In den USA fliessen Unsummen in illegale Sportwetten. Der Pate hinter diesen Machenschaften, Ron «The Cigar» Sacco, war ihr Boss. Und Tony, Saccos bester Mann, ihre grosse Liebe.

Mit Tony erlebte Marisa Lankester in der Karibik Glamour und Hölle. Darüber schrieb sie ein Buch, Hollywood will es verfilmen. Wir trafen die Frau – exklusiv – in Zürich.

Fährt die Mafia Halbtax in der SBB? Fürchtet ein international gesuchter Verbrecher weder Tod noch Teufel – ausser es sei der Kondukteur?

Geheim und illegal: Marisa Lankester schrieb über ihr Leben als Insiderin einer der grössten US-Sportwetten-Organisation

Geheim und illegal: Marisa Lankester schrieb über ihr Leben als Insiderin einer der grössten US-Sportwetten-Organisation.

I. Rallye statt Studium

Treffen in einer Privatwohnung in Zürich: Der See ist einen Steinwurf entfernt, die zweigeschossige Wohnung modern elegant eingerichtet. Ein hoher Raum mit Ledersessel, Schreibtisch und Bücherwand könnte das Studio einer Architektin sein. Perfekt dazu passt die Dame des Hauses: Sie ist «casual» gekleidet, aber stilbewusst, attraktiv auf natürliche Art.

Marisa Lankester switcht in drei Sprachen. Sie redet offen und furchtlos, lässt sich aber nie hinreissen. Ihr Leben lang wollte sie die Selbstkontrolle behalten, waren rundum auch alle verrückt, betrunken oder stoned. Eine gelegentlich derbe Wortwahl ist klug platziert: «Jener General war ein Widerling, ein Scheisskerl!»

Marisa serviert Kaffee und Konfekt von Sprüngli, worüber wir lächeln: «Sie verkörpern astrein das bürgerliche Zürich.» Und das als Kanadierin, mit einem Engländer als Vater, einem UNO-Diplomaten, mit einer Mutter aus Deutschland, geboren in Rom, als Kind in New York aufgewachsen, Studentin in Toronto, ehe die Wohlbehütete das Studium schmiss und Autorallyes fuhr: Toronto–Mexiko–retour, rauf nach Alaska und wieder runter. Bei jenem Rennen hat sie von einem Mann erfahren, der ihr Schicksal wurde.

Auch Marisa lächelt: «Sitze ich mit Gattinnen von Zürcher Geschäftsleuten beim Kaffeekränzchen, vermutet keine, was ich erzählen könnte.» – «Denen stünden die Haare zu Berge», sage ich. Und an diesem Punkt händigt mir Marisa den Ordner aus ...

High Rollers und High Class Girls: Marisa (2.v.r.) in einer Szene im Film «Havana».

High Rollers und High Class Girls: Marisa (2.v.r.) in einer Szene im Film «Havana».

II. Krähen und ein Rätsel

Der Ordner ist voll mit brisantem Material. Unter anderem stosse ich auf das eingangs erwähnte SBB-Billett. Es ist der biederste Beleg von allen – und exakt darum auch der bizarrste: das Abo eines gewissen Tony Ballestrasse. Mit vollem Namen unterzeichnet. Reichlich schülerhaft für einen Outlaw. Ein Gambler und Abenteurer, dessen Name jahrzehntelang auf den «Wanted»-Plakaten des FBI stand.

Tony wurde wiederholt auf Wasser- und-Brot-Diät gesetzt: in Los Angeles, in Las Vegas, auf der Dominikanischen Republik. Noch heute darf – oder dürfte – er die USA eigentlich nicht verlassen, muss regelmässig bei den Behörden vortraben. Wie es scheint, glauben die immer noch, Tony hänge in einem Neun-bis-fünf-Job rum. Trotzdem bereiste er offenkundig die Schweiz: der Kluge im Zuge, mindestens hier ausgewiesen, ansonsten ohne Pass. Wie hatte Tony das geschafft?

Dafür findet sich im Ordner kein Hinweis. Alles sonst ist mit umfassender Systematik dokumentiert, geradezu mit buchhalterischer Pedanterie. «Saubere Arbeit», sage ich. «Ist mein deutsches Erbe», sagt Marisa. Sie steht auf, öffnet die Schiebetür und tritt auf die Terrasse, in der Hand ein paar Nüsse. Drei Krähen landen auf dem Geländer, mit Haus und Haushälterin offenbar vertraut. «Die Vögel», sagen wir, «erinnern an Hitchcock.»

Behütete Tochter heiratet Kriminellen: Marisa mit Tony.

Behütete Tochter heiratet Kriminellen: Marisa mit Tony.

Wie auch nicht? Marisas Leben im Zentrum krimineller Machenschaften gibt nun wirklich einen fulminanten Thriller her. In Buchform existiert er bereits, seit dem Mai, mit gutem Erfolg in den USA: «Dangerous Odds» (etwa: «Gefährliche Gewinnmargen»). Spannend von Marisa selber erzählt – «ohne Ghostwriter», beteuert sie.

Der Stoff soll in Hollywood verfilmt werden; die Autorin hofft, noch vor Ende dieses Jahres den Vertrag unterzeichnen zu können. Auch dafür scheint alles professionell aufgegleist.

Das Buch verkauft sich als «wahre Kriminalgeschichte» – gegenwärtig findet «Wahres» viel Publikum. Natürlich muss sich das dann auch belegen lassen. Darum sind wir hier – um diesen Ordner zu sichten. «Wo», frage ich und klopfe auf den Deckel, «sind die Originale?» – «In einem Safe.»

Seit dreizehn Jahren lebt Marisa Lankester in der Schweiz. Ihr zweiter Mann war ein Schweizer Bankier gewesen bei der UBS in New York, erheblich jünger als sie. Erst in der Schweiz zeigte sich, wie verschieden die Temperamente waren. «Am Fussgängerstreifen», schildert es Marisa beispielhaft, «laufe ich bei Orange noch über die Strasse. Der Schweizer aber wartet, bis es grün wird.» Tony – natürlich – wäre auch bei Rot gegangen. Er hätte es riskiert – nein, Indikativ: Tony hatte nie etwas getan, ohne höchstes Risiko zu gehen.

In Marisas Stimme schwingt noch heute Bewunderung mit, wenn sie von Tony spricht. Sie erzählt, wie viel mehr mitschwang, als sie sich kennen lernten. Sie fand ihn einen Rüpel, einen Italo-Macker. Aber verwegen, unanständig attraktiv, auf wilde Weise intelligent, charismatisch. Kurzum: Sie war verrückt nach ihm. Sie heirateten, eine Tochter kam zur Welt …

III. Im Zimmer eine Leiche

Sie hatten es versucht – eine normale Familie zu sein. Auf dem Land, mit Neun-bis-fünf-Jobs, mit Kuchenbesuch bei Schwiegermama.

Model als Nebenjob in der Dominikanischen Republik.

Model als Nebenjob in der Dominikanischen Republik.

Nur Schwiegerpapa war speziell: ein Kokaindealer und Süchtiger in den Fängen der Mafia. Selten zu Hause, aber imstande, im Zimmer des Sohnes über Nacht eine Leiche zu deponieren. Tony gefiel das einfache Leben – Fischen, Jagen, Bäuerchen bei der Tochter, Bierchen mit Freunden. Marisa verschmachtete vor Langeweile. Sie hatten es wirklich versucht, ein knappes Jahr.

Dann holte beide jenes Leben wieder ein, das wirklich normal war für sie, sofern man sich keinen Illusionen hingab, was Marisa selten passierte.

In diesem zweiten Leben jagte nicht Tony, sondern er wurde gejagt – von der Polizei in Los Angeles, von den Sheriffs in Las Vegas, quer durch die Staaten vom FBI. Was Tony und seine Leute trieben, war fast durchweg verboten in den USA: Sie nahmen über 800er-Telefonnummern Sportwetten an: bei Baseball, Football, Pferderennen usw.

Egal, ob die Gambler verloren oder gewannen – die geheimen Wettbüros verdienten immer. In guten Zeiten arbeiteten bei Tony über 25 Mann – und Marisa als einzige Lady.
Über Tony aber stand noch einer, mal schützend, manchmal bedrohlich: Ron «The Cigar» Sacco. Der Umsatz-Pate aller Wettsyndikate, weltweit.

Die US-Regierung vermutete Ende der Neunzigerjahre, über eine Milliarde Dollar sei allein bei Sacco verzockt worden. Nach den Razzien in Los Angeles und Vegas versuchte Sacco zwischenzeitlich, in Philadelphia Fuss zu fassen. Auch da wurde er verpfiffen, sein Büro ausgemistet. Am Ende des Katz-und-Maus-Spiels aber kam «The Cigar» Sacco auf eine geniale Idee: offshore, ab in die Karibik! Ab nach Santo Domingo! In der Dominikanischen Republik war Wettspiel legal.

Tony überlegte sich die Sache – und willigte ein, widerstrebend. Marisa überlegte sich die Sache nicht zweimal. «Es wurde», sagt sie bei den drei Krähen, «die schönste und die schlimmste Zeit meines Lebens.»

IV. Das High Class Girl

Alle dachten, sie seien sicher. Mit der Sprache, dem karibischen Larifari, dem Essen hatten zwar einige eingeflogene Amis Mühe. Aber die Kohle war gut, die Partys sowieso in den Clubs unter Palmen.

In Zürich blättern wir in einem Album. Marisa legt den Finger auf den einen oder anderen Fatzke: «Drogenschmuggler, Söldner, Mafioso ...» Letzterer wirkt wie ein aufgegabelter und zu Tisch gebetener Obdachloser. Es sind Holidayfotos eines legeren Haufens US-Kumpel – das FBI hätte helle Freude dran.

Marisa führte in der Karibik das Leben eines High Class Girls. Und spielte sogar eines – in Sydney Pollacks Film «Havana». Das Thema musste sie anheimeln: Glücksspiel, Casino, High Rollers. Der Film spielt zwar im Havanna der Fünfzigerjahre, wurde aber in Santo Domingo gedreht. Ausserdem modelte Marisa für Luxusresorts, für heimische Zigaretten, in Videoclips für Whisky. Man kannte sie überall.

Tony indes hatte sich verändert; er trank, er kokste, er kam immer später nach Hause. Es wurde brachial. Marisa liess sich eines Tages von ihm blitzscheiden: 800 Dollar, ein Advokat und ein Federstrich. Später lebte das Paar dennoch wieder unter einem Dach.

Marisa half weiter mit bei der mühseligen Wettquoten-Rechnerei, zählte Tonys Gewinne, watete dabei wie Dagobert Duck durch Scheine.

Sie, die Jahre später in einem Zürcher Warenhaus für Fr. 22.50 die Stunde arbeitete. Zigtausend Dollars in Cash muss sie durch den Zoll geschmuggelt haben, eingenäht in Kleidern, allerdings eskortiert durch hochrangige, bestochene, dominikanische Beamte. Sie glaubte wirklich, ihr passiere nie etwas.

Und dann brach eines Tages die Katastrophe herein. Wer hatte sie angeschoben? Ein Konkurrent, Sonny LoBue, hatte gewarnt, Ron Sacco selber lasse Tony hochgehen.

Warum mischte nun das FBI doch wieder mit? Es hatte in Santo Domingo keine Befugnisse ... ausser bei Verdacht auf Drogenhandel oder Waffengeschäft. Wer unter ihnen war drin verstrickt? Oder alles ein Vorwand der dominikanischen Behörden, um sich fortan zu beteiligen am lukrativen Geschäft?

Reihenweise gingen die Amis hinter Gitter; in dominikanischen Gefängnissen verrotten selbst Ratten. Ein General der Policia Nacional nutzte die Lage.

Er besuchte die blonde Gringa im Hausarrest, um sie mehrmals zu missbrauchen. Marisa berichtet im Buch schnörkellos darüber und bleibt auch in Zürich gefasst. Ein US-Fernsehsender habe sie neulich befragt, erzählt sie. «Sie erwarteten sicher, dass ich in Tränen ausbreche vor der Kamera. Ich aber weine nicht. Das würde nur bedeuten, dass jener Kerl gesiegt hat.»

V. Weisheit und Adrenalin

In Zürich sei sie glücklich, sagt Marisa. Ihre Töchter sind bei ihr. Zusammen mit ihrem jetzigen Lebenspartner und seinen vier Töchtern sind sie manchmal zu acht.

Den Thrill, das Adrenalin suche sie immer noch. Sie paddle mit dem Kajak die schwedische Küste entlang, lernt Kite-Surfing, sie beteiligte sich bei einem Pferderennen quer durch die Mongolei ...

«Musste es damals unbedingt Thrill im Gangstermilieu sein?»

«Wäre ich weiser gewesen», antwortet sie, «hätte ich etwas anderes gelernt, einen anderen Beruf gewählt.»

«Und das wäre?»

«Kriegsreporterin.»