Benjamin von Stuckrad-Barre
«Ich bin die Treppen hinab ins Zürcher Nachtleben mit Freuden runtergestolpert»

Benjamin von Stuckrad-Barre über die Stadt, die ihn fast umbrachte, seine Enttäuschung über Oasis und Rauchen auf der Bühne.

Adrian Schraeder
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Benjamin von Stuckrad-Barre hat nichts ausgelassen: Alkohol, Drogen, Exzess. Jetzt raucht er nur noch Zigaretten. Oft könne er es sogar durchsetzen, auf der Bühne zu rauchen, da «dramaturgisch geboten».ho

Benjamin von Stuckrad-Barre hat nichts ausgelassen: Alkohol, Drogen, Exzess. Jetzt raucht er nur noch Zigaretten. Oft könne er es sogar durchsetzen, auf der Bühne zu rauchen, da «dramaturgisch geboten».ho

Herr von Stuckrad-Barre, was fällt Ihnen zur Schweiz ein?

Sehr viel, ich habe ja knapp vier Jahre dort gelebt.

Ihre erste Assoziation?

Max Frisch und Robert Walser. Das sind zwei sehr wichtige Fixsterne in meinem Heldenfirmament. Durch ihr Werk war die Schweiz für mich immer eine Art heiliger Ort. Auch das Klischee der Schweiz, das sich für mich durchaus bewahrheitete: Alles kostet das Doppelte, ist dafür aber auch doppelt so angenehm. Und irgendwie scheint am Ende immer die Sonne.

Leider nicht im Moment: Es regnet.

Das macht nichts. Auch wenn es graupelt, ist es bei euch noch heller als im Hochsommer in Berlin. Das schafft nur die Schweiz.

Ist die Schweiz für Sie als Künstler vielleicht sogar zu sehr heile Welt?

Nein, im Gegenteil. Zürich hat ein extrem vitales Untergeschoss. Das hatte ich etwas unterschätzt. Und ich bin die Treppen hinab ins Zürcher Nachtleben mit Freuden runtergestolpert. Das beschreibe ich ja auch in «Panikherz». Die Zürich-Kapitel im Buch handeln zwar vorrangig von meinem Strudeln und Scheitern, das aber bei besten äusseren Bedingungen, Schuld hatte nur ich selbst, keineswegs die Stadt Zürich. In dem Buch geht es um die Nacht, die Sucht, um das Abtauchen in die Dunkelheit. Wobei man auch sagen muss: Wo man als Drogenabhängiger abschmiert, ist eigentlich egal. Das kriegt man überall hin.

So unproduktiv, wie im Buch beschrieben, können Sie in diesen Jahren gar nicht gewesen sein.

Es gab zwar lichte Momente, aber die waren rar. Und das war, von heute aus betrachtet, mein Glück: In der Zeit, in der ich drogenabhängig war, habe ich rein gar nichts zu Ende führen können, nichts Gutes hinbekommen. Beim Schreiben geht es um Organisation im Denken. Der Rausch ist das Gegenteil. Das gezielte Chaos. Wenn ich in der Drogenzeit gute Sachen hinbekommen hätte, wäre es viel schwieriger gewesen, es dann schliesslich ganz bleiben zu lassen. Und diese Erfahrung, die währenddessen natürlich grauenhaft war, hilft mir heute. Ich weiss, das Schreiben ist immer schwierig, das ist ganz normal, was aber schon mal auf gar keinen Fall hilft, sind Drogen. Die sind das Ende fürs Schreiben. Und wenn ich nicht schreiben kann, kann ich nicht leben.

Wie kommt es, dass Sie sich so gut an die Details erinnern?

Es sind so Bilder, die man im Kopf hat. Einzelne, beispielhafte Szenen. Die Erfahrungen und die Essenz bleiben, und die kann man dann erzählerisch ausbeuten. Man muss die Wirklichkeit überwinden, um zur Wahrheit zu gelangen. Wie es nun im Detail wirklich war, ist vollkommen egal. Das wäre reiner Tagebuch- und Bekenntnisschrott.

Sind die Helden von früher auch Bekenntnisschrott?

Keineswegs. Helden und deren Funktion innerhalb einer Biografie, das ist ein Hauptthema dieses Buches. Anleitung durch Helden, auch Verführung – und eben auch Überwindung. Ich habe das im Buch beispielhaft an Noel Gallagher von Oasis nachvollzogen. Diese Enttäuschung, die man zwangsläufig zu erleiden hat, wenn man Künstlern und deren voranschreitendem Werk konsequent verfallen bleibt. Oasis war die Aufstandsmusik meiner frühen Zwanziger, doch wenn man sich das dann mit vierzig ankuckt, muss man feststellen: Ist irgendwie alles nicht mehr so toll. Das aber ist weniger Noel Gallaghers Schuld als der ganz normale Lauf der Dinge. Das Altern der Helden, das Verblassen der Hausheiligen, das Nachlassen der Bedeutung für das eigene Leben, einfach, weil man jetzt in einer anderen biografischen Phase ist – da bekommt man sein eigenes Älterwerden vorgeführt, die eigene Sterblichkeit.

Ein Held ist Ihnen erhalten geblieben: Udo Lindenberg.

Ja, da habe ich grosses Glück, dass mein Kindheitsheld so ein Dramaleben hingelegt hat. Da ist natürlich alles drin: Die höchsten Höhen, aber auch der absolute Absturz, 20 Jahre durchhängen und kaum mehr etwas hinkriegen – und dann das eben durch diese Nebeljahre erst mögliche, umso spektakulärere Comeback.
Udo ist ja heute grösser und besser als je
zuvor.

Denken Sie manchmal: Was würde Udo jetzt tun?

Ja, eigentlich permanent.

Was sind das für Situationen?

Ich bin sehr leicht agitiert durch die Umwelt und durch Freund Mitmensch. Viel zu leicht. Von Udo kommen dann so Tipps wie: «Stuckiman, machs wie ich: Vogelperspektive, Überflieger, Drübersteher. Nicht ärgern – wundern. Geh auf Reiseflughöhe, setz die innere Sonnenbrille auf, cool down.» Das hilft dann doch sehr.

Udo Lindenberg hat Ihnen geholfen, von der Sucht loszukommen. Haben Sie das Suchthafte abgelegt?

Die Persönlichkeitsstruktur bleibt einem erhalten. Ich bin nun seit über zehn Jahren kein praktizierender Drogenabhängiger mehr, aber man hat mit dieser Prädisposition für immer zu kämpfen, mal mehr, mal weniger, es bleibt ein lebenslanges Duell. Und ein Teil dieser Rauschveranlagung äussert sich bei mir weiterhin in einer grundsätzlichen Hysterie und Übertreibung, als Strategie gegen Langeweile und Gemütlichkeit, die ich grauenhaft und geistesvernichtend finde.

Das Buch ist grösstenteils in den USA entstanden. Wie haben Sie jetzt den Wahlausgang erlebt?

Dass so ein Irrer nun tatsächlich Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, finde ich – wie wohl fast jeder – beängstigend. Ein frauenfeindlicher, ausländerfeindlicher, antisemitischer, nationalistischer Hyperstumpfkapitalist. Absoluter Horror. Aber es geht ja nicht nur um die USA: In vielen europäischen Ländern, und besonders auch in der schönen Schweiz greift ein neuer Nationalismus um sich, grauenhaft und wirklich gefährlich. Das war schon noch ein anderes Land, als ich 2002 nach Zürich hinkam. Zum Glück weiss ich, dass längst nicht alle Schweizer so sind wie die SVP. Aber ebendiese Schweizer müssen sich genau deshalb noch vernehmlicher zu Wort melden, der Schweiz zuliebe.

Noch kurz zu etwas weniger Grauenhaftem: Sie werden am Samstag in Zürich auftreten. Werden Sie Musik spielen?

Vorher und hinterher ja, während der Lesung aber werde ich vor allem eines tun: Ich werde lesen.

Sie haben allen Lastern abgeschworen – ausser dem Rauchen. Wird am Samstag geraucht?

Wenn ich darf, ja. In Theaterhäusern manchmal schwierig, oft aber kann ich
es dann durchsetzen als dramaturgisch geboten. In Staatstheatern steht dann ein Feuerwehrmann hinterm Vorhang. Meistens sind die selbst Raucher. Mit Helm!

Und das Publikum, darf das auch rauchen?

Von mir aus schon. Falls es nur auf der Bühne erlaubt sein sollte, darf jeder aus dem Publikum gern auf die Bühne kommen für eine Zigarette. Nur besteht da
die Gefahr, von mir in ein Gespräch verwickelt zu werden. Aber das kann ja auch nett sein.

Zürich Benjamin von Stuckrad-Barre liest am Samstag, dem 19. November, um 20 Uhr im Schauspielhaus in Zürich aus seinem Bestseller «Panikherz» (Kiepenheuer & Witsch).

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