Literatur

Im Bann des Verbrechens

Christine Brand begann schon während ihrer Zeit als Gerichtsreporterin damit, Krimis zu schreiben.Sarah Koska

Christine Brand begann schon während ihrer Zeit als Gerichtsreporterin damit, Krimis zu schreiben.Sarah Koska

Christine Brand gab ihren Job als Journalistin auf, um Krimis zu schreiben. «Blind» fesselt bis zur letzten Seite.

Davon träumt jede Autorin: Im Mai 2017 erhielt Christine Brand einen Anruf des renommierten deutschen Verlags Blanvalet. Dieser bot ihr einen grosszügigen Vorschuss an für ihren Kriminalroman «Blind». Da wusste die Journalistin aus Bern, das ist die Chance, ihren Brotjob aufzugeben und ganz auf das Schreiben zu setzen.

Kurzentschlossen kündigte sie ihre Stelle als Gerichtsreporterin bei der «NZZ am Sonntag», gab ihre Wohnung auf, verschenkte Möbel und Kleider und reiste los. Seither verbringt die 45-Jährige den grössten Teil des Jahres im Ausland, vorzugsweise auf Bali oder Sansibar. Sie sucht Hausbesitzer, die sie gratis ein paar Wochen bei sich wohnen lassen. Dafür hütet sie im Gegenzug die Haustiere der Verreisten. In der freien Zeit schreibt sie an ihren Büchern.

Eng an Realität angelehnt

Gerade hat sie wieder einen Monat in Afrika verbracht. Ihre Augen strahlen, wenn sie erzählt, wie sie dort – falls sie gerade auf keine Hunde aufpasst – in einem Haus lebt, wo sie das Bad mit sieben anderen Personen teilen muss. «Ich habe zwar weniger Komfort als früher, aber diesen Preis zahle ich gerne für mehr Freiheit», sagt sie. Existenzängste habe sie keine: «Seit ich meinen Job gekündigt habe, haben sich plötzlich mehrere Leute bei mir gemeldet und mir Projekte angeboten.» So wird sie unter anderem in einer Podcast-Serie über ein Schweizer Verbrechen berichten. Christine Brand verbringt die kommenden Wochen in der Schweiz, weil sie für ihren Krimi «Blind» Werbung macht. Auch in dieser Zeit wohnt sie sehr sparsam – in einer Zweizimmerwohnung in Zürich, die sie sich mit einem WG-Kollegen teilt.

Christine Brand «Blind», Blanvalet, 446 Seiten.

Christine Brand «Blind», Blanvalet, 446 Seiten.

Im Zentrum des neuen Buches steht der blinde Nathaniel. Dieser hat sein Augenlicht bei einem Familiendrama verloren, das er als Einziger überlebt hat. Christine Brand liess sich dabei von einem wahren Fall inspirieren, der sich 1986 in Lotzwil zugetragen hat. Dieser Nathaniel sucht nun über die App «Be my eyes», die es ebenfalls tatsächlich gibt, jemanden, der ihm sagen kann, welches seiner Hemden das blaue ist. Während er mit der Frau telefoniert, hört er plötzlich einen Schrei. Die Verbindung reisst ab. Er ist sich sicher, dass der Frau etwas Schlimmes zugestossen ist. Aber keiner glaubt ihm. Immerhin unterstützt ihn die befreundete Journalistin Milla Nova. Doch sie kommen dem Rätsel nur langsam auf die Spur – und für die Frau, die sie suchen, wird die Zeit immer knapper.

Einen Blinden zur Hauptperson eines Krimis zu machen, ist ungewöhnlich. Doch genau darin liegt ein grosser Teil des Reizes von «Blind». Gekonnt fühlt sich die Autorin in den jungen Mann ein und bringt den Leserinnen und Lesern den Alltag eines Blinden näher. «Ich kam auf die Idee, weil ich selbst einmal einem Blinden per App geholfen habe, das richtige Kleidungsstück auszuwählen», sagt Christine Brand. «Ich stellte mir vor, was er tun würde, wenn mir plötzlich etwas passieren würde.»

Authentischer Krimi

Der Krimi wirkt sehr authentisch: Wenn die Autorin beschreibt, wie die Journalistin Milla arbeitet, kann sie aus ihren eigenen Erfahrungen bei Fernsehen und Printmedien schöpfen. Aber auch die Mechanismen von Polizei und Justiz kennt sie dank ihrer jahrelangen Arbeit als Gerichtsreporterin: «Ich habe ein grosses Netzwerk und kann zum Beispiel bei einem Rechtsmediziner jederzeit nachfragen, wann sich eine Leiche in welchem Zustand befindet.»

Der Krimi besticht nicht nur durch Fachwissen, auch der Plot überzeugt: Bis zum Schluss tappt man im Dunkeln, wie die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhängen. Gespannt folgt man Nathaniel und Milla, die die einzelnen Puzzleteile langsam zusammensetzen. Die Lösung ist raffiniert und auch psychologisch nachvollziehbar.

Die Faszination für Tod und Verbrechen sei schon früh in ihr geweckt worden, sagt Christine Brand, die im Emmental aufgewachsen ist. «Rechts von uns wohnte der Jägermeister, links der Metzger – und mein Vater, der Dorfschreiner, führte ein Bestattungsinstitut.» So sah sie regelmässig Tote und verlor die Angst davor. Vom Vater hörte sie auch die eine oder andere Geschichte von Todesfällen, bei denen jemand nachgeholfen hatte.

Ein prägender Mordfall

Ebenfalls prägend war der Mordfall Zwahlen in Kehrsatz 1985. «Ich schwänzte damals das Lehrerseminar, weil ich unbedingt am Gerichtsprozess dabei sein wollte», erzählt Christine Brand. Dass das Opfer den gleichen Vornamen trug wie sie, dass die Leiche in einer Kühltruhe gefunden wurde – all diese Details faszinierten sie. Bald war klar, dass sie nicht als Lehrerin arbeiten wollte, sondern lieber als Journalistin, die über Gerichtsfälle berichtet.

Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit schrieb sie auch ihr erstes Buch. Es heisst «Schattentaten» und handelt von wahren Verbrechen im Kanton Bern. «Später fragte mich eine Freundin, ob ich für eine Anthologie einmal einen fiktiven Fall erzählen möchte», sagt Christine Brand. Sie tat es und war begeistert. Seither hat sie mehrere Krimis verfasst – aber immer nur nebenbei. Im Zentrum stand stets ihre journalistische Tätigkeit.

«Jetzt habe ich endlich Zeit, richtig in die Geschichten einzutauchen», sagt sie. Das zeigt sich auch im Ergebnis: «Blind» ist mehr als ein typischer Regionalkrimi. Angesichts seiner Komplexität braucht er den Vergleich mit den beliebten Schweden-Krimis nicht zu scheuen. Dass bereits eine Trilogie namens «Milla Nova ermittelt» geplant ist, spricht zudem für das Vertrauen, das der Verlag in seine Autorin setzt. Der Fortsetzungsroman zu «Blind» ist bereits fertig geschrieben. Erscheinen wird das Buch voraussichtlich im Frühling 2020. Mit dem dritten Band hat Christine Brand gerade angefangen. Im Juni wird sie wieder abreisen und daran weiterarbeiten. Wohin, weiss sie noch nicht.

Christine Brand «Blind», Blanvalet, 446 Seiten.

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