Wenn man Lukas Huber und Leo Hofmann zuhört, kann einem schwindlig werden. Das Bild des einsamen Tonschöpfers in seinem Komponierstübchen ist Folklore im Vergleich mit der Umtriebigkeit dieser beiden. Der 26-jährige Huber aus Basel und der 30-jährige Hofmann aus Deutschland haben Musik und Medienkunst an der Berner Hochschule der Künste studiert und schon einige gemeinsame Projekte realisiert.

Die Überlegungen zu ihrem Schaffen bewegen sich in einem dichten Theorie-Geflecht. Für ihre neuste gemeinsame Produktion, in der Lukas Huber als Komponist verantwortlich zeichnet, hat er Jean Baudrillard, Gilles Deleuze, Vilém Flusser, Marshall McLuhan und viele andere grosse Geisteswissenschaftler des 20. Jahrhunderts gelesen. Am meisten beschäftigt die Beiden wohl die Medientheorie und -philosophie im digitalen Zeitalter. So auch im Musiktheater «Kunstwerke sind Erlebnissmodelle».

Leo Hofmann und die Cellistin Mathilde Raemy sitzen hier auf der Bühne. Sie spielt Fetzen aus bestehenden Musikstücken, er hat zwar auch das Cello zur Hand, doch spricht nur Texte. Huber erklärt: «Leo Hofmann übernimmt die Haltung, die Mathilde in der Musik hat und überträgt sie auf die Sprache.»

Aggressive Schreie der amerikanischen Hip-Hop-Gruppe Death Grips vom Band werden mit einer Melodie von Bach überlagert. Dazu proklamiert Hofmann komplizierte Medientheorien. Es ist wie ein wilder Sturzflug durch die musikalischen und philosophischen Wirren der Gegenwart. Ein Hoch auf die Sampel-Kultur.

Während der Stückentwicklung kam Huber zu der Erkenntnis, dass es keinen Unterschied zwischen Erschaffung und Entdeckung gäbe. Er leitet daraus ab, dass es keine Zitate mehr gibt. Auch seine eigene Autorenschaft gibt er im Stück nach und nach ab.

Es geht darum, die Hierarchie zwischen Komponisten und Interpreten zu brechen. Verantwortungsvolle Interpreten sollten in den Schaffensprozess eingebunden werden, statt Dienst nach Vorschrift zu verrichten, findet er.

Keine blosse Unterhaltung

Sein Drang, das Kunstmachen an sich und die Rollenbilder der Autoren zu hinterfragen, scheint unendlich. Musik-Machen zur Unterhaltung? Das liegt Huber und Hofmann fern. Und doch würden sie es nicht abwerten. Pop-Musik? Lana del Rey? Super! Spannend! Aber sie kritisieren auch, wie sehr diese Musik Stimmungen aufzwingt, wie glatt ihre Oberfläche ist.

Dabei spielt Lukas Huber selbst in einer Band. Das Projekt Ufo lässt die Genregrenzen verschwimmen und zieht irgendwo zwischen «akustischen und elektronischen Klangnebeln, improvisierter Musik, Free Jazz und verzerrten Grooves» seine Bahnen.

Huber taucht aktuell immer öfter in der Szene auf. Auch die Basel Sinfonietta hat ihn verpflichtet. Es wird sein erstes Orchesterwerk. (Konzert am 24. April). Geschäftsführer Thomas Wehry schätzt ihn, den er einen «Newcomer und Geheimtipp» nennt, wegen seiner «konzeptuellen Schärfe».

Huber ist auch als Theatermusiker, Regisseur und Cutter für Video- und Filmarbeiten, als Pianist, Live-Elektroniker und Performer tätig. Hofmann steht als Composer-Performer bei seinen Werken selbst auf der Bühne.

Ein bisschen kommen einem die beiden wie zwei theoretische Physiker vor, die pausenlos an schwierigen Reihen von Formeln knobeln. Weltfremd sind sie aber nicht. Eher sehr nah dran an der Komplexität der Gegenwart.

Doch bei aller theoretischer Reflexion kann es vorkommen, dass sich Huber im Gespräch verliert. Auf die Frage, was denn der Titel der neuen Produktion «Kunstwerke sind Erlebnismodelle» bedeutet, kramt Huber lange in seinem Gedächtnis. Schliesslich liefert er die Erklärung per Email nach. Es gehe um die Spannung zwischen Konzeptkunst und Sinnlichkeit, um die Spannung zwischen Performance und ihrer Dokumentation, zwischen romantischem und «post-historischem» Autorenverständnis.

Auf die Frage, warum er nicht einfach schöne Musik zum Geniessen schreibe, antwortet er: «Ich sehe mich ja nicht als Komponist. Oder das ist nur eine Option.» Da ist er wieder, dieser Moment des Gedanken-Taumels.

Kunstwerke sind Erlebnismodelle

25. Februar, 20 Uhr, Gare du Nord. 

Epicycle 5 – Wohnzimmer Griechenland

24. April, 19 Uhr, Stadtcasino Basel, Konzert der Basel Sinfonietta.