Das wird – die Wette gilt! – der meistzitierte Romananfang dieses Bücherherbstes. Er lautet so: «Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiografie. Denn eine Autobiografie ist das letzte Buch.» Damit beginnt Urs Widmer seinen neuen Roman «Reise an den Rand des Universums», und es ist – jawohl! – ein autobiografischer Roman.

Koketterie? «Nein, mein Zögern war echt», sagt Urs Widmer. Wir sitzen im Garten vor seiner Schreibstube in Zürich Hottingen in der August-milden Nachmittagssonne, und Urs Widmer dementiert gleich eine zweite Vermutung: dass er diese Sätze seinem Erinnerungsbuch erst nach vollbrachter Tat vorangestellt hat. «Nein, damit habe ich begonnen.» Und mit dem Beginnen begann die Befreiung. «Nachdem ich die Eingangshürde übersprungen hatte», erinnert sich Widmer, «fiel es mir trotz der dunklen Stellen leicht, dieses Buch zu schreiben.» Was diesem zaudernden Präludium folgt, sind Erzählungen aus dem wirklichen Leben des Urs Widmer, geboren am 21. Mai 1938 in Basel, Sohn von Anita Mascioni und Walter Widmer. Den Schlusspunkt zu seinem Rückblick auf die ersten dreissig Lebensjahre schliesslich setzt Widmer mit einem neuen Anfang: jenem als Schriftsteller.

Fama aus der Welt geschafft

Glücklicherweise hat Widmer seine eigene Warnung in den Wind geschlagen und ist zu seinen Anfänge zurückgekehrt. Diese Autobiografie ist ein sprachlich gewaltiges Buch; es ist humorvoll, ehrlich und authentisch, obwohl Widmer zugegebenermassen ab und an ein wenig flunkert. Den ersten offiziellen Schulterklaps für sein Erinnerungsbuch hat man Widmer für diese Woche verabreicht: Es wurde auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gesetzt.

«Reise an den Rand des Universums» beginnt chronologisch. «So wurde ich gezeugt.» Bei einem Schäferstündchen nämlich im Lötschental. Damit wäre eine Fama definitiv aus der Welt geschafft: Urs Widmer ist nicht der uneheliche Sohn des berühmten Dirigenten Paul Sacher, wie Anspielungen im pseudo-autobiografischen Text «Der Geliebte meiner Mutter» (2000) noch ahnen liessen.

Vom Vater mit Klassikern eingedeckt

Die Jugend in Basel ist nicht nur einfach. Die Mutter ist psychisch krank, der Vater, ein Gymi-Lehrer, Literaturkritiker und Übersetzer, lebt ein hermetisches Leben. Doch der Vater pflegt auch Kontakte zu Grössen des Kulturbetriebes, kennt den Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, Erich Kästner, Ingeborg Bachmann. Vom Vater, erzählt Widmer im Garten vor seinem Schreibhaus, wurde er aber auch mit französischen Klassikern eingedeckt, der Vater schenkte ihm ein Buch von Walter Benjamin, Freuds «Der Witz und seine Bedeutung».

Dieses kulturelle Umfeld, das ganz wesentlich zur literarischen Sozialisation von Urs Widmer beigetragen hat, blendet er in seiner Autobiografie aus. Wichtig sind ihm auf den Stationen seines Werdens die ausserliterarischen Faktoren, die schliesslich den Humus für das spätere Künstlertum bildeten. In Dekaden aufgeteilt, erzählt er von der Kindheit (1938–1948), der Entdeckung der Welt/Sexualität (1948–1958) und schliesslich vom Hineinwachsen in die Erwachsenenwelt und ins Schriftstellertum (1958–1969), das – so das letzte Kapitel – «mit einem «Urknall» begann und zu «Alois» führte, dem ersten Buch Widmers.

Widmer spielt kein Versteckspiel. Er verschweigt weder Unangenehmes noch Schmerzliches. «Ja, ich gebe einiges von mir preis», sagt er. Er erzählt von der Mutter, die plötzlich verschwunden war und die die Familie später in einer psychiatrischen Klinik besuchte; vom kränkelnden Vater, der stundenlang auf seine Schreibmaschine hämmerte. Aber auch von Ferien im Puschlav als erholsame Gegenwelt.

Offenes Buch – mit weissen Flecken

Wir erfahren Geschichten von Klein Urs und seinen Ticks, erfahren einiges über die amourösen Höhenflüge und Bruchlandungen des Adoleszenten, lesen von Panikattacken und Depressionen und erfahren, dass Widmer diesem Psycho-Unbill über Jahre psychoanalytisch auf den Leib gerückt ist. Es ist ein offenes Buch – mit weissen Flecken. «Ich hatte schliesslich immer die Deutungshoheit über die Ereignisse und konnte somit selbst entscheiden, was ich schreiben wollte und was nicht.»

Was wohl Vater Widmer zur Autobiografie seines Sohnes sagen würde? Urs Widmer stutzt und denkt nach. «Ich stelle mir vor, dass er sie mit einer gewissen Ambivalenz zu lesen begänne, sich nach und nach aber immer mehr zurücklehnen würde und schliesslich Freude daran hätte.» Mit dem imaginierten Zuspruch des Vaters und Literaturkritikers wäre demnach der Weg geebnet für eine Fortsetzung, die Widmer im Vorwort noch in den Wind schlägt. Widmer winkt ab. «Was immer kommen wird: Ich hoffe, dass es keine Fortsetzung der Autobiografie ist.» Zu nahe seien noch viele seiner Wegbegleiter, er käme wohl «in Teufels Küche», denn «verschwiegene Höflichkeit» liege ihm nicht. Dann schaut er den Besucher an und sagt: «Und schliesslich die Frauen!» Pause. «Das Wort Intimität wurde erfunden, damit die Sache intim bleibt.»

Urs Widmer Reise an den Rand des Universums. Diogenes 2013. 347 S., ca. Fr. 34.–.
Buchpremiere:
Donnerstag, 29. August, 19 Uhr, Literaturhaus Basel.