Mit dem Satz «Ce n’est pas très beau». beendet der Schweizer Autor Friedrich Glauser (1896–1938) im Jahr 1937 seine Kurzbiografie. Ein Redaktor hatte sie bei ihm angefordert. Und so ungeschönt, wie Glauser darin Psychiatrieaufenthalte, Fremdenlegion, Entmündigung und Morphiumsucht resümiert, ist daran nichts wirklich schön zu finden.

1700 Dokumente hat Glausers Krankenakte provoziert. Ein Irrsinn am Irrsinn, dem der Erfinder des Wachtmeisters Studer in seinem Roman «Matto regiert» subversiv Ausdruck gegeben hat.

Wachtmeister Studer, der Brissago rauchende Berner Ermittler, dem Glauser auch aus finanziellem Kalkül fünf Romane gewidmet hat, war die gütige Vaterfigur, die der Autor sich immer gewünscht hatte. Ein Mann mit einem Herz für die menschlich Schwächelnden. Selbst mit Fehlern, aber mit dem Mut, die Macht herauszufordern. Eine Gegenfigur zu seinem autoritären Vater.

Leben in Abhängigkeit

Anfang zwanzig wurde der morphiumsüchtige Glauser entmündigt. Was in der Ausstellung im Zürcher Strauhof auf einem in Glausers Lebensjahren voranrückenden Zeitstrahl nachvollzogen werden kann, ist ein Leben in Abhängigkeit. Glausers Biografie schreiben andere. Den Rest erledigen Geld verschlingende Drogen. «Glauser musste bei seinen Vormündern jeden Bleistiftkauf rechtfertigen», sagt Co-Kurator Rémi Jaccard.

Die Ausstellung «Ce n’est pas très beau» strebt nach diesem Dunkel, das Glauser zu Lebzeiten schon für die Presse interessant machte, erklärt ihn aber nicht zum Psychiatrieopfer. Es geht um das kreative Potenzial von Glausers sechseinhalbjähriger Psychiatriekarriere. In der Klinik hatte der vom Drogenbeschaffungsdruck erlöste Schriftsteller oft seine kreativsten Schreibphasen.

Szenograf Simon Husslein lässt uns also die Treppenstufen hinabsteigen, «ins dunkle Reich, in dem Matto regiert». Die Decke hängt tief, den schwarzen Korridor verstellen hintereinander gestaffelte Nachbildungen des Fenstergitters der psychiatrischen Poliklinik Burghölzli. Glauser hatte das Fenster 1920 in seinem Tagebuch skizziert. Es ist einfach und schroff wie das Sprachgerüst, mit dem Glauser durchs Klinikfenster auf die Welt und ihre Widersprüche geblickt hatte: «Die Gitterstäbe davor erheben sogar Anspruch auf eine gewisse Schönheit, die vielleicht nur Fehler ist.»

Hat man Mattos Reich einmal betreten, setzt sich die Entmündigung in der Gegenwart fort: Experten fachsimpeln in Videos über Glauser-Sätze. Erst im Obergeschoss bringt die Literatur etwas Licht ins Dunkel: Zum einen dank der beleuchteten, stark vergrösserten Schabkartonzeichnungen des Illustrators Hannes Binder, der das Werk Glausers für seine Comic-Krimis adaptiert hat, aber auch dank der Mikrokosmen der drei Hauptwerke «Gourrama», «Matto regiert» und «Wachtmeister Studer», die in Einzelzimmern untergebracht sind. Es ist ein Glück, dass das Kuratorenteam Christa Baumberger und Rémi Jaccard Glausers kurze Dada-Episode trotz Dada-Jahr ungerührt in die Flurecke gestellt haben. Im «Gourrama»-Raum hängt an den gelben Wänden das skurrile Personal des Legionärsromans, bei «Matto regiert» fällt das blaue Licht des Schlafsaals der Heil- und Pflegeanstalt Randlingen auf die am Boden skizzierte Klinik. Nur im «Wachtmeister Studer»-Raum hat man sich nicht getraut, ähnliche Übersetzungen vorzunehmen, sondern beschränkt sich auf eine brave Reihung von Film-, Theater- und Hörspiel-Adaptionen.

Glausers Bezugspersonen tauchen nur im Ausstellungs-Reader auf. «C’est n’est pas très beau» konfrontiert uns deshalb radikal mit Glausers produktiver Isolation und Beziehungslosigkeit.


Friedrich Glauser «Ce n’est pas très beau», Strauhof, Zürich, bis 1. Mai.