Gimma, muss man sich Sorgen um Sie machen?

Gimma: Lustig, dass Sie das fragen.

Lustig?

Gimma: Ja, denn bei all meinen vorherigen Alben habe ich mir immer gesagt, dass ich selber nicht unbedingt in der allgemeinen Stimmung sein muss, welche die Lieder wiedergeben. Und somit hatte das Produkt meistens auch nicht viel mit meiner Grundstimmung zu tun. Im Fall von «Mensch si» ist das nun zum ersten Mal etwas anders.

Demnach ist Ihre Grundstimmung tatsächlich nicht gerade himmelhoch jauchzend zu nennen. Schliesslich zeichnet praktisch alle 13 Titel des Albums ein, sagen wir, mal sehr ernster, ja fast schon todernster Grundton aus.

Gimma: Das ist so, ja. Das Album spiegelt meine aktuelle Gefühlslage ziemlich gut. Die Songs handeln von Themen und Ereignissen, die mich während der vergangenen zwei Jahre beschäftigt haben und es immer noch tun. Und das sind nun mal hauptsächlich nicht eben positive Dinge. Aber um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass man sich Sorgen um mich machen muss. Die meisten, die das hier lesen, kennen mich ja sowieso nicht und müssen sich daher ganz bestimmt keine Sorgen machen (lacht). Aber ja, das Album gibt schon ein bisschen Aufschluss über die menschlichen Abgründe, die mich momentan beschäftigen und begleiten.

Wir sprechen von Vergewaltigungen, Abtreibungen, Drogenexzessen und Ähnlichem.

Gimma: Ja, das sind einfach die Themen, zu denen ich es mir anmasse, mich äussern zu können, ohne dass es platt wirkt.

Sie singen von Horrortrips, einem zerfetzten Herzen. In einem Lied sagen Sie sogar, dass Sie schon alles erlebt hätten, was es zu erleben gebe. Das klingt etwas gar endzeitlich. Haben Sie mit allem Positiven abgeschlossen?

Gimma: (Überlegt) Ehrlich gesagt, müsste ich mich tatsächlich sehr lange hinterfragen, um noch irgendetwas zu finden, das mich eventuell im positiven Sinne reizen könnte. Ich habe irgendwie schon alles gesehen und erreicht, was ich mir als Jugendlicher einmal vorgestellt habe. Deshalb bin ich nun an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr weiss, wo ich überhaupt noch hinsteuern soll. Schauen Sie, ich habe es mit all meinen Beziehungen vergeigt, mein Hund ist weg, Reichtum habe ich keinen angehäuft, und Reisen finde ich auch nicht wirklich toll. Also bleibt nicht mehr viel übrig.

Die Musik vielleicht?

Gimma: Ja, ja. Aber auch da gehen langsam die Ziele aus. Ich habe im Zürcher Hallenstadion gespielt, eine goldene Schallplatte zu Hause und verspüre keine Lust, das Ganze noch grösser werden zu lassen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich hätte ich Freude, wenn die Leute die CD «Mensch si» so weit würdigen würden, dass sie zum bestverkauften Gimma-Album aller Zeiten werden würde. Aber das wird wohl nicht geschehen. Realistisch betrachtet, habe ich all meine Träume schon gelebt und finde nun keine neuen mehr.

Die Themen auf «Mensch si» sind nicht Gimma-untypisch – aber die Herangehensweise überrascht. Da ist nicht mehr viel vom pöbelnden Rüpel-Rapper zu hören. Es finden sich zwar zum Teil gewohnt heftige Aussagen, aber vor allem zeigt sich ein verletzlicher und verletzter Mensch, der sich offenbar viele, um nicht zu sagen tiefschürfende Gedanken macht.

Gimma: Ja, und? Ist das denn so überraschend?

Irgendwie schon. Man kennt Sie eben anders.

Gimma: Wie Sie gesagt haben: Die Themen sind nicht neu. Neu ist aber, dass ich es vermieden habe, auch nur etwas annähernd Lustiges zu integrieren. Mein ganzer Frust, Hass und Ärger sind hier zusammengefasst. Und herumzukaspern, wäre meines Erachtens auf diesem Album der Sache nicht würdig gewesen.

Gimma ist also erwachsen, ja sogar reif geworden?

Gimma: Reife... Ich habe Mühe mit diesem Ausdruck. Ich glaube, ich bin immer noch derselbe, der ich vor zehn Jahren war. Ich bin früh in diverse unschöne Sachen hineingewachsen und denke nicht, dass ich damals anders damit umgegangen bin, als ich es heute tue.

Trotzdem. Im Vergleich zum etwas spätpubertären Vorgängeralbum «Unmensch» und vor allem zum süssen, locker-flockigen «Hippie» hat sich schon einiges verändert.

Gimma: Klar. Ich meine, seien wir ehrlich: «Hippie» war Nonsens. Und auf so etwas habe ich einfach keinen Bock mehr. Lustige Lieder zu schreiben, interessiert mich nicht mehr.

Also doch reif.

Gimma: Ach, nennen Sie es doch, wie Sie wollen (lacht).

«Mensch si» ist über einen Zeitraum von knapp drei Jahren entstanden. Warum hat es so lange gedauert?

Gimma: Zu Beginn war dieses Album ja nicht als solches gedacht. Die ersten Songs und Skizzen fielen wieder zur Seite, als ich mit Roman Camenzind «Hippie» aufgenommen und kurz darauf «Unmensch» nachgeschoben habe. Irgendwann, vor etwa zwei Jahren, kam Produzent Sad mit der Idee, gemeinsam ein Album einzuspielen. Unter anderem eben mit dem übrig gebliebenen, bereits vorhandenen Material. Und da wir etwas richtig Schönes daraus machen wollten, mit Live-Band, diversen Gästen und das Ganze in einem guten Studio, dauerte es nun mal ein Weilchen.

Das Album ist gespickt mit Auftritten von Gastmusikern und Gastsängern. Da wären zum Beispiel Gert Stäuble von Züri West, Adrian Sieber von den Lovebugs, aus Graubünden Nina Cantieni und die Mannen von Breitbild, nicht zuletzt Ex-Sens-Unik-Frontmann Carlos Leal, der beim Titelsong mit Ihnen gemeinsam rappt. Schafft es Gimma nicht mehr allein, ein Album aufzunehmen?

Gimma: Natürlich würde ich es schaffen. Es ist ja nicht so, dass ich diese Leute alle aus eigener Bequemlichkeit mit ins Boot geholt hätte. In Tat und Wahrheit hatte ich für dieses Album weitaus mehr Arbeit zu verrichten als bei den beiden Vorgängern. Während der Entstehungszeit habe ich mich nämlich in jedem Song und in jedem Instrument mal mehr, mal weniger eingebracht. Zudem habe ich das Album koproduziert und den Mitwirkenden auch genau erklärt, was ich will. Nur weil sie Gäste waren, durften sie ja nicht tun und lassen, was sie wollten. Auch ein Adrian Stern oder ein Carlos Leal nicht. Da hatte ich klare Vorstellungen, die umgesetzt werden mussten.

Kommen wir noch einmal auf Ihre persönliche Traum- und Sinnlosigkeit zu sprechen. Mal versöhnlich gefragt: Was müsste geschehen, damit Gimma wieder positiver in die Zukunft blicken würde?

Gimma: (grinst) Na ja, das Einzige, das wohl noch etwas ändern könnte, wäre eine Frau, die in mein Leben treten und mich komplett über den Haufen werfen würde.

Gimma Mensch si. Equipe Music. Erscheint am Freitag, 28. Januar.