Basel
Hölderlins ganze innere Welt bricht klangvoll auseinander

Georg Friedrich Haas’ «Nacht» wird in der Gare du Nord in musikalisch und szenisch starker Produktion gespielt. Sie bietet einen Einblick in das düstere Leben von Friedrich Hölderlin.

Christian Fluri
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Grossartig gespielt und gesungen: im Bild Michael Feyfar (hinten) und Robert Koller und das Ensemble «Dialog».

Grossartig gespielt und gesungen: im Bild Michael Feyfar (hinten) und Robert Koller und das Ensemble «Dialog».

Lucerne Festival

Wir sitzen mitten in der Musik von Georg Friedrich Haas drin, im Zuschauerraum der Gare du Nord. Mitten in den zerbrechlichen, auch zerbrechenden, dann wieder aufwühlenden mikrotonalen Klangebilden. Haas' Musik zu seiner Oper «Nacht» ist eine dunkle Seelenmusik: Sie zieht uns hinein in die düstere Welt der Psyche des wahnsinnig gewordenen Friedrich Hölderlin. Das junge Ensemble «Diagonal für zeitgenössische Musik der Hochschule für Musik Basel» entfaltet mit seiner Präzision und hoher Intensität im Spiel einen enormen Sog. Dirigent Jürg Henneberger treibt sie förmlich an.

Die Musik erklingt klar und emotional aufgeladen. Ebenso zieht uns die eindrückliche szenische Umsetzung von Regisseurin Desirée Meiser und Bühnenbildnerin Nives Widauer in die dunkle Innenwelt Hölderlins. Mit der Aufführung, die eine Koproduktion mit dem Lucerne Festival ist, hat die Gare du Nord ihre Saison eröffnet.

Starke Bilder, Raum für die Musik

«Nacht», Haas' Oper von 1996, handelt von den 36 Jahren, die der geistig umnachtete Hölderlin bis zu seinem Tod im Turmzimmer in Tübingen verbringt. Die 24, teils sehr kurzen Bilder des rund 75-minütigen Werks fliessen manchmal ineinander über, dann stossen sie sich wieder ab oder sind wie im Film aneinandergeschnitten, sind so selbst Ausdruck des zerbrechenden Innern Hölderlins.

Das Libretto ist eine faszinierende, in sich schlüssige Collage aus Fragmenten von Texten und Briefen Hölderlins gestaltet. Sechs Solisten singen die Texte, schlüpfen immer wieder in andere Figuren. Das sind alles Figuren in Hölderlins Psyche, die dort ihre Kämpfe, Diskurse führen. Sie bilden zusammen den Kosmos Hölderlin, der auseinanderbricht.

Desirée Meiser setzt dies im Einklang mit Haas' starker Musik in einer kargen Regie ins Bild. In dieser Kargheit liegt die Genauigkeit der Bildsprache. Nives Widauer hat einen hellen Raum mit drei Türen gestaltet. Er ist halb Gruft halb Klinikum. Hauptrequisit ist Hölderlins Tisch, der aus seiner Trumstube, auf dem er seine geistigen Kämpfe mit sich und den ihn umsorgenden Besuchern ausficht: Symbol für die Fläche in sich, die er mit seinen Gedanken, Emotionen, seiner Verzweiflung, seinem Aufschrei immer neu und anders beschrieb. Weitere Requisiten sind alte Bücher, aus denen die Figuren lesen, die sie sich im Streitdiskurs beschwörend entgegen strecken.

Sie stehen für das künstlerische Wort, für das weit auffliegende Denken, das auf dem Boden der aussichtslosen politischen Realität sowie auf dem Boden der gebrochenen persönlichen Realität zerschellt.

Am Tisch blickt Bariton Robert Koller als Hölderlin zornig, düster in den Raum. Zusammen mit Sprecher Hans Peter Blochwitz sitzt er da als doppelter Hölderlin, beide mit traurig, verzweifeltem Blick. Tenor Michael Feyfar mimt das hoffende Element, das noch an den literarischen Entwürfen festhält; Bass Michael Leibundgut den eher sanften Melancholiker. Sie spielen ihre Figuren und gestalten ihre Partien eindringlich, hoch präzis. Ebenso Johanna Greulich und Silke Gäng. Sie verkörpern Liebessehnsucht, umsorgende Liebe aber auch Bedrohung für Hölderlin. Das hervorragende Ensemble kreiert in genau gezeichneten stilisierten Gesten und Bewegungen Bilder, die den Bogen von der Romantik zu heute spannen. Desirée Meiser führt das Stück so auch weg vom Individuum Hölderlin. Der Zusammenbruch von Lebensentwürfen und Utopien, - dafür steht die «Nacht» (siehe unten) - ist nicht das Individuum gebunden.

Erschütternder Blick in die Seele

Es sind erschütternde Bilder einer zerrissenen Seele, die wir hier erfahren. Mit der von Nives Widauer eingesetzten Wärmekamera werden die Körperbewegungen der Solisten als sich verändernde amorphe Seelengebilde an die Wand projiziert. Gebilde mal zusammendrängen, dann wieder auseinanderdriften, mal zerbröseln.

In einem schier unerträglichen Crescendo kulminiert die schreiende Verzweiflung Hölderlins. Danach bricht er todesmüde ein. Die Musik löst sich gleichsam auf bis zu einem letzten Ton. Er versucht in letzter Anstrengung, seine Seele zu erhaschen, dieses hier an die Wand projizierte Bild seines Unbewussten. Gleissendes Licht blitzt auf: nackt, erstarrt, und auch hier allein steht er da.
Erschütternd ist der Schluss von Haas' Oper «Nacht» in Basel, musikalisch wie szenisch. Mit heftigem Applaus bedankte sich das Publikum für dieses grosse Theaterkunstwerk.

Nacht Gare du Nord, bis 24. Oktober

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