Am Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse. Die Verlage präsentieren ihr Herbstprogramm. Für den Christoph Merian Verlag (CMV) markieren die Neuerscheinungen auch einen Abschied: Der Basler Verlag bringt seine letzten zwei Hörbücher heraus. Nach 12 Jahren zieht er sich aus dem Geschäft mit vertonten Büchern und Bühnenstücken zurück. «Es war eine Erfolgsgeschichte», sagt Verlagsleiter Oliver Bolanz. War es, ist es aber nicht mehr. «Der Markt ist in den letzten Jahren eingebrochen, die Umsätze bei den Hörbüchern sind dramatisch zurückgegangen.»

Bolanz sieht mehrere Gründe für den Einbruch: «Einerseits ist der Archivschatz gehoben. Nach 150 Veröffentlichungen hat sich dieser kommerziell betrachtet erschöpft.» Und kommerziell denken war nötig, denn das Hörbuchprogramm musste selbsttragend sein, da sei kein Stiftungsgeld der CMS reingeflossen. Manche Produktionen waren Liebhabersache, etwa Lyrik-CDs oder literarische Hörspiele. «Diese konnten wir auf den Markt bringen, weil wir sie querfinanzieren konnten. Eine «Schreckmümpfeli»-CD ermöglichte vier Nischenprodukte.» Doch auch das ist nicht mehr denkbar: Konnte man vor zehn Jahren noch 32 Franken für ein Hörbuch verlangen, so sind die Preise im Online-Bereich auf zehn bis 12 Franken gefallen.

Porzellan statt Compact Disc

Als der CMV 2005 in das Geschäft der Audiobooks einstieg, sah die Situation noch rosig aus: Hörbücher boomten. Radio DRS und der CMV gingen eine Partnerschaft ein, das Radio konnte so seine Hörspiele lizenzieren, der CMV im überregionalen Buchhandel sichtbar werden. 

In den besten Jahren presste der CMV an die 16 Programmhighlights von Radio DRS 1 und 2 (heute SRF) auf CD und vertrieb diese im deutschsprachigen Raum. Manches waren heimelige Evergreens, wie die Hörspielfassung von «Spalebärg 77a» mit Ruedi Walter und Margrit Rainer aus dem Jahr 1958, aber auch Autorenlesungen wie Arno Camenischs «Nächster Halt Verlangen» oder die Lyrik-Doppel-CD «Wenn ich Schweiz sage…» gehörten zum Programm und machten den CMV zu jenem Schweizer Verlag mit dem grössten Hörbuch-Programm.
Und was war der Bestseller im Programm? Gisela Widmers Kolumnenlesung «Zytlupe», die 2007 erschien. «Davon haben wir mehrere Tausend Exemplare verkauft», sagt Bolanz.
Der Anfang vom Ende zeigte sich 2011. Thalia, eine der grössten Buchhandlungen der Nordwestschweiz, hatte die Hörbücher noch in grossen Lettern angepriesen, im Regal aber stapelten sich Porzellanwaren.

Die Hörbücher wurden verdrängt, sie verschwanden. Nicht nur, weil die Klassiker von Dürrenmatt oder Frisch ausgespielt worden sind. Sondern auch, weil sich die Hör- und Nutzungsgewohnheiten verändert haben.

Online trägt wenig Früchte

Die Hörbuch-CDs werden von Streaming- und Onlinedownloads verdrängt. Und die Erlöse seien da sehr gering für die aufwendige Verlagsarbeit, führt Bolanz aus. Auf einer Plattform wie der Amazon-Tochter Audible erhält ein Verlag die Hälfte, wenn man von 10 Franken für ein Audiobook ausgeht, bleiben dem Verlag fünf Franken brutto, davon geht Mehrwertsteuer weg, auch Lizenzgebühren, Rechteabgeltung an die Leser/Schauspieler, Autoren, Bearbeiter. Am Ende bleibe kaum was übrig. «Das Download-Geschäft lohnt sich nur für massentaugliche Produkte», sagt Bolanz.

Dass der CMV 2014 den Deutschen Hörbuchpreis gewann: ein schöner Trost, eine Erinnerung, die bleibt, zusammen mit den 150 Produktionen, die noch längere Zeit im Handel erhältlich sein werden. Für die Zukunft aber konzentriert sich der Verlag wieder ganz auf das Buch, und zwar auf das gedruckte, wie Bolanz betont. «Wir legen bei unseren Büchern grossen Wert auf die Gestaltung, auf das haptische Erlebnis – und das funktioniert im Bereich Kultur und Geschichte besser als ‹richtiges› Buch.» Darin sieht er in der Nische eine Zukunft.

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Hörbuchsterben

Schweizer Hörbücher: Es sieht mager aus

Man könnte meinen, der Fall sei klar: CDs sind von gestern, da zieht keiner mehr mit. Fragt man aber bei den betroffenen Schweizer Verlagen nach, fällt die Antwort keinesfalls eindeutig aus. Sowohl Der Gesunde Menschenversand, als auch Diogenes und Kein & Aber produzieren weiterhin Hörbücher. «Bei uns geht es weiter wie bisher», meint Ruth Geiger von Diogenes. Im Vergleich zu früheren Jahren haben sich Absatz und Produktion verringert, das sei klar. «Aber wir haben nach wie vor ein Publikum, das Hörbücher kauft.»
Bei Kein & Aber ist man bereits vor Jahren vorsichtiger geworden: «Wir machen seit vielen Jahren nur noch sehr reduziert und ausgewählt Hörbücher. Aber wir pflegen weiterhin unsere langjährige Backlist in physischer, wie auch in Download-Form», sagt die Kommunikationsverantwortliche Julia Strack.
Bei einem Spoken Word-Verlag sieht die Sache schon anders aus – oder? Schliesslich macht gerade das gesprochene Wort diese Form von Literatur aus. Weit gefehlt: «Das Problem mit den Hörbüchern ist definitiv ein Thema für uns. Ich bin immer noch am überlegen, wie es sich lösen lässt», sagt Verleger Matthias Burki. Die goldenen Zeiten der Hörbücher sind vorbei, auch für einen Spoken Word-Verlag. Mittelfristig wird es das Format aber auch da noch geben. «Wir entscheiden von Projekt zu Projekt neu, ob es eine Hörbuchversion geben soll oder nicht.»