Ruth Weber experimentiert gerne mit Materialien und wendet verschiedene Techniken wie Acryl und Aquarell an. Mangels eines eigenen Ateliers arbeitet sie im Wohnzimmer: «Der Lichteinfall ist ideal und ausserdem haben wir Plattenboden. Beim Malen tropft meistens etwas Farbe auf den Boden.» Damit sie exakt den gewünschten Farbton erzielt, reibt die vielseitige Künstlerin die Pigmente selber an. Sie bevorzugt alte Farben. Nur mit Öl malt Ruth Weber nicht. «Als Kind habe ich manchmal neugierig auf den Bildern meines Vaters geschaut, ob die Farbe trocken war. Nicht mit den Augen, sondern mit dem Finger. Natürlich am liebsten mitten in leuchtendes Rot. Da habe ich mir geschworen, dass ich nie mit Farbe malen werde, die so lange zum Trocknen hat», erklärt sie mit verschmitztem Lächeln.

Ausstellungen auch im Ausland

Mit «rail-art.ch» nahm sie auch an zahlreichen Ausstellungen im Ausland teil. «Letztes Jahr waren wir in Paris. Bis vor der Umstrukturierung der SBB konnten wir unsere Bilder gratis mit der Bahn transportieren. Das hat jetzt leider geändert, und wir mussten die Bilder mit Privatautos nach Paris bringen», erklärt Ruth Weber und blättert in einem ihrer zahlreichen Ordner, wo sie Fotos und Zeitungsausschnitte aufbewahrt: «Nach Tschechien reisten wir mit dem Zug. Das war schön, genauso wie die Ausstellung in Olten im Jahr 2002. Es kamen sehr viele Besucher, und das Rahmenprogramm war interessant. Olten ist halt eine Eisenbahnerstadt», ergänzt sie. Daneben stellt Ruth Weber ihre Bilder auch ausserhalb von «rail-art.ch» aus. So beispielsweise an der Messe «Wohnraum» in Bern.

Die beiden Bilder, die sie für die Ausstellung ausgewählt hat, sind auf einer Leinwand mit Seidengarn hergestellt. Neben Pinsel verwendet sie auch Spachtel. Ein Bild in zwei Teilen thematisiert «Gartengespräche». Auf einem anderen Bild mit dem Titel «Hoffnung» sind Seidenfäden mit plattgold eingefärbt. Integriert ist ein irisierender Ammonit und ein kleines Stück Pergament einer Schriftrolle, beschriftet mit einem hebräischen Psalm.

Ruth Weber malt oft religiöse Motive. Bilder zum Thema «Unser Vater» wurden in der Kirche Herzogenbuchsee ausgestellt. Weber: «Meine Bilder sind nicht einfach, sondern haben eine symbolische Aussagekraft. Einige bereiten mir jeweils schlaflose Nächte, bis sie fertig gestellt sind. Ich versuche, mein Empfinden darin auszudrücken.»