Denise Bohnert

Emsig - dieses Wort beschreibt die kurze Probepause in der Theaterhalle. Der Dirigent, Roman Digion, steht auf der Leiter, schraubt noch einen Fluter an. Die Kinder - wiederum im Ensemble dabei - rennen auf dem Steg herum. Jemand wischt den Parkettboden. Er stammt aus der diesjährigen Produktion der Aemtler Bühneund wurde unter viel Kraftaufwand in die Mitte der Halle verschoben, wo die Bühne für «Hubicka» steht. Wieder wird die Halle in einer neuen Variante genutzt.

Ausdauer und Sorgfalt

Der Chor bevölkert die Bühne. Rund 30 Personen sollen etwas widerspenstig aber doch flüssig, so die Regieanweisung, mit einem Trinkspruch über den Steg hinter die Bühne abgehen. Wieder und wieder muss aufgestellt, die Szene mit der Musik abgestimmt werden. «Leert das Glas in einem Zug - wollen die zwei nicht länger stören, haben sie gegrollt nicht lang genug?» An welcher Stelle Atem holen? Das ist wichtig, um im Rhythmus zu sein.

Viel Geduld ist von allen gefordert, nicht nur in der Probenarbeit, auch in der Geschichte um den kleinen Kuss, Hubicka, so der Titel der Oper von Bedrich Smetana. Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Verlobungskuss - das ist Thema der verschlungenen Geschichte, denn die betroffenen Verlobten sind darüber sehr verschiedener Meinung.

Ein Viertel des Textes ist in Tschechisch (für die Zuschauenden per Bildschirm übersetzt). Von «Laska», von Liebe, ist die Rede. Zwei Tschechisch sprechende Personen sind anwesend, um bei der Aussprache zu helfen. Mit Sorgfalt wird an jedem Detail gefeilt.

Auffallend die Kostüme der Chormitglieder, sie sind Schmuggler im Wald, Nachbarn, Musikanten. Mit etwas Stolz erzählt Mengia Caflisch, Regisseurin, unermüdliche Allrounderin und Herz von Opernhausen, dass sie beim Kostümausverkauf des Zürcher Opernhauses ihre Karte abgegeben habe, worauf die Verantwortliche ihr einen ausnehmend freundschaftlichen Preis gemacht habe, mit den Worten: «Wir helfen einander doch gern!» So sind sich Opernhausen und das Opernhaus nicht nur im Namen nahe gekommen.

Experiment und Gemeinschaftswerk

Opernkenner besuchen die Aufführungen von Opernhausen ebenso gerne wie Neulinge auf diesem Kulturgebiet. Hier ist man so nahe dran wie nirgends, der Rahmen ist intim und vielleicht kennt man noch jemand der Laien im Chor. Die Solisten jedoch sind angehende Profis, in höheren Graden der Ausbildung. Opernhausen ist immer auch Experimentier- und Ausbildungsort. Jungen Nachwuchstalenten bietet sich die Möglichkeit, sich an zunehmend professionellen Ansprüchen zu messen, grosse Bühnenrollen zu singen.

Auch junge Instrumentalisten - wieder wird ein etwa 30-köpfiges Orchester die Musik live spielen - gestalten die Produktion in allen Sparten mit. Die Sängersolisten legen beim Bühnenbau Hand an, die Choristen bereiten das Essen zu. Putzen müssen alle, das ist Tradition und darüber wacht Mengia Caflisch mit Argusaugen. Der Staub in der Halle ist immer ein Thema, wegen der Stimmen; dieses Jahr hat ein innovatives Mitglied des Chores einen speziellen Wasservorhang konstruiert, der die Luft verbessert.

Gehörloser Komponist - emanzipierte Librettistin

Bedrich Smetana ist der bekannteste Tschechische Komponist und den meisten von seiner symphonischen Dichtung «Die Moldau» und der Oper «Die verkaufte Braut» bekannt. Smetana setzte sich für eine eigenständige tschechische Kultur ein und hat in diesem Sinne auch politisch komponiert. 1874 erkrankte er schwer und verlor sein Gehör. Nichtsdestotrotz komponierte er weiter, konnte die geschriebenne Musik mit den Augen «hören» - «Der Kuss» war das erste Werk nach seiner Ertaubung.

Das Libretto, von Eliska Krásnohorská verfasst, gründet auf einer literarischen Vorlage von Karolina Svetlá. Beide Frauen waren Mitstreiterinnen einer Emanzipationsbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis ins 20., setzten sich für schreibende Frauen und die gymnasiale Bildung von Mädchen ein.
«Der Kuss» ist eine romantische Oper in zwei Akten. Sie wurde am 7. November 1876 in Prag uraufgeführt, mit grossem Erfolg, was für den gehörlosen Komponisten, der sie unter grossen Schmerzen geschrieben hatte, viel bedeutete. Die Volksoper spielt im böhmischen Wald, Duette, Terzette und Tanzszenen sind enthalten; Smetana schöpfte auch aus der tschechischen Volksmusik und setzte sich so von der italienischen wie der deutschen Oper ab.

Warmes Essen und freier Eintritt

Wie immer bei Opernhausen wird vor den Abendvorstellungen warmes Essen serviert, die Theaterbeiz ist jeweils zwei Stunden vor Beginn geöffnet. Ein Eintritt wird nicht verlangt (Plätze können aber reserviert werden), am Schluss wird eine Kollekte erhoben, zu der man etwa 30.- Fr. beiträgt. Bis zur Premiere, diesen Freitag, 4. September, wird die Tribüne - ein Erbstück aus dem Kellertheater Bremgarten - noch erhöht, damit die Sicht von jedem Platz aus optimal ist.