«Nein, ich habe mich nicht dafür entschieden. Und doch habe ich es getan. Ich habe diesen Menschen erschossen. Aber ich wollte es nicht, ich kannte ihn ja gar nicht. Es gab überhaupt keinen Grund. Wenn ich jetzt nach Gründen suche, dann sind das Rechtfertigungsversuche.

Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich einen Schuss hörte und dass ein Mensch neben mir zu Boden glitt. An alles andere kann ich mich schlicht nicht erinnern. Ich bewegte mich an jenem Samstagmorgen im absoluten Nichts. Alles, was ich weiss, weiss ich aus den Akten: Ich war anscheinend sehr stark betrunken. Der Mensch, den ich erschossen habe, sass am Tisch und hat gelallt, und ich forderte Ruhe, und nach dem vierten Mal habe ich die Waffe gezogen.

Ich kann mich daran aber überhaupt nicht erinnern. Insofern war es auch kein Bauchentscheid, der mich die Waffe ziehen liess und der zu dieser Tat führte. Das Ganze wäre nicht geschehen, wenn sich nicht ein unglücklicher Zufall an den anderen gereiht hätte.

Eigentlich hätte ich ja an jenem Samstag auch keine Waffe auf mir tragen sollen. Ich war im Hafturlaub. Es war meine alte Waffe, die ich einem Freund übergeben hatte. Der Freund wollte sie nicht mehr und übergab sie mir. Wir hatten Streit. Ich trank.

Aber klar, ich war damals schon lange auf der schiefen Bahn. Auch dafür hatte ich mich ja nie wirklich entschieden. Im Rückblick fühlt es sich so an, als wäre ich einfach langsam in das Übel reingerutscht. Dabei hatte ich eine gute, behütete Kindheit.

Vielleicht stand ganz am Anfang nur der Reiz des Verbotenen. Ich überschritt Grenzen, und es wurde immer schiefer. Zuerst Jugendheim, dann die ersten Drogen, fünfzehn Jahre Heroin, ein Leben in der Drogenszene, als Konsument und als Dealer. Es ist ein Leben in der Hölle. Ein Leben mit diversen Entzugsversuchen und einigen kürzeren Haftstrafen. Und dann im Hafturlaub diese Tat.

Dabei war ich damals seit zehn Monaten in Haft und seit vier Monaten clean. Und ich wusste: jetzt oder nie. Entweder ich komme aus diesen Drogen raus, oder ich ziehe einen Schlussstrich. Es ist schwierig zu verstehen, aber tatsächlich wäre ich wohl schon längst tot, wenn es diese Tat nicht gegeben hätte in meinem Leben. Denn ich hätte den Entzug nicht geschafft ohne diese lange Zeit in der Lenzburger Strafanstalt.

Trotzdem ist und bleibt diese Tat ein riesiger Fehler. Und obwohl ich mich nie dafür entschieden habe, ist es absolut richtig, dass ich die Konsequenzen tragen muss. Schlimm ist, dass nicht nur ich sie tragen muss, sondern auch meine Familie und die Familie des Opfers.»

* Aufgezeichnet von Sibylle Lichtensteiger, der Leiterin der Kulturinstitution Stapferhaus Lenzburg, die bis zum 30. November im Zeughaus Lenzburg die Ausstellung «Entscheiden» zeigt.

Der Museumstag am Sonntag 12. Mai steht unter dem Motto «Lebensentscheide». Eine Begegnung mit zwei mutigen Entscheidern: 11.15 und 14.15 Uhr. Der Eintritt für die Ausstellung ist den ganzen Tag gratis.
www.stapferhaus.ch