«Ich will Debatten um die Filme»

Filmfan Frédéric Maire, hier auf der Piazza Grande, ist seit vier Jahren Direktor des Filmfestivals und wird im Oktober Direktor der Cinémathèque suisse in Lausanne. (Bild: keystone)

Frédéric Maire

Filmfan Frédéric Maire, hier auf der Piazza Grande, ist seit vier Jahren Direktor des Filmfestivals und wird im Oktober Direktor der Cinémathèque suisse in Lausanne. (Bild: keystone)

Heute beginnt auf der Piazza Grande das 62. Filmfestival von Locarno – das letzte unter Direktor Frédéric Maire (47). Der Neuenburger sieht den Schweizer Film und Umweltfilme im Hoch und erzählt über den Stil von Bundesfilmchef Nicolas Bideau und die Spesen von Cameron Diaz.

Christian Jungen, Locarno

Herr Maire, Gretchenfrage: Was halten Sie von Filmchef Nicolas Bideau?
Frédéric Maire: Wir haben ein gutes Verhältnis. Nicolas arbeitet mit starken Ankündigungen und er spektakularisiert das Schweizer Filmschaffen über seine Person. Im heutigen Medienumfeld kann das gut und schlecht sein. Meine Art ist es nicht. Und sein Kontrahent Samir liebt halt das Spektakel auch und darum passen die beiden so gut zueinander. Wir haben also einen Genfer mit grosser Klappe und einen Zürcher mit grosser Klappe.

Besteht die Gefahr, dass der Streit um die Filmpolitik von Bideau in Locarno die Filme in den Schatten stellt?
Maire: Absolut, aber dagegen kann ich nichts machen. Ich will zwar Debatten, aber Achtung: Sie sollen sich um das Kino drehen. Mir liegen vor allem die Diskussionen am Herzen, welche das Publikum mit den Filmemachern nach den Projektionen führen kann. Nun gibt es aber einen rein professionellen Diskurs darüber, ob Nicolas Bideau seine Arbeit gut macht oder nicht, der alle Zeitungsseiten füllt, sodass kein Platz mehr bleibt für unsere Gäste wie Schauspieler Toni Servillo oder den Regisseur Amos Gitai.

Also, reden wir von den Filmen. Wie geht es dem Schweizer Kino?
Maire: Gemessen an der Kleinheit unseres Landes, unserer Produktion und dem zur Verfügung stehenden Geld macht es seit fünf Jahren Fortschritte. Unser Jahrgang repräsentiert den Schweizer Film exemplarisch: «Giulias Verschwinden», eine sehr intelligente Komödie von Christoph Schaub nach einem göttlichen Drehbuch von Martin Suter, steht für das Filmschaffen in der Deutschschweiz, das sich ans grosse Publikum richtet. Dann gibt es immer mehr Genrefilme, dazu haben wir «La valle delle ombre» von Mihály Györik, einem Tessiner, wie wunderbar! Und dann ist da der Autorenfilm, der traditionell in der Romandie stärker ist, mit Frédéric Mermouds Wettbewerbsfilm «Complices».

Pipilottis «Pepperminta» läuft nun in Venedig. Sind Sie enttäuscht?
Maire: Wenn ein Schweizer Film mit internationalem Potenzial an ein wichtiges Festival eingeladen wird, weine ich nicht. Das ist doch toll!

Locarno hat keine Stars. Cameron Diaz wäre laut Verleiher für 100 000 Franken gekommen. Ist das zu viel bei einem 11,3-Millionen-Budget?
Maire: Unser Budget erscheint von aussen betrachtet hoch, ist in Wahrheit aber tief. Zum Vergleich: Die Berlinale hat 20 Millionen Euro! Wenn ein Star kommen will, sind wir bereit, alles zu unternehmen, aber unsere Grenze liegt bei 30 000 oder 40 000 Franken. Wenn ein Star und seine Begleitung First Class fliegen, macht das bereits 30 000. Wenn dann noch der Stilist, die Bodyguards und die Coiffeuse dazukommen, ist man allein mit Flügen über 100 000 Dollar und dann kommen noch Hotels, Verpflegung und Limousinen dazu. Bern (sprich Bideau, Anm. der Red.) kann uns nicht sagen, wir wollen mehr Glamour, sonst muss man uns auch die Mittel geben. Und dann kommt noch die Verleihpolitik ins Spiel: Letztes Jahr haben wir hart für eine «Mamma mia!»-Premiere gearbeitet. Am Ende hat Universal mit Blick auf die USA entschieden, den Film einen Monat früher herauszubringen - ciao!

Wie viele Filme sehen Sie, um Ihr Programm zu gestalten?
Maire: Mein Team hat rund 2000 lange Filme gesehen, davon habe ich selber etwa 500 bis 600, die mir Korrespondenten empfohlen haben, selber geschaut. Dazu kommen nochmals rund 2000 Kurzfilme.

Welche Tendenzen gibts im Weltkino?
Maire: Sehr trendy sind Filme, die aussagen, dass die Welt auf eine Katastrophe zusteuert, weil wir mit unserem Lebensstil unsere Grundlagen zerstören. Solche Filme habe ich auf der ganzen Welt gesehen, repräsentativ für diesen Trend ist «Les derniers jours du monde». Und stilistisch sehen wir immer häufiger die Unmittelbarkeit und Leichtigkeit des Kinos auf der Leinwand. Filme entstehen immer schneller: Amos Gitai dreht Anfang Juli einen Film über ein Theaterstück in Avignon und wir zeigen den Film heute Abend auf der Piazza. Zudem werden die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion total aufgehoben, das ist gut für das Kino.

Immer mehr Zeitungen sparen bei der Kultur. Tragisch?
Maire: Ich liebe auch Theater, Musik, Literatur und stelle fest: Die Kultur ist in der Krise. Zeitungen, die sich verkaufen wollen, zeigen auf der Front am liebsten eine nackte Frau, die möglichst noch vergewaltigt wurde. Ich töte aber keine Frau, um in die Zeitung zu kommen. Spezialisten, die Kultur in der Tiefe verhandeln, werden nicht mehr gebraucht. Das italienische Fernsehen zum Beispiel ist Ausdruck dieser Haltung. Die Folge ist, dass ein ganzes Land seine Kultur verliert und ein bisschen blöd wird. Aber zum Glück behauptet sich die Kultur in Blogs und auf Facebook.

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