«Was war – Was kommt»: Am 20. Juni werden Sie, Barbara Riecke, letztmals einen Spielplan im Kurtheater Baden vorstellen. Sie haben 2007 die Künstlerische Leitung des grössten Gastspielhauses im Kanton Aargau übernommen. Neun Jahre später fragen wir Sie: Was war? Weshalb hatten Sie Lust auf das Kurtheater?

Barbara Riecke: Nun, nach sieben Jahren Theaterhaus Gessnerallee in Zürich und nach vier Jahren Kaserne Basel stand mir damals der Sinn nach einem Perspektivenwechsel. Mich reizte die Aufgabe in Baden – gerade wegen ihrer Vielfalt und Breite: Es gab ein Feld zu beackern.

Ist dieses Mehrspartenhaus nicht in einer besonderen Situation, weil es zwischen Theaterstädten wie Zürich und Basel liegt?

Das würde ich nicht sagen. Viele Häuser haben das Schicksal der Konkurrenz in der Nähe. Aber was ich in den Jahren gelernt habe, ist dies: Das Kurtheater ist das Kurtheater.

Das müssen Sie erklären.

Das hat tatsächlich etwas mit dem «Dazwischen» zu tun, und mit der Tradition der Vielfalt sowie der hiesigen Bevölkerung. Viele sind weit gereist – und sind doch sehr heimat- und ortsverbunden. So bleiben sie ihrem Theater treu, auch wenn sie durchaus nach Zürich, London oder Berlin ins Theater gehen. Es gibt aber nicht wenige, die ausschliesslich das Kurtheater besuchen. Sie vertrauen darauf, dass das Interessante, vielleicht Fremde und Exotische, zu ihnen kommt. Dann möchten sie aber auch Aufführungen sehen, die von hier sind. Andere wiederum sind erfahrene Theater- und Kulturgänger und finden heraus, dass es an der Peripherie der Metropolen auch interessant sein kann.

Angetreten sind Sie in Baden, um die grosse Tradition mit den Sparten Schauspiel-, Musik-, Kinder- und Jugendtheater und Tanz weiterzuführen sowie das Profil eines Hauses zu schärfen, das auch auf Fremdvermietungen angewiesen ist. Schärfen ja, aber wie? Und: Ist eine eigene Handschrift bei einem Gastspielhaus überhaupt möglich?

Eine Profilschärfung ist bei diesem Mix im Ganzen schwierig. Die Handschrift im kuratierten Spielplan von aussen zu erkennen, ist noch einmal schwieriger. Ich hoffe, dass es eine solche von mir gibt und dass sie auch erkannt wurde. Aber man darf da nicht zu eitel sein. Ich wollte einerseits das Haus als ein Ganzes denken.

Das heisst?

Die leichte Muse bei den Vermietungen und der kuratierte Spielplan der Stiftung für ein anspruchsvolles Publikum sind ein Kurtheater. Andererseits wollte ich natürlich Profil zeigen. Ich habe in «meinem» Spielplan viel auf Gegenwartsstücke und Zeitgenossenschaft gesetzt und Theater als heutige, vielfältige Kunstform zeigen wollen. Die Breite war mir wichtig.

«Die Zeichen stehen auf Zukunft», haben Sie bei unserem ersten Gespräch gesagt.

Ja, und das war natürlich auch inhaltlich gemeint. Wir leben in unruhigen, sich schnell wandelnden Zeiten; in Zeiten von Katastrophen und Gewalt, harten Diskussionen, Flüchtlingen und Migrationsbewegungen und da ist das Theater mittendrin.

Was meinen Sie damit?

Theater wird von Menschen gemacht, die in dieser Zeit leben. Das muss man sehen, fühlen und erleben. Das Theater soll anregen und zum Denken verführen; es soll ein sinnliches Erlebnis sein; es darf Schönheit zeigen und es muss unterhalten; es soll aber auch verwirren und an unseren festgefahrenen Denk- und Lebensmustern rütteln.

Das ist ein schönes Ideal. Manche, ob Theaterleute oder Zuschauer, sprechen dem Theater Relevanz ab.

Was heisst schon Relevanz; das ist ein weites Feld. Für Menschen, denen das Theater am Herzen liegt, hat es Relevanz. Ich merke das – und zwar bei allen Generationen. Viele Menschen wiederum hat das Theater nie erreicht: Für sie hat es keine Relevanz. Dass diese Menschen nicht mehr werden, ist eben die Herausforderung, der wir Theaterleute uns stellen.

Wir leben in Zeiten von Internet und Computerspielen, TV-Serien, Kino und vielen anderen Zerstreuungen. Welche Rolle spielt da das Zusammenkommen im Theater?

Als Live-Erlebnis mit lebendigen Menschen auf der Bühne bleibt das Theater relevant – als Treffpunkt für ein gemeinsames Erlebnis.

Auf das Kurtheater bezogen: Wird dieses weiter relevant sein, selbst wenn das Stammpublikum kleiner wird?

Selbstverständlich. Und das Stammpublikum nimmt nicht ab; es wächst ja ein neues nach. Für das junge Publikum machen wir einiges. Wir bieten Kinder- und Jugendtheater mit Themen, die Heranwachsende interessieren. Wir pflegen eine Zusammenarbeit mit dem Jungen Theater Basel oder ‹Kultur macht Schule›; weiter gibt es Angebote im «normalen» Spielplan für Kantons- und Berufsschulen, die sehr gut angenommen werden.

Sie erwähnen das ältere Stammpublikum und die jungen Besucher. Was ist mit der mittleren Generation?

Der demografische Wandel ist gleichermassen eine Herausforderung wie eine Chance. Mir lagen die Wiedereinsteiger immer sehr am Herzen. Die waren in ihren jüngeren und mittleren Jahren privat und beruflich derart gefordert, dass sie kaum Zeit fürs Theater fanden. Später ändert sich das. Dann kann man diese Menschen wieder gewinnen: Sie sind lange fit, meistens gut informiert und stehen heutigen Themen, sich verändernden Interpretationen und Ästhe-
tiken zum Teil sehr offen gegenüber.

«Die Zeichen stehen auf Zukunft» – gilt dies für das Kurtheater weiterhin?

Ich habe eine sehr positive Sicht auf die Zukunft dieses Hauses. Es ist das einzige Volltheater im Kanton Aargau. Es wird mit Sorgfalt und Liebe behandelt. Ich meine, dass ich dieses Haus in einem guten Zustand hinterlasse. Das Publikum kommt zahlreich; der Spielplan wird gut angenommen. Kompetente Menschen, ob im Stiftungsrat oder der Geschäftsleitung, tragen Sorge zu diesem Haus. Das könnte die kantonale Politik meiner Ansicht nach etwas mehr honorieren.

Nicht vergessen darf man den bevorstehenden Um- und Erweiterungsbau des Kurtheaters.

Ja, und dieser wird noch einen weiteren Schub auslösen. Und noch einmal zur Handschrift: Man kann die eigene ja nicht verleugnen, deshalb ist auch ein Wechsel in der künstlerischen Leitung gut. Es wird eine neue Handschrift geben.

Kurtheater Baden «Was war – Was kommt»: Rückblick auf Saison 2015/16; Vorschau auf 2016/17 mit Barbara Riecke, 20. Juni, 18 Uhr.