Die Sprache ist ihre Heimat. Mit 14 Jahren ist Kathy Zarnegin aus Teheran nach Basel gekommen – ohne Familie, ohne Deutschkenntnisse. Innerhalb weniger Jahre bewegte sie sich in der neuen Sprache wie ein Fisch im Wasser, nach einiger Zeit ging ihr sogar der Baslerdialekt leicht über die Lippen. Für diesen Effort habe sie aber einen kompromisslosen Weg gewählt, erzählt sie bei einem Treffen im schattigen Elisabethenpark in Basel. Von ihrer Muttersprache persisch hat sie sich ganz losgelöst, um die neue Sprache zu verinnerlichen.

Diesen Prozess beschreibt die 53-jährige Autorin und Übersetzerin auch in ihrem kürzlich erschienenen Debütroman «Chaya»: «Ich hatte meine Milchundhonigsprache radikal aufgegeben und mit inniger Sehnsucht begonnen, aus der fremden Schicksalsprache eine Muttersprache zu machen. Ich nannte die neue Sprache meine Vatersprache...».

Viel Autobiografisches

In ihrem Roman verknüpft Kathy Zarnegin Autobiografisches mit der fiktiven Geschichte der jungen Chaya. Wie ihre Hauptfigur ist die ambitionierte Schriftstellerin 1978 kurz vor der Islamischen Revolution vom Iran zu einem Onkel in die Schweiz gekommen, hat Philosophie studiert und als Lyrikerin zur neuen Sprache gefunden. Im Hebräischen bedeutet der Name Chaya «die Lebendige». Ein passender Name für die quirlige Protagonistin aus jüdischer Familie, die sich mit Witz und Schlagfertigkeit alleine in der Fremde durchschlägt. Als 20-Jährige betreibt Chaya eine Gedichtagentur, hat verschiedene Liebhaber, unterrichtet in einer Sprachschule und sieht sich des Öfteren mit narzisstisch veranlagten Literaten konfrontiert. Mit spitzer Feder und viel Ironie beschreibt die Autorin Chayas Begegnungen: etwa mit dem Kultursponsor Schaltmeier, der sich bei einem Treffen in kultivierter Runde wesentlich mehr für Chayas Décolleté als für ihre Gedichte interessiert.

«Satirisch im Sinn von übertrieben ist das eigentlich nicht, eher untertrieben», meint Kathy Zarnegin, angesprochen auf die patriarchalen Verhältnisse, die sie im Iran genauso wie in der Schweiz aufs Korn nimmt. «Es entspricht meinen Erfahrungen und Beobachtungen.» Subtil streicht sie im Roman zudem die Klischees heraus, denen Chaya im Alltag begegnet: etwa die «Babysprache», mit der manche – wohlmeinend – mit ihr sprechen, auch wenn die Antwort im Baslerdialekt erfolgt. «Was sie sahen war stärker als das, was ihre Ohren ihnen zuflüsterten», muss Chaya feststellen.

Während die Schweizer Heimat mit viel Witz, aber auch einer kühl beobachtenden Distanz beschrieben wird, fallen die Erinnerungen an den Iran der 60er- und 70er-Jahre liebevoll lebendig aus. Hier kommt die orientalische Erzählweise – das Ausschmücken, das bildhafte Erzählen – zum Zug. Wieder so ein Klischee? Die Schriftstellerin verneint mit einem herzlichen Lachen: «Ich bin zwar keine persische Autorin, aber ich habe den Sound einer orientalischen Geschichte im Kopf. Gewisse Bilder von früher sind zuerst auf persisch da, das wird vielleicht beim Lesen spürbar.»

Und so erzählt sie im ersten Teil von dieser Kindheit im Iran – zwischen Einschränkungen und der grossen Freiheit: von der freigeistigen Tante Farah mit ihrer «skandalösen» Lebensweise, von der Bedeutung des Wortes «Ta’arof» und der dazugehörenden Höflichkeitsregel, alles Angebotene zuerst abzulehnen. Oder vom reich gedeckten Tisch, «Haftssin», am Fest zum Frühlingsanfang, das bei Chayas Familie immer mit der Beerdigung eines Goldfisches endete. Trotz behüteter Kindheit keimt in Chaya die Sehnsucht nach einem Leben und einer Karriere in Europa auf.

Praxis für amourös Geplagte

«Der zweite Roman-Teil, der in der Schweiz spielt, kann nicht die Intensität dieser Zeit haben, als noch die Muttersprache am Werk war und die Familie da war», sagt die Autorin, selbst Mutter eines 17-jährigen Sohnes. Dennoch trauert sie der Vergangenheit nicht nach, auch wenn sie der frühe Wegzug von der Familie geprägt habe. «Die Erinnerungen berühren mich wie abgelegte Spielsachen, die man zufällig im Estrich wiederfindet», sagt sie. «Aber das heutige Teheran hat nichts mehr mit meinem Persien der Kindheit zu tun – die Stadt ist von 4 auf 14 Millionen angewachsen, und mit all den politischen Veränderungen ist auch die Stimmung eine andere.»

Lieber erzählt sie von aktuellen Projekten: Die Arbeit am neuen Roman oder die jährliche Organisation des Lyrikfestivals in Basel, wo sie sich wie ihre Protagonistin zwischen Kommerz und Nischendasein, Sponsoren und eigenen Interessen behaupten muss. Oder ihre «Liebeskummerpraxis», die sie nach ihrer psychotherapeutischen Ausbildung eröffnet hat. Dort trifft sie nicht nur auf amourös geplagte Menschen, sondern fasst die Liebe im weiteren Sinne auf. «Elternliebe, Geschwisterliebe ... Bei den meisten menschlichen Problemen spielt die Liebe eine entscheidende Rolle», ist sie überzeugt. Und wieder schlägt sie den Bogen zur Sprache: «Der Kern, zu dem alles zurückführt, ist die Sprache. Sie ist für mich der Königsweg zum Heimatgefühl.»

Kathy Zarnegin: Chaya, 243 Seiten, weissbooks.w 2017.