Réduit-Romantik, Denunziantentum im Schnüffelstaat, Geheimarmee P-26: Martin Suter (Drehbuch) und Daniel Schmid (Regie) packten 1999 alles in ihren Film «Beresina oder die letzten Tage der Schweiz», was von der Schweiz im Kalten Krieg übrig blieb. Sie verpackten ein Jahrzehnt der Aufarbeitung in ihre Satire, eine Aufarbeitung, die Jahrzehnte der biederen Angst vor dem Russen – und vor dem Feind innerhalb der Landesgrenzen entlarvt hat.

Was sagt uns die Geschichte über eine russische Prostituierte, die einen Geheimbund wackerer Männer aufdeckt, fast 20 Jahre später noch? Der Film hat Staub angesetzt, aus heuti- ger Sicht wirkt er folkloristisch: Die Selbstvergewisserung der einst fichierten Linken, auf der richtigen Seite gestanden zu haben in einem Land der geistigen Enge, ist zu einem Ritual geworden.

Ja: Wie nur adaptiert man diesen Film heute für die Bühne? Genau dieses Ansinnen hat Cihan Inan ver- folgt, der Schauspielchef von Konzert Theater Bern, der vom Film kommt.

Mission als Fetisch

Los gehts. «Sind Sie Fritz Gantenbein?»: Ein bewaffneter Mann in Militäruniform richtet seine Waffe auf die leicht bekleidete Frau, und die antwortet mit «Ja». Der Fragende schiesst, einmal, zweimal, dreimal, bis sie aufs Wasserbett sackt. Alles nur gespielt: Wir sehen den Fetisch des Divisionärs Sturzenegger (Stefano Wenk), den er bei Irina (Irina Wrona) unter dem Einsatz von Platzpatronen auslebt. Die Vorstellung, seine Mission zu erfüllen, erregt ihn offensichtlich. Die Prostituierte aus Russland ist spezialisiert auf abartige Spielchen, zum Sex kommt es nie, darum geht es ihrem wachsenden Kundenstamm nicht. Ihre Kunden, alle einflussreiche Männer, wollen Macht und Unterwerfung spüren. Irina will die Macht ihrer Männer nutzen, um den Schweizer Pass zu kriegen und ihre Familie in die Schweiz zu holen. Dabei wird sie unterstützt von Bendetta Genovesa-Hösli (Grazia Pergoletti), italienischstämmige Putzkraft im Historischen Museum. Über ihre Kunden kommt Irina einer Geheimarmee auf die Spur, der «Gruppe Kobra». Sie erfährt, dass die ganze Schweiz untertunnelt ist, damit im Kriegsfall im Untergrund der Widerstand vorbereitet werden kann. Ein wirtschaftliches Komplott, in das Nationalbankpräsident Vetterli (Jürg Wisbach), ebenfalls ein Kunde Irinas, involviert ist, bringt alles ins Rollen. Nachdem Irina mehrmals unaufrichtig der Pass versprochen wurde (statt dem ersehnten Ausweis erhält sie die Ausweisungsverfügung), aktiviert die Geprellte die Kobra-Telefonkette, und der Staatsstreich nimmt seinen Lauf. Irina wird zur Königin.

Werktreue und Erneuerung

Cihan Inan hat einen Mittelweg zwischen Werktreue und Erneuerung gewählt. In seiner dritten Berner Regiearbeit bleibt er nahe an der Filmvorlage und gibt der Geschichte doch einen entscheidenden Dreh. Er erzählt konsequent aus der Optik der weiblichen Figuren, und zum Schluss ist der Umbruch feministisch. Allerdings wirken beigefügte Mittel wie die #MeToo-Debatte aufgepfropft. Und auch mit frischem Anstrich bleibt die Geschichte, was sie ist: Eine Satire, ein Unterhaltungsstück mit überschaubarer Tiefe.

Und doch steckt in dieser Inszenierung einiges Spektakel: Die nach dem Stadttheaterumbau erneuerte Technik wird ausgereizt, ganze Bühnenbilder (Manfred Loritz) werden aus dem Boden gehoben und dort wieder verstaut. Tolle Kostüme (Yvonne Forster) und eine insgesamt gute Ensembleleistung (stark: Irina Wrona und Stefano Wenk) sprechen dafür, dass aus der Produktion der erhoffte Blockbuster wird. Letzte Saison ist die Bühnenadaption des «Verdingbubs» gefloppt – diesmal könnte es klappen.

Weitere Vorstellungen bis 6. März im Stadttheater Bern.