Peter Stamm

Im Spiegel der Erinnerungen

Was sind wir, ausser Geschichten, an die wir uns erinnern? Fragen wie dieser geht Peter Stamm (55) im neuesten Werk nach.

Was sind wir, ausser Geschichten, an die wir uns erinnern? Fragen wie dieser geht Peter Stamm (55) im neuesten Werk nach.

Dicht, vielschichtig, verschlungen: Der neue Roman von Peter Stamm ist ein Konzentrat seines Werkes.

«Kommen Sie. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen»: Christoph, der Protagonist in Peter Stamms neuem Roman ist in Stockholm. Dort begegnet ihm eine Frau, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit Magdalena verbindet, seiner Jugendliebe. Mit ihr war er Jahre zuvor in derselben Stadt. Er schreibt der Frau eine Nachricht und verabredet sich mit ihr auf dem Skogskyrkogården, einem Friedhof in Stockholm. Sie wird kommen, da ist er sich sicher. Zugleich weiss er, dass sie die Geschichte, die er ihr erzählen will, kennt. Denn es ist auch ihre Geschichte. Lena nennt sich die Frau und sie hat einen Freund, den sie Chris nennt. Gemeinsam machen sie sich auf einen langen Spaziergang hinaus aus der Stadt und hinein in die Welt der Erinnerungen.

Trugbild der Erinnerungen

Diese Welt ist der innere Kern in Peter Stamms neuem Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt». Der Autor schreibt in der für ihn typischen klaren und zurückgenommenen Sprache, wo jedes Wort passt und keines zu viel ist und gerade dadurch ein unwiderstehlicher Sog entsteht. Er schreibt realistisch, lässt seinen Text aber immer wieder ins Fiktionale kippen. Denn die Geschichte, die Christoph erzählt, handelt davon, wie er einem Doppelgänger begegnet war, einer jüngeren Ausgabe seiner selbst. Zum ersten Mal geschah es, als er, der Schriftsteller werden wollte, mit seinem Roman in sein Heimatdorf zurückkehrte und dort eine Lesung gab. Den Roman hatte er geschrieben, weil ihn seine damalige Freundin Magdalena darum gebeten hatte. Allerdings: Was er im Text über sie schrieb, war ihm bald wahrer und lebendiger erschienen als die richtige Magdalena. Das Ende der Beziehung war die logische Folge. Sofern es den Roman wirklich einmal gab.

Es kommt einem bekannt vor: Die Geschichte in der Geschichte und die erfundene Figur, die zum Skript für das Leben der realen Figur wird. Darum ging es in «Agnes», dem Debüt von Peter Stamm, mit dem der Autor 1989 bekannt wurde und das jüngst als Verfilmung ins Kino kam. Im neuen Buch fächert der heute 55-jährige Autor das Thema auf. Was sind wir, ausser den Geschichten, an die wir uns erinnern? Wie weit ist erinnern und erfinden dasselbe? Und was ist dann das Leben?

Im Roman tauchen viele Bilder auf, die der Bildsprache der Romantik entsprechen und das Verrinnen der Zeit anklingen lassen: der Friedhof etwa, oder Malereien von Stillleben, Sand, der zwischen den Fingern einer Hand auf den Boden rieselt, auch die Nacht und nicht zuletzt ein mystisches Schweden, das der Autor in einer kurzen Szene mit dem pulsierenden Barcelona kontrastiert. Gleichzeitig ist die Zeit selbst seltsam abwesend. Peter Stamm reiht in einer raffinierten Struktur von Rückblenden Erinnerungsfetzen aneinander, überblendet sie, lässt sie auseinanderdriften oder verwischen.

Er schreibt seinem Text eine skulpturale Qualität ein und baut ihn wie einen Raum mit Treppen, die sich in fiktionalen Ebenen auflösen, mit Verschachtelungen, Wiederholungen und Echos. Die Trugbilder von M. C. Escher fallen einem beim Lesen ein, die man dreht und wendet und so immer wieder neue Perspektiven auf einen Raum erlangt. Oder die selbstreflexive Bewegung der Möbiusschlaufe, eine Form, die entsteht, wenn man einen Papierstreifen verdreht zusammenklebt. Innen und Aussen gehen ineinander über und Unendlichkeit in der statischen Form eingeschrieben. «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» ist ein dichtes, komprimiertes und seltsam körperhaftes Werk. Ganz anders als etwa Stamms Roman «Ungefähre Landschaft», das wie ein grosszügiger, fliessender Pinselstrich erscheint.

Zwischen Realität und Fiktion

Lena, das wird bald klar, kann man als jüngere Ausgabe von Magdalena lesen. Sie fühlt sich von ihrer Vorgängerin nicht bedroht, weist sie nicht zurück. Interessiert fragt sie Christoph, wie die Zukunft in der Vergangenheit weitergegangen ist und gleicht seine Erzählung mit ihrem Leben ab.

Lena-Magdalena ist es auch, die die Verbindung zur äusseren Rahmenhandlung schafft. Denn dort — und damit beginnt der Roman — sieht man in einem geheimnisvoll zwischen Realität und irrealer Welt schwebenden Raum einen alten Mann, der einer Frau folgt. Sie, die ihre Jugend behalten

hat, besucht ihn regelmässig. Ist sie ein Symbol? Ist sie eine Erinnerung? Eine fiktive Figur? Oder eine Figur von der Geschichte in der Geschichte?

Wieder formt sich der Text zu einer Skulptur, die das Innere des Romans wie in einem Doppelspiegel fasst und zugleich ins Unendliche erweitert. Die Frage nach der Identität, die Veränderung im Lauf der Zeit, das Erfassen und Entgleiten sind die Themen, denen Peter Stamm in seinen früheren Romanen entlanggeschrieben hat. Sie fliessen in dem neuen Buch zusammen, das wie ein kristallines Konzentrat erscheint.

Peter Stamm Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt (S. Fischer) 160 S.
Buchtaufe: 21.2., 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich; 22.3., Literaturhaus Basel.

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